Darwinsches Paradoxon Wie die Evolution Schwule unterstützt

Die Veranlagung für Homosexualität bei Männern wird über die mütterliche Linie vererbt. Weil dieselben genetischen Faktoren die Fruchtbarkeit der weiblichen Verwandten erhöhen, konnten sich schwule Männer in der Evolution durchsetzen, fanden italienische Forscher heraus.


Schwulenhochzeit: Homo-Gene setzen sich durch
DDP

Schwulenhochzeit: Homo-Gene setzen sich durch

Wie Homosexualität beim Menschen entsteht, ist immer noch nicht genau bekannt. Mittlerweile gilt jedoch als gesichert, dass eine genetische Komponente daran beteiligt ist. Bereits seit längerer Zeit beschäftigt Evolutionsbiologen dabei jedoch das so genannte Darwinsche Paradoxon: Nach der von Charles Darwin aufgestellten Evolutionstheorie setzen sich nur Merkmale dauerhaft durch, die dem Träger helfen, sein Erbmaterial möglichst erfolgreich weiterzugeben.

Homosexuelle Männer haben jedoch statistisch gesehen weniger Nachkommen als heterosexuelle, daher hätte eine genetisch bestimmte Veranlagung für Homosexualität eigentlich im Lauf der Evolution verschwinden müssen. Da sie sich aber offensichtlich durchsetzen konnte, muss sie einen anderen evolutionären Vorteil gehabt haben.

Diesen Vorteil könnten Claudio Capiluppi und seine Kollegen von der Universität Padua nun gefunden haben. Das Team hatte in der Verwandtschaft homo- und heterosexueller Männer die sexuelle Orientierung und die Anzahl der Nachkommen untersucht. Nach ihren Ergebnissen wird der bestimmende genetische Faktor ausschließlich über die mütterliche Linie vererbt - ein Befund, auf den auch frühere Studien bereits hingedeutet hatten.

Gleichzeitig fanden die Forscher heraus, dass weibliche Vorfahren von homosexuellen Männern auf der mütterlichen Seite im Durchschnitt mehr Nachkommen hatten als die von der väterlichen Seite. Bei heterosexuellen Männern sei hingegen kein vergleichbarer Unterschied festgestellt worden, schreiben die Wissenschaftler in der Fachzeitschrift "Proceedings of the Royal Society: Biological Sciences" (Online-Vorabveröffentlichung).

Offenbar haben die gleichen genetischen Faktoren bei Männern und Frauen unterschiedliche Wirkungen, schließen die Forscher aus diesem Zusammenhang: Während sie bei Männern eine Bevorzugung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften verursachen, erhöhen sie bei Frauen die Fruchtbarkeit. Die dadurch erhöhte Nachkommenzahl habe möglicherweise den evolutionären Nachteil bei den Männern aufgewogen.



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