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22. Januar 2006, 10:32 Uhr

Cystus-Bonbons

Lutschen gegen die Vogelgrippe

Ein Pflanzenextrakt in Hustenpastillen eröffnet neue Möglichkeiten im Kampf gegen die Vogelgrippe. Sollte sich die antivirale Wirkung bei Tests bestätigen, könnten Betroffene die Infektion eines Tages regelrecht weglutschen, hoffen Wissenschaftler.

Berlin/Tübingen - Es wäre zu schön, um wahr zu sein. Die Vogelgrippe kommt - und wird nicht etwa durch aufwändige und teure Präparate bekämpft, sondern durch simple Hustenbonbons. Genauer gesagt - durch einen Wirkstoff, den es schon in allerlei Pastillen gibt: Cystus-Extrakt.

Wissenschaftler des staatlichen Friedrich-Loeffler-Instituts, der Berliner Charité und der Universität Münster sind bei der Erforschung des pflanzlichen Wirkstoffs nun einen Schritt voran gekommen: Nachdem die Forscher bei Versuchen mit Zellkulturen bereits eine starke antivirale Wirkung des Cystus-Extrakts nachgewiesen hatten, zeigte sich jetzt bei weitergehenden Untersuchungen, dass in den Zellkulturversuchen mit Vogelgrippeviren keinerlei Resistenzphänomene gegen den Wirkstoff zu beobachten sind.

Das Ergebnis ist für Stephan Ludwig, Wissenschaftler am Institut für Molekulare Virologie an der Universität Münster, klar: "Auch ein mutierter Erreger kann sich der antiviralen Wirkung des Extraktes nicht entziehen." Demnach könnte der pflanzliche Wirkstoff eventuell auch gegen den derzeit grassierenden Vogelgrippetyp H5N1 einsetzbar sein. Der Münsteraner Grippeforscher empfiehlt deshalb ein Vorantreiben der wissenschaftlichen Untersuchungen.

Für weitere Forschungen spricht sich auch das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz aus. Der Münsteraner Forscher Ludwig und Oliver Planz vom Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) in Tübingen haben die Ermunterung aus dem Ministerium aufgegriffen und wollen dort in der nächsten Woche einen Forschungsantrag einreichen, in dem der pflanzliche Wirkstoff im Tierversuch auf Herz und Nieren geprüft werden soll.

"Nach den viel versprechenden Ergebnissen im Zellkultursystem bin ich zuversichtlich, dass wir auf der richtigen Spur sind", sagt der Wissenschaftler vom FLI.

Verantwortlich für die Wirksamkeit des aus einer im Mittelmeerraum beheimateten Cystusart hergestellten Extrakts sei der hohe Anteil von Polyphenolen, erklärt Planz. Diese sorge für eine chemisch-physikalische Blockierung, die wiederum einen virushemmenden Effekt habe. Oder einfach ausgedrückt: Die Polyphenole verhindern, dass die Viruspartikel effizient in die Zelle eindringen können.

Fachliche Unterstützung kommt von Holger Kiesewetter von der Charité. Er hat in einer kontrollierten Studie mit 80 Testpersonen, die an Infekten im Hals-, Nasen- und Rachenraum erkrankt waren, "gute Erfolge" bei der Behandlung mit dem Cystus-Extrakt beobachtet. "Bei 75 Prozent der Teilnehmer hat sich eine Besserung oder Heilung eingestellt", sagt er.

Doch beim FLI dämpft man zugleich allzu optimistische Erwartungen: "Es werden gegenwärtig weiterführende klinische Studien in Auftrag gegeben", sagt Sprecherin Elke Reinking und warnt: "Es wäre hypothetisch zu sagen, das Medikament könnte man wie Tamiflu einsetzen." Der Erfolg im Zellkulturversuch sei zwar ein interessantes Ergebnis, besage aber allein noch nicht viel.

Klaus Hilkmann, ddp

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