Online-Ahnenforschung Mit diesen 13 Millionen Menschen sind Sie verwandt

Forscher haben aus den Informationen einer Onlineseite zur Ahnenforschung einen gigantischen Stammbaum generiert, der Millionen Menschen miteinander verbindet. Der Datenschatz birgt interessante Erkenntnisse.

Studienautor Yaniv Erlich
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Studienautor Yaniv Erlich

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Geni.com gehört zu den ganz großen Internetangeboten auf dem Genealogie-Markt. Dahinter steht kein wissenschaftliches Projekt, sondern eine typische Social-Media-Seite: Vor allem Nordamerikaner und Europäer auf der Suche nach ihren familiären Wurzeln füttern Geni mit den Daten ihrer Familien.

Rund elf Millionen aktive Mitglieder trugen so Daten zusammen - derzeit sind dort rund 120 Millionen Datensätze erfasst, die bis zu elf Generationen, also bis ins 17. Jahrhundert zurückreichen. Aus fragmentarischen Informationen von Einzelnen entstand so ein Netzwerk verwandtschaftlicher Beziehungen, das Jahrhunderte und Grenzen überschreitet.

Aber wie verlässlich sind solche Informationen? Wie stehen sie im Verhältnis zu Daten, die mit anderen Methoden erhoben wurden? Spiegeln sie sich darin oder widersprechen sie sich? Und was kann man mit solchen Daten anfangen? Lassen sie sich überhaupt nutzen, um Forschungsfragen der Wissenschaften zu beantworten?

Solche Fragen trieben das interdisziplinäre Forschungsteam um Joanna Kaplanis um: Ihre Antworten veröffentlichte die Gruppe in der aktuellen Ausgabe des Fachmagazins "Science".

Ein Stammbaum unbekannten Ausmaßes

In einem ersten Schritt bereiteten die Forscher die Datenbasis von Geni auf und bereinigten und verdichteten den Datensatz mit mathematischen Methoden zu Stammbäumen. Was dabei zum Vorschein kam: Die verwandtschaftlichen Beziehungen von 86 Millionen Individuen, darunter eine direkte Abstammungslinie, die über zahlreiche Generationen zurückverfolgt und 13 Millionen "Familienmitglieder" umfasst.

Im zweiten Schritt überprüften sie Verlässlichkeit und Nutzbarkeit der Daten, indem sie konkreten Fragen nachgingen.

Zum Beispiel der, was es tatsächlich bedeutet, ein Gen zu tragen, das mit Langlebigkeit verbunden wird. Genetiker glauben, dass sich so ein genetisches Privileg sehr deutlich in der tatsächlichen Lebensdauer auswirke. Die im Geni-Datensatz erfassten Lebensdaten, deren Verlässlichkeit die Forscher auch durch den Vergleich mit einem offiziellen Sterberegister abglichen, sprach eine andere Sprache: Knappe fünf Jahre verlängert eine günstige genetische Ausstattung demnach das Leben.

Ein Irrglaube endet

Weit weniger als gedacht, und daraus könne man Schlüsse ziehen, meint Studien-Co-Autor Yaniv Erlich: "Andere Studien haben gezeigt, dass Rauchen zehn Jahre Lebenszeit kosten kann. Das heißt, dass Lebensentscheidungen und Lebensstile sich für uns weit stärker auswirken als unsere Gene."

In den Daten zeigen sich aber auch zahlreiche andere Informationen. Sie dokumentieren Migrationsbewegungen genauso wie die erhöhte Sterblichkeit unter Männern zur Zeit der Weltkriege. Mitunter widerlegen sie Erwartungen und liefern neue Erkenntnisse: So entkräften die Geni-Daten die These, dass es das Aufkommen von Motorfahrzeugen gewesen sei, das zu einer stärkeren Durchmischung unseres Genoms geführt habe. Die Erwartung klang ja logisch: Mit vergrößertem Aktionsradius müsse die genetische Durchmischung wachsen.

Interessante Erkenntnisse über das Heiraten in der Familie

Tatsächlich fanden die Forscher, dass sich die Größe des durchschnittlichen Umkreises, in dem Menschen ihre Lebenspartner fanden, in der Zeit zwischen 1800 und 1850 deutlich von circa 8 auf 19 Kilometer vergrößert hatte.

Das aber hatte nicht den erwarteten Effekt - im Gegenteil: Sie heirateten nach wie vor vorzugsweise entfernte Verwandte. Mit steigender Entfernung stieg sogar die Wahrscheinlichkeit, dass es zur Hochzeit von Cousins und Cousinen vierten Grades kam. Den größeren Aktionsradius nutzte man offenbar, um die erweiterte Familie zusammen zu halten.

Kaplanis und Partner leiten daraus die These ab, dass die messbare Abnahme genetischer Verwandtschaft zwischen Ehepartnern, die heute im Westen festzustellen ist, wohl eher mit einer Veränderung sozialer Akzeptanz einherging.

Im Klartext: Mitte des 19. Jahrhunderts hörte es auf, normal zu sein, einen Cousin oder eine Cousine zu heiraten. Man heiratete stattdessen zunehmend Familien-fern, also "fremd": Dem Genom bekommt das gut.

Was soll das alles?

Hauptziel der Kaplanis-Studie waren Test und Nachweis, dass solche über soziale Plattformen von zahlreichen Menschen zusammengetragenen Datenbasen überhaupt wissenschaftlich nutzbar sind.

Bisher, sagen die Forscher, sei das Zusammentragen von großen Stammbäumen, die ganze Bevölkerungen erfassen, extrem arbeitsaufwendig und kompliziert. Der Geni-Datensatz dokumentiere - zumindest für Nordamerika - dass mit den Mitteln des Social Web valide Datensätze über die Bevölkerungsentwicklung mehrerer Jahrhunderte entstehen können.

Die Millionen von Hobby-Ahnenforschern, die Geni über Jahre gefüttert haben, wird das freuen: Ihre familiäre Datensuche hat damit eine enorme Aufwertung erfahren.

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insgesamt 34 Beiträge
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Seite 1
dierochade 02.03.2018
1. Andere Sprache...
Bin jetzt kein Mediziner und auch kein statistisches Genie. Aber fünf Jahre längeres Durchschnittsalter mehr sind mal definitiv verdammt VIEL!! Zumal in früheren Zeiten die Lebenserwartung ja deutlich niedriger war und es sehr viele Todesursachen gibt bei denen Genetik wohl gar nicht wirkt. ZB Krieg oder Unfälle... Die Interpretation des Autors erscheint mir da hanebüchen.
lobivia 02.03.2018
2. Das ist es
Da gab es ja letztens noch einen reichlich platten Artikel von Frau Stokowski, ich hoffe, dass Sie diesen Artikel zur Kenntnis nimmt. Sehr lucide und auch gut erklärt, Herr Patalong!
stereotyp72 02.03.2018
3. gleich und gleich gesellt sich gern
Paare sehen manchmal wie Geschwister aus, weil wohl die Frauen, bei der Suche nach Gemeinsamkeiten, auch eine optische Ähnlichkeit bevorzugen. Denn für viele Männer ist es schon schwierig, Frauen mit einer ähnlichen Frisur klar zu identifizieren. Kürzlich dachte ich entsetzt: 'Die Stratmann ist aber alt geworden' ... dabei war es Gerburg Jahnke im TV.
bafibo 03.03.2018
4. Alter und Gene
Es ist erstaunlich, daß die Forscher tatsächlich eine Verlängerung um fünf Jahre festgestellt haben, wo sie doch nicht auf Todesursachen zurückgreifen konnten. Schließlich ist es ein Unterschied, ob ein 50jähriger einen Herzinfarkt erleidet und daran stirbt oder ob er von einem Baum erschlagen wird. Der zweite Fall hat jedenfalls mit Genetik nichts zu tun. Genau genommen müßte man alle Tode durch Unglücksfälle und im Zusammenhang mit Schwangerschaften aus der Berechnung ausschließen, was aber meistens nicht geht, weil die entsprechende Information fehlt. Fünf Jahre mehr auf Grund von genetischer Disposition dürften daher bestenfalls die Untergrenze darstellen.
luwigal 03.03.2018
5. Eigentlich wäre eine Datenbank für Ahnenforschung nicht schlecht,
wenn man sich darauf verlassen könnte, dass sie nicht missbraucht werden kann. So verlockend interessant sie sein mag, ich kann mit gutem Gewissen nicht dabei sein, da ich der Sache nicht traue. Es ist doch wie "Fakebook" ... anfangs verlockend, viele springen auf, danach ist der Kommerz der Vater, der über alles seine Hand hält. Anbetracht der Informationen, die man liefern muss, um tief und vor allem weit genug in die eigene Familien- und Ahnengeschichte eindringen zu können, mir sträuben sich die Haare. Wer weiß, wer in Jahren diese Informationen für dubiose Zwecke missbraucht. Ich denke dabei an Versicherungen u.a. "... da war doch vor knapp 150 Jahren einer ihrer Ahnen, der hatte diese oder eine andere genetisch bedingte Macke usw. u.s.f. ... und deswegen müssen Sie uns einen Risikoaufschlag zahlen ..." Ich persönlich könnte mich noch am ehesten damit anfreunden, wenn sie staatlich, garantiert neutral betrieben und überwacht wird ..." z.B. mit einem "Datenschutzbeauftragten für Genealogie". Außerdem, wenn man Informationen eintragen muss, die einem nicht selbst gehören, wo ist die Grenze? Fragt denn einer der Neugierigen seine Geschwister, seine Verwandten, ob die damit einverstanden sind, dass man Informationen über sie einträgt? Ich denke nicht, dass sie gefragt werden, geschweige denn gefragt werden können, aus dem einen oder anderen Grund. Meiner Ansicht nach sind dies Datenbanken deswegen nicht gesetzeskonform. Und, würde jeder das Recht auf informationelle Selbstbestimmung beachten, dann wären sie sinnlos, da sie vor Lücken nur so strotzen würden.
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