Dämpfe in Delphi Das Orakel war high

Die griechischen und römischen Herrscher vertrauten ihr blind. Doch offensichtlich war die Frau, die die Weissagungen des Orakels von Delphi verkündete, auf einem ganz besonderen Trip.


Auf einem Dreifuß hockend und der Welt entrückt lauschte Pythia, die Orakelpriesterin von Delphi, den Äußerungen Apollos. Die nötige Inspiration für ihr oftmals sibyllinisches Gestammel bekam die Prophetin dabei von göttlichen Dämpfen, die aus einer Erdspalte unterhalb ihres Tempels strömten. So zumindest beschrieb Plutarch, selbst zwanzig Jahre lang Oberpriester in Delphi, das Wirken des wohl berühmtesten Orakels der antiken Welt.

Doch Wissenschaftler, wie das Orakel immer auf der Suche nach der alleinigen Wahrheit, konnten den Versen des Philosophen bislang wenig abgewinnen. Als der Apollo-Tempel Ende des 19. Jahrhunderts ausgegraben wurde, entdeckten Archäologen weder einen Riss in der heiligen Erde noch irgendwelche berauschenden Ausdünstungen. Möglicherweise, so die Deutung vieler Altertumsforscher, stand Pythia gar nicht unter Drogeneinfluss, sondern hatte einen tranceähnlichen Bewusstheitszustand eingenommen.

Jelle de Boer von der Wesleyan University in Middletown (US-Bundesstaat Connecticut) lässt diese These keine Ruhe. Bereits vor vier Jahren hatte der Geologe für Aufsehen gesorgt, als er die Existenz einer aktiven geologischen Bruchzone im Gebiet des Tempels propagierte. Jetzt hat de Boer zusammen mit einem Team aus Anthropologen und Meereskundlern den Tempel noch einmal genauer unter die Lupe genommen und seine Erkenntnisse veröffentlicht.

Wie das britische Wissenschaftsmagazin "Nature" in seiner Online-Ausgabe berichtet, entdeckten die Wissenschaftler eine zuvor unbekannte Spalte, die direkt unterhalb des Tempels und des Allerheiligsten verläuft. Die Bruchzone wird sowohl von aktiven als auch von ausgetrockneten Quellen unterbrochen.

Gleichzeitig kreuzt, so de Boer und Kollegen in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift "Geology", die neu entdeckte Spalte die seit langem bekannte Delphi-Verwerfung direkt unterhalb des Tempels. An derartigen Kreuzungen werden die darüber liegenden Kalksteinschichten besonders durchlässig für Gase und Grundwasser.

Durch seismische Aktivitäten könnten schließlich kohlenwasserstoffhaltige Dämpfe an die Oberfläche gekommen sein. Tatsächlich soll sich nach Angaben de Boers im Nordwesten des Tempels eine Quelle befinden, die Spuren von Methan und Äthylen enthält.

Sollten die Wissenschaftler recht behalten, wäre Plutarch auf ganzer Linie rehabilitiert. Den Beschreibungen des antiken Schriftstellers zufolge hatten die betörenden Ausdünstungen aus dem Erdinnern nicht nur einen süßlichen Geruch, ein tiefer Lungenzug führte mitunter auch zum Tod der Orakelpriesterin.

Nebenwirkungen, die auch Äthylen zugeschrieben werden. Dem Gas, früher als Betäubungsmittel eingesetzt, wird ein süßlicher Geruch nachgesagt. Es stimuliert das zentrale Nervensystem, ist in großer Mengen tödlich, in kleinen dagegen ungemein euphorisierend. Offensichtlich genau die richtigen Zutaten für ein funktionierendes Orakel.



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