Wertvolle Untermieter Hunderte neue Bakterien im Darm entdeckt

Sie beeinflussen das Risiko für Diabetes, Asthma und Übergewicht - Forscher haben 500 neue Mikroorganismen in unserem Darm entdeckt. Das Wissen soll helfen, die Krankheiten zu behandeln, und liefert eine Alternatividee zum Einsatz von Antibiotika.

Darm: Unser Verdauungssystem beherbergt bis zu 1000 Bakterienarten
Corbis

Darm: Unser Verdauungssystem beherbergt bis zu 1000 Bakterienarten


Im Darm von jedem von uns leben 10 bis 1000 Billionen Bakterien. Sie helfen Nährstoffe zu spalten, damit unser Körper diese leichter aufnehmen kann. Außerdem hält uns die Bakterienflora gesund, vertreibt Krankheitserreger und beeinflusst vermutlich sogar unsere Psyche. Nun haben Forscher die Sammlung deutlich erweitert und herausgefunden, wie Mikroorganismen, vor allem Bakterien, und Viren im Darm interagieren.

500 bisher unbekannte Arten Mikrooganismen im menschlichen Darm wiesen Henrik Bjørn Nielsen von Dänemarks Technischer Universität in Lyngby bei Kopenhagen und Kollegen nach. Mit der neuen Entdeckung ist der Bakterienzoo in unserem Körper fast komplett. Wissenschaftler gehen davon aus, dass es dort insgesamt 500 bis 1000 Arten gibt. 200 bis 300 waren bisher bekannt.

Behandlung von Diabetes und Übergewicht

Zusätzlich zu den Bakterien entdeckten die Forscher 800 Viren, die Bakterien befallen - sogenannte Bakteriophagen. Diese können das Erbgut von Bakterien und damit deren Fähigkeiten verändern oder sie abtöten.

Die neuen Erkenntnisse über die Zusammensetzung der Darmflora sollen helfen, die Behandlung von Krankheiten wie Typ-2-Diabetes oder Asthma und starkem Übergewicht zu verbessern, berichten die Forscher im Fachmagazin "Nature Biotechnologie". Es ist bekannt, dass die Darmflora für das Risiko und den Verlauf eine wichtige Rolle spielen kann.

Für ihre Analyse nutzen die Forscher eine neue Methode. Sie beruht auf der Annahme, dass verschiedene Erbgutabschnitte vom gleichen Organismus in der gleichen Menge in einer Probe vorkommen. Durch die Auswertung von knapp 400 Proben ließen sich die Teile einzelnen Mikroorganismen zuordnen.

Ersatz für Antibiotika

Mit früheren Methoden hatten Forscher die Bakterien einzeln im Labor analysiert. Das Problem daran: Es war nicht möglich Interaktionen zu untersuchen. "Unsere Studie zeigt, welche Bakterienviren welche Bakterien attackieren", sagt Nielsen. "Das beeinflusst maßgeblich, ob das attackierte Bakterium langfristig im Darm überlebt."

Idealerweise könnten Forscher zukünftig gezielt einzelne Bakterienarten im Darm ansiedeln oder daraus entfernen, so die Forscher. Auf diese Weise könne eine geschwächte Bakterienflora gestärkt werden. Derzeit werden gegen chronische Darmerkrankungen bereits Stuhl-Transplantationen eingesetzt, bei denen die Darmbakterien, verdünnt mit Kochsalzlösung, durch eine Magensonde in den Verdauungstrakt gebracht werden. Auch Versuche mit gefrorenen Proben gab es bereits.

Die Forscher können sich auch vorstellen, dass die neuen Erkenntnisse zu einer wichtigen Waffe gegen Bakterieninfektionen werden. Der Grund: Immer mehr Keime springen nicht mehr auf Antibiotika an. Die Weltgesundheitsorganisation warnt bereits vor einer neuen Ära tödlicher Infektionen. "Wenn wir mehr darüber wissen, welche Viren welche Bakterien anfallen, könnten Bakteriophagen eine realistische Alternative zu Antibiotika sein", sagt Nielsen. Zuerst müssten die Beziehungen zwischen den Bakterien und Bakteriophagen aber noch genauer erforscht werden.

jme

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insgesamt 17 Beiträge
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Erwan 07.07.2014
1. Bakterien werden bereits seit 1917 zur Behandlung von
Darmkrankheiten und auch anderen Krankheiten eingesetzt, genauer gesagt soagr noht etwas früher. Also an sich nichts Neues, nur daß man heute viel merh weiß über das Immunsystem bzw. Mukosaimmunsystem, das die Schleimhäute mit einbezieht. Ich verweise nur auf Prof. Nissle, der schon ab etwas 1917 sein Mutaflor verordnete. Später kamen noch andere Bakterien wie Enterokokken wie Symbioflor 1 dazu. Inzwischen gibt es da längst ein ganzes Behandlungssystem und das nicht nur für Darmkrankheiten sondern auch Allergien, Hautkrankheiten usw. usw. Denn viele Krankheiten haben mit der Bakterienbesiedlung der Darmschleimhäute und anderer Schleimhäute zu tun. Leider ist dieses Wissen noch viel zu wenig in der medizinischen Praxis angekommen. Jedoch wird an dem Thema auf der ganzen Welt geforscht.
frigar 07.07.2014
2. Ist bekannt...
Dass die Interaktion innerhalb der "Funktionellen Trias Schleimhaut - Lymphsystem - Flora" bei allen Krankheiten, denen fehlerhafte Reaktionsmuster des Immunsystems zugrunde liegen, zentrale Bedeutung in der Pathophysiologie besitzt (insbesondere bei Allergien und Autoimmunerkrankungen), ist in der Natuheilkunde seit Jahrzehnten bekannt und wird erfolgreich therapeutisch genutzt. In so fern: Nichts wirklich Neues....
hdudeck 07.07.2014
3. Ich weiss seit langem, das wir diese Untermieter haben,
habe aber noch nie einen Beitrag gelesen, wie die da eigentlich "einziehen". Geschieht das schon in der mutter? Sind da schon alle eingezogen? Geschieht das spaeter, mit was (der Nahrung z.B). Haben alle menschen die gleichen Bakterien? Oder ist das von Land zu Land, Kultur zu Kultur unterschiedlich. Waehre schoen, mal darueber etwas zu erfahren.
frigar 07.07.2014
4. @ hdudeck
Gute Zusammenfassung dieses Themas mit Eingliederung in den systemischen Kontext: Alber-Jansohn / Garvelmann: Naturheilkunde für Kinder, AT-Verlag
Erwan 07.07.2014
5. Ganz einfach!
Zitat von hdudeckhabe aber noch nie einen Beitrag gelesen, wie die da eigentlich "einziehen". Geschieht das schon in der mutter? Sind da schon alle eingezogen? Geschieht das spaeter, mit was (der Nahrung z.B). Haben alle menschen die gleichen Bakterien? Oder ist das von Land zu Land, Kultur zu Kultur unterschiedlich. Waehre schoen, mal darueber etwas zu erfahren.
Die Bakterien ziehen bei der Geburt ein, denn da wird das Neugeborene unsteril. Mit der Nahrung werden natürlich auch Bakterien aufgenommen und die Bakterienflora des Kindes hängt auch von der Nahrung ab, also ob Muttermilch oder nicht. Jeder Mensch hat seine eigene Bakterienflora. Für Versuche sind schon Tiere steril aufgezogen worden, die wurden dann sozusagen per Kaiserschnitt geboren und in einem sterilen Zelt aufzogen. Das Foschungsgebiet nennt man Gnotobiologie. Gibt man den steril aufhezogenen Tieren dann bestimmte Bakterien, kann man dann rückschliessen, wie die einzelnen Keime z.B. auf das Immunsystem wirken.
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