Erschlagen, zerlegt, gepfählt Das Gemetzel von Jütland

Im heutigen Dänemark tobte vor 2000 Jahren eine Schlacht. Nun haben Archäologen rekonstruiert, was damals genau passierte. Sie fanden Hinweise auf grausige Rituale.

Schädel vom Fundplatz Alken Enge
HANDOUT - - Handout - Kranie under udgravning. Credit: Ejvind Hertz, Skanderborg Museum Foto: Ejvind Hertz, Skanderborg Museum

Schädel vom Fundplatz Alken Enge


Sie fielen mit Speeren, Schwertern, Messern und Äxten übereinander her: Bei einem Gemetzel vor 2000 Jahren starben im heutigen Dänemark Hunderte junge Männer. Archäologen haben nun ihre Geschichte rekonstruiert, wie ein Forscherteam um Mads Holst vom Moesgaard Museum in Højbjerg im Fachblatt "Proceedings of the National Academy of Sciences" berichtet.

Die archäologische Stätte Alken Enge liegt im Osten des dänischen Festlands in Jütland und ist seit Jahrzehnten berühmt. Erste Ausgrabungen fanden bereits 1957 bis 1960 statt. Heute ist die Fundstätte ein etwa 75 Hektar großes Feuchtgebiet. Lange gingen Archäologen davon aus, dass es sich um einen Opferplatz handelt, an dem Waffen wie Speerspitzen, Schwerter, Teile von Schilden, Eisenmesser und Äxte niedergelegt wurden.

Holst und seine Kollegen glauben dagegen, der Fundplatz könnte zudem der Ort einer Schlacht von vor 2000 Jahren sein. Seit knapp zehn Jahren untersuchen Archäologen das Gebiet deshalb erneut. Sie analysierten knapp 2100 Knochen und schätzen, dass einst mindestens 380 junge Männer in Alken Enge ums Leben kamen.

Durch die Radiokarbonmethode konnten die Knochen auf die Zeit zwischen 2 vor Christus und 54 nach Christus datiert werden. Da die Knochen alle aus diesem Zeitraum stammen, gehen die Forscher von einem einzigen Ereignis aus, bei dem die Menschen zu Tode kamen.

Mithilfe der Knochen konnten die Wissenschaftler den Hergang der Schlacht rekonstruieren. So spricht die Ausformung der Knochen dafür, dass sie hauptsächlich von Männern in einem Alter von 20 bis 40 Jahren stammen. Die Archäologen glauben, dass es sich um eher unerfahrene Krieger handelt, da sie kaum Hinweise auf verheilte Verletzungen fanden.

Von wilden Tieren gefressen

An einigen Knochen fanden sich auch Bissspuren von Füchsen, Hunden und Wölfen. Die Forscher gehen deshalb davon aus, dass die Körper der Toten bis zu einem Jahr lang offen herumlagen und Raubtiere über sie herfielen.

Die Körper wurden offenbar auch absichtlich zerlegt. So fanden die Archäologen Schnittspuren an Knochen, die darauf hindeuten, dass Gelenkbänder bewusst voneinander getrennt wurden. Besonders ein Fund weist auf ein grausiges Ritual hin: Vier Beckenknochen fanden die Wissenschaftler auf einem Pfahl steckend, wobei die Knochen jeweils um 180 Grad gedreht zusammengebracht wurden.

Einen Großteil der Knochen entdeckten die Archäologen an einer Stelle, die vor 2000 Jahren zwischen zwei Sandbänken lag. Die Leichenteile sind womöglich im seichtem Wasser versenkt worden. Später versumpfte das Gebiet, die Knochen blieben erhalten.

Wer die Krieger waren, ist unklar. Die Schlacht ereignete sich zu der Zeit, als das römische Heer gen Norden marschierte. Die Keramik vom Fundplatz deutet jedoch darauf hin, dass die Krieger aus der Region stammten. Das Fazit der Forscher: "Alken Enge liefert ein neues, noch älteres Zeugnis für die Geschichte der Militarisierung der nordgermanischen Gesellschaften und betont die prägende Bedeutung der Expansionsphase des Römischen Reiches zur Zeitwende."

Im Video: Archäologie mit Drohne und Laser

SPIEGEL TV

Von Stefan Parsch/dpa/koe



insgesamt 18 Beiträge
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sok1950 22.05.2018
1. "einer Stelle, die vor 2000 Jahren zwischen zwei Sandbänken lag"
War der Meeresspiegel vor 2.000 Jahren höher und erreicht - nach einer kleinen Eiszeit - nun endlich seine "normale" Höhe? Klimaforscher, gerade aus Potsdam, sollten mal etwas interdisziplinär forschen.
patrick_vatterodt 22.05.2018
2.
Zitat von sok1950War der Meeresspiegel vor 2.000 Jahren höher und erreicht - nach einer kleinen Eiszeit - nun endlich seine "normale" Höhe? Klimaforscher, gerade aus Potsdam, sollten mal etwas interdisziplinär forschen.
Was ist denn "normal"? Das das Gelände damals zwischen zwei Sandbänken lag und heute nicht mehr hängt mit der nacheiszeitlichen Hebung des Geländes zusammen. Da wirken also mehrere Faktoren zusammen. Das ist den Klimaforschern ganz sicher bekannt!
geri&freki 22.05.2018
3. Nörgeln aus Passion?
Zitat von sok1950War der Meeresspiegel vor 2.000 Jahren höher und erreicht - nach einer kleinen Eiszeit - nun endlich seine "normale" Höhe? Klimaforscher, gerade aus Potsdam, sollten mal etwas interdisziplinär forschen.
Landhebungen, Bodenabträge, Erosion, Meeresspiegelanstieg, Verlandungsprozesse und Moorneubildung sind komplexe, zum Teil gegenläufige Prozesse, die namentlich im Ostseeraum seit dem Abschmelzen des skandinavischen Eisschildes nach der letzten Eiszeit parallel ablaufen. Zu der Abfolge von Kalt- und Warmzeiten, der Vegetations-, Faunen- und Landschaftsgeschichte der letzten Jahrtausende dort finden sich, wer es wissen will, sehr umfangreiche wissenschaftliche Abhandlungen - auch und gerade von Klimaforschern. Aber auch von Geologen, Glaziologen, Botanikern, Archäologen und anderen Wissenschaftlern, deren Fachgebiete sich hier zwangsläufig überschneiden und kaum losgelöst voneinander agieren können. Warum Sie meinen, gerade in diesem Zusammenhang an der Klimaforschung herumkritteln zu müssen, ist daher schleierhaft. Wahrscheinlich haben Sie auch nur nach einer Gelegenheit gesucht, Ihre Botschaft loszuwerden...
bombobabier 22.05.2018
4. Mindest 380 junge Männer...
Ich frage mich immer wieder, woher die Herrscher und Machthaber früherer Zeiten die Massen an jungen Männer herbekommen haben, die sich gezwungenermaßen oder sogar freiwillig für ihre Herren haben abschlachten lassen. Haben die Männer den jeweiligen Gesellschaft denn nicht gefehlt, als Bauern, Handwerker, Händler? Warum haben sich die Gesellschaften nicht gegen die Rekrutierung ihrer jungen und kräftigen Männer als Opferlämmer gewehrt? Oder hatten die vielen Toten sogar eine regulative Funktion, z.B. bei der Regelung von Erbschaften etc.? Im Mittelalter waren es häufig die nachgeborenen Söhne, die auf Kreuzzüge geschickt wurden, um klare Nachfolgeregelungen zu haben. Schließlich landeten aus den selben Gründen auch viele Mädchen in Klöstern.
lachina 22.05.2018
5. Bei Germanen spielten
auch religiöse Gründe eine Rolle: Der Tod im Bett galt als Schande. Dennoch : Dieser Bericht zeigt mir mal wieder auf, dass "Früher war alles besser" einfach nicht so stimmt.......
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