Darwins Selektionstheorie Der zaudernde Evoluzzer

Er hatte eine bahnbrechende Idee - und fürchtete, deswegen als Ketzer gebrandmarkt zu werden. 20 Jahre lang zauderte Charles Darwin, bis er seine Evolutionstheorie veröffentlichte. Am Ende siegte die Angst, von anderen Forschern überrundet zu werden. Die Geschichte eines Tabubruchs.

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Der Revolutionär hatte viele Namen: Zunächst nannten sie ihn Gas, dann Fliegenfänger. Später wurde er Affe geschimpft und Ketzer. Heute bezeichnen ihn Forscher als einen der bedeutendsten Naturforscher überhaupt. Charles Robert Darwin glückte, was nur selten einem Wissenschaftler gelingt: Er hat vor 150 Jahren eine These aufgestellt, die auch heute noch so plausibel erscheint, dass kein anderer Forscher sie bislang widerlegen konnte.

Laut Darwins Evolutionstheorie verändern sich alle Lebewesen im Lauf von Millionen von Jahren, sie entwickeln sich weiter, passen sich an ihre Umgebung an oder sterben aus. Für einen Gott, der die Tiere und Pflanzen binnen eines kurzen - nicht sehr weit zurückliegenden - Zeitraumes unveränderlich geschaffen hat, ist in diesem Weltbild kein Platz.

Doch wie wurde aus dem jungen, gelangweilten Medizinstudenten Darwin ein begeisterter Naturwissenschaftler? Wie aus dem unzufriedenen Theologen, der ein unspektakuläres Leben als Dorfpfarrer hätte verbringen können, ein Ketzer?

Im neuen SPIEGEL 4/2009:

Das Geheimnis der Gestalt
Wie Evolution funktioniert

DER SPIEGEL
Darwins Weg beginnt vielleicht schon im Gewächshaus seines Vaters, wo er experimentieren darf, vielleicht auf den Wiesen im britischen Shrewsbury, wo er Käfer, Würmer und Spinnen sammelt. Den wichtigsten Schritt tut Darwin aber sicherlich, als er 1831 den Fuß auf jenes Schiff setzt, auf dem er fünf Jahre um die Welt segeln und lernen wird, die Natur mit anderen Augen zu sehen: die "HMS Beagle".

"Ein Delirium des Entzückens"

Die "Beagle" ist im Auftrag der britischen Kriegsmarine unterwegs. Ihre Mission: die südamerikanischen Küsten vermessen und kartieren.

Kapitän Robert FitzRoy führt ein strenges Regiment über die 73 Mann starke Crew, die im Dezember 1831 in See sticht. Ein Naturforscher wie Darwin, befindet der 26-jährige Seemann, könnte der Mannschaft zu Ruhm und Ehre gereichen: Das Schiff ist für naturwissenschaftliche Zwecke ausgestattet, auf der Route sind mehrere Landaufenthalte geplant.

Doch das von Darwin lang ersehnte Abenteuer beginnt beschwerlich: Der 22-Jährige wird seekrank. Wochenlang leidet er unter Übelkeit und kann sich nirgends zurückziehen. Der hölzerne Dreimaster bietet mit seinen 70 Metern Länge und sieben Metern Breite nur wenig Raum für über 70 Männer. Darwin muss seine Kabine mit drei anderen Seeleuten teilen - und hat mit dem Leben auf See durchaus seine Probleme, wie etwa der Fernsehbeitrag "Darwin - Kaplan des Teufels?" von National Geographic zeigte, der jüngst im ZDF lief: "Ich hatte die lächerlichsten Schwierigkeiten, in meine Hängematte zu gelangen", wird Darwin zitiert. "Der Trick war, mit dem Hinterteil zuerst hineinzusteigen."

Der erste Lichtblick: Die Ankunft in Brasilien im Februar 1832. Darwins Lebensgeister erwachen: "Der Dschungel ist ein einziges großes, wildes, ungeordnetes Treibhaus", schreibt er. "Ich geriet in ein Delirium des Entzückens. Ich war ganz benommen von der Schönheit der Vegetation, der Eleganz der Gräser, dem schimmernden Grün des Laubes. Und man stelle sich vor, dass man ein solches Vergnügen als Pflicht bezeichnet."

3907 etikettierte Knochen, 1529 konservierte Tiere

Schon in Argentinien beginnt Darwin, sich über die Natur zu wundern. Bei einem Landausflug gräbt er mehrere Fossilien riesiger Säugetiere aus. Schnell ist ihm klar: Die Knochen stammen von unbekannten Tieren, die längst ausgestorben sind. "Früher muss es hier von Ungeheuern gewimmelt haben", meint der Forscher. Doch gab es möglicherweise eine Verbindung zwischen diesen und noch lebenden Wesen? Warum starb die eine Art aus, während eine andere weiterlebte?

Im September 1835 nimmt die "Beagle" Kurs auf Galapagos. Dieser Teil der Reise ist es, schreibt Darwin später, der ihn "hauptsächlich auf das Studium des Ursprungs der Arten geführt" habe. Der Forscher streift fünf Wochen lang über den Archipel, bestaunt und fängt Vögel, Leguane, Insekten und Krabben.

Atheismus und Religion
Evolution und göttliche Schöpfung
AFP
Als Charles Darwin 1859 mit seinem Buch "Die Entstehung der Arten" ("On the Origin of Species") die Evolutionslehre begründete, revolutionierte er nicht nur die Naturforschung. Er versetzte auch den theistischen Religionen einen schweren Schlag: Trete die natürliche Auslese an die Stelle der göttlichen Schöpfung, so die Befürchtung von Kirchenvertretern, könnte sie Gott überflüssig machen.
Kreationismus
Der Kreationismus postuliert, dass das Universum, die Erde und das Leben tatsächlich so entstanden sind wie im Alten Testament beschrieben. Allerdings existieren im Kreationismus verschiedene Strömungen. Weniger radikale Vertreter glauben, dass das Buch Mose nur eine ungefähre Darstellung der Geschehnisse enthalte und nicht wörtlich zu nehmen sei - oder dass die im Alten Testament genannten sechs Tage in Wahrheit viel längere Abschnitte seien, die den in der Wissenschaft geläufigen geologischen Zeitaltern entsprechen. Die Anhänger des Junge-Erde-Kreationismus" " hingegen glauben, dass Gott die Erde und das Leben tatsächlich in sechsmal 24 Stunden erschaffen habe - und zwar vor höchstens 10.000 Jahren.
Intelligent Design
Fundamentalismus im Tarnkleid: Vertreter des Intelligent Design , einer pseudowissenschaftlichen Variante des Kreationismus, sprechen nicht von Gott, sondern von einer übernatürlichen Intelligenz hinter allen Dingen. Der Kreationismus wurde von seinen Anhängern in den USA vor allem aus juristischen Gründen in Intelligent Design umbenannt, da US-Gerichte mehrfach religiöse Lehren an staatlichen Schulen untersagt hatten. Unter dem neuen Etikett preisen Anhänger ihren Glauben als gleichwertige Theorie neben der Evolutionslehre. Dabei machen sie sich zunutze, dass der Begriff "Theorie" in der Umgangssprache eher die Bedeutung einer bloßen Vermutung hat. In der Wissenschaft aber verlangt eine Theorie nach Forschung, Beweisen und wissenschaftlichen Veröffentlichungen.

Das Hauptargument der Intelligent-Design-Anhänger gegen die Evolutionstheorie lautet, dass die heute existierenden Lebewesen zu komplex seien, als dass sie durch natürliche Auslese hätten entstehen können. Auch die sogenannte Kambrische Explosion vor rund 540 Millionen Jahren sei nur mit dem Eingriff eines höheren Wesens zu erklären. Damals kam es zu einem dramatischen Anstieg der Artenvielfalt innerhalb von nur 40 bis 50 Millionen Jahren.
Weltweite Verbreitung der Religion
Der Glaube an die göttliche Schöpfung ist weit verbreitet - wenn auch nicht so weit, wie manche Kreationisten gern behaupten. Im August 2006 haben US-Forscher im Fachblatt "Science" Umfragen der vergangenen 20 Jahre in den USA, Japan und 32 europäischen Staaten untersucht. Das Ergebnis: In Island, Dänemark, Schweden, Frankreich und Japan glauben jeweils weniger als 20 Prozent der Bevölkerung an eine göttliche Schöpfung. Deutschland lag auf Platz zehn mit einer Evolutionsakzeptanz von etwas über 70 Prozent. 22 Prozent glaubten an eine göttliche Schöpfung, der Rest war unsicher. Die USA landeten auf dem vorletzten Platz - vor der Türkei. Nur 40 Prozent glauben in den USA an die Evolutionstheorie, 39 Prozent an die biblische Schöpfung - mit einer Tendenz zugunsten der Religion.

Wie problematisch solche Umfragen aber sind, zeigen schon die vielen unterschiedlichen Erhebungen in den USA: Je nachdem, wie die Fragen gestellt wurden, rangierte der Anteil der Schöpfungsgläubigen grob zwischen 45 und 55 Prozent. Rund 30 bis 40 Prozent glaubten, dass eine Evolution zwar stattfinde, aber von Gott beeinflusst werde. Nur rund zehn Prozent der US-Bürger geben in den regelmäßigen Umfragen an, dass Gott überhaupt keine Rolle bei der Entwicklung des Lebens und der Menschen spielt.

Auch in Deutschland brachte eine Emnid-Erhebung von 2005 ein weniger erfreuliches Ergebnis als die "Science"-Studie: Jeder zweite Befragte gab an, eine höhere Macht habe die Erde und das Leben erschaffen. Einen klaren Unterschied gab es zwischen den alten und neuen Bundesländern: Im Osten glauben demnach 35 Prozent, im Westen 54 Prozent an eine schöpferische Macht außerhalb der Naturgesetze. Bei einer Umfrage an der Uni Dortmund stellte sich 2007 heraus, dass sogar jeder achte Lehramtsstudienanfänger an der Evolution zweifelt.
Atheismus
Als Atheismus versteht man die Ablehnung Gottes, einer göttlichen Weltordnung oder auch nur des geltenden Gottesbegriffs. Atheismus ist jedoch nicht unbedingt gleichzusetzen mit Unglauben und zu unterscheiden vom Agnostizismus , der die Frage der Existenz Gottes offen lässt.
Einer der weltweit führenden Neuen Atheisten ist Richard Dawkins .

Mehr zufällig sammelt er auch jene Vögel ein, an denen er später seine Selektionstheorie entwickeln wird: die Darwin-Finken, die er damals noch für unterschiedliche Arten hält.

Am Ende der Reise hat Darwin 1529 Tiere in Alkohol konserviert, 3907 Knochen, Krallen, Schnäbel und Häute etikettiert und über 2000 Seiten über die Geologie und die Tier- und Pflanzenwelt verfasst.



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