Friedliche Revolution Deutsch, aber glücklich

Was 1848/49 scheiterte, gelang 1989: eine friedliche Revolution für Freiheit und Einheit. Beide Ereignisse sind tiefer verbunden, als viele ahnen.

Leipzig 1989
Corbis

Leipzig 1989

Ein Essay von Werner Schulz


Der Leipziger Buchhändler und Theatermann Robert Blum feierte den Aufbruch seiner Landsleute in ein Leben ohne Obrigkeit und Untertanen mit den Worten: "In einer Weise, wie es die Weltgeschichte noch nicht gesehen, hat das Volk in Deutschland seine Revolution gemacht. Hat es mit wenigen Ausnahmen die Gewaltäußerungen gescheut."

Zum Autor
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    Werner Schulz, 64, gehörte zu den energischsten Bürgerrechtlern der DDR. 1989 prägte und erlebte er die "einzige erfolgreiche Revolution der deutschen Geschichte" (Schulz) mit. Von 1990 bis 2005 war er Bundestagsabgeordneter von Bündnis 90/Die Grünen, seit 2009 vertritt er seine Partei im Europäischen Parlament.

Was wie eine Würdigung der friedlichen Revolution von 1989 klingt, war auf eine weit früher versuchte Wende der deutschen Geschichte gemünzt. Die Gegenrevolution scheute 1848 leider weniger vor Gewalt zurück. Robert Blum aus Leipzig, führender Kopf der demokratischen Linken in der Frankfurter Paulskirche, starb für die Freiheit. Er wurde trotz seiner Immunität als Paulskirchen-Abgeordneter in Wien vor ein Tribunal gestellt und hingerichtet - an einem 9. November.

Dieses Datum, an dem 1989 auch die Mauer fiel, markiert seitdem wie ein Schicksalstag den Jahrhundertweg unserer leidvoll bewegten und schließlich glücklichen Nationalgeschichte. 1848/49 scheiterte die bürgerliche Revolution mit ihrem Ringen um Demokratie und Freiheit. Was blieb, war die deutsche Dauerhoffnung, dass es die Enkel besser ausfechten werden. Es sollte lange dauern und viele Opfer kosten, bis diese gewaltlose Freiheitsrevolution 1989 in Erfüllung ging. Letztlich war es dann aber, genau wie in der Mitte des 19. Jahrhunderts, eine Erhebung ohne Führer, Avantgarde und theoretisches Konzept. Wenn es 1989 einen Anführer gab, dann war es die Stadt Leipzig. Es war ein Aufstand, bei dem Kerzenwachs floss und kein Blut. Bei dem Demonstranten Transparente statt Waffen in den Händen hielten.

Es erfolgte kein Sturm auf die Bastille: Die Gebäude der Staatssicherheit wurden unblutig besetzt und die Vernichtung der Akten verhindert. Die Akteure gingen nicht auf die Barrikaden, sondern an die Runden Tische. Dem Sturz der Nomenklatura folgte kein diktatorischer Wohlfahrtsausschuss, sondern frei gewählte Parlamente übernahmen die Macht. Der friedliche Ablauf entfaltete eine enorme zivilisatorische Kraft, deren Dominoeffekt ein totalitäres System mit seiner vernagelten Ideologie zum Einsturz brachte. Von der Gewerkschaftsbewegung Solidarnosc in Polen, der friedlichen Revolution in der DDR, der samtenen in der SSR bis zur singenden im Baltikum war dies ein eindrucksvoller Beitrag zur Bürgergesellschaft: Die Erringung von Freiheit und Bürgerrechten, ohne dass dafür Menschen getötet wurden.

Eine auffallende Gemeinsamkeit zwischen den Revolutionen von 1848/49 und 1989 ist die enorme Frust- und Ausreisewelle. So wie damals Tausende Deutsche aus Not und politischer Resignation die Schiffe nach Amerika bestiegen, besetzten Ostdeutsche die westdeutschen Botschaften in Prag, Budapest und Warschau, um der Unterdrückung und Mangelwirtschaft zu entkommen. Aus der Verbindung von Oppositionsgruppen und Ausreisewilligen erwuchsen die Triebkräfte der Revolution.

Was scheinbar spontan ausbricht, hat meist einen langen Vorlauf

Dabei ist der Umsturz-Elan keine typisch deutsche Erbanlage. Doch anders als es noch Heinrich Heine beim Anblick deutscher Auswanderer beschrieb: "Ich schwöre es bei allen Göttern des Himmels und der Erde, der zehnte Teil von dem was jene Leute in Deutschland erduldet haben, hätte in Frankreich sechsunddreißig Revolutionen hervorgebracht und sechsunddreißig Königen die Krone mitsamt dem Kopf gekostet" - überwanden die Ostdeutschen Duldungsstarre und Angst, diese verlässlichsten Stützen der Diktatur.

Doch Revolutionen kommen nicht aus heiterem Himmel. Was scheinbar ganz spontan ausbricht, hat meist einen langen Vorlauf. So gesehen hatte auch die friedliche Revolution 1989 ihren "Vormärz". Er begann 1968, als sowjetische Panzer den Prager Frühling und die Hoffnung auf einen demokratischen Sozialismus niederwalzten. Damit erlebten Ostdeutschlands 68er ihr spezielles "No SEDisfaktion". Viele von denen, die damals politisiert und widerständig geworden waren, trafen sich später, im Herbst '89, auf den Demonstrationen oder am Runden Tisch wieder. Der demokratische Aufbruch von '89 war eine geradezu spiegelbildliche Reaktion auf 1968: In Leipzig, Berlin und Prag wurde die 89 umgedreht und als Antwort für 68 hochgehalten.

Aber Widerstand gegen die Diktatur wurde diesmal nicht von Burschenschaften organisiert; er sammelte sich über die Jahre unter dem Dach der evangelischen Kirche. Längst waren an den Universitäten freier Geist und freie Rede erstickt durch eine Organisation, die sich vortäuschend "Freie Deutsche Jugend" nannte. Wer dennoch dem übermächtigen Staat auf Dauer trotzen wollte, konnte das allenfalls im Schutz der Kirche. Sie wurde zum Basislager der friedlichen Revolution. Daher erklärt sich auch der bahnbrechende Ruf "Keine Gewalt". Es ist die kürzeste Zusammenfassung der Bergpredigt, der revolutionärsten Stelle im Evangelium.

Eine sozialistische Nation in den Farben der DDR

Im Vormärz hatte einst Georg Büchner mit Gleichgesinnten die "Gesellschaft der Menschenrechte" ins Leben gerufen. In Ostdeutschland gründeten Bärbel Bohley, Gerd Poppe, Wolfgang Templin und andere die "Initiative Frieden und Menschenrechte". 200 Jahre nach der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte durch die französische Nationalversammlung bekam diese Initiative eine besondere Bedeutung, weil die elementaren Menschenrechte noch immer nicht garantiert waren. Zunehmend mehr Bürger erkannten, dass die DDR eine Lüge aus drei Buchstaben und in Wahrheit ein Demagogisches-Diktatur-Regime war. Der Durst nach Freiheit verschmolz mit dem Verlangen nach Menschenwürde - und die Rinnsale der Bürgerrechtsgruppen schwollen zum breiten Strom der Bürgerbewegung.

Obwohl die nationale Frage nicht das Hauptthema der Opposition war, schwang sie unterschwellig immer mit. Eine sozialistische Nation in den Farben der DDR - was sollte das sein? Der DDR-Philosoph Alfred Kosing hatte die krude Theorie der zwei deutschen Nationen entworfen. Diese fand 1974 Eingang in die DDR-Verfassung. Danach sollte die DDR, ähnlich wie Österreich, ein eigenständiger Staat deutscher Herkunft sein - und ewig bleiben. Der ideologischen Legende zufolge war die Nation DDR als Erbin der demokratischen Revolution aus den progressiven Strömungen der Nation, aus Widerstandskampf und Antifaschismus hervorgegangen. Die Schattenseiten der deutschen Geschichte blieben allein der BRD vorbehalten.

Eine gelungene Revolution

Dieses Hirngespinst war allerdings nur durch Indoktrination und Repression aufrechtzuerhalten. Es entsprach nicht dem Empfinden der Menschen. Charakteristisch für das gesamtdeutsche Bewusstsein der Opposition war es, dass viele neben dem Erkennungszeichen "Schwerter zu Pflugscharen" an ihren Parkas, wie eine Kokarde, ein Stück schwarz-rot-goldene Urkundenkordel trugen: als Ausdruck einer anderen Staatsidee. Das für Hoheitszeichen vorgeschriebene Hammer/Zirkel/Ährenkranz-Emblem war auf der widerborstigen Strippe nicht aufzubringen. Die Polizei machte Jagd auf solche Symbole.

Sogar die schwarz-rot-goldene Flagge, die über dem Reichstag in West-Berlin wehte, wurde vom Osten aus durch Sichtblenden verdeckt. So war es einerseits überraschend, andererseits verständlich, dass plötzlich auf der Leipziger Montagsdemo schwarz-rot-goldene Fahnen auftauchten. Es waren dieselben Farben, die Ferdinand Freiligrath am 17. März 1848 bedichtet und Robert Schumann gut zwei Wochen später vertont hatte. In einem beeindruckenden Bild hat der Leipziger Maler Walter Eisler im Oktober '89 den großen Glücksfall unserer Geschichte in einer fieberhaften Nacht festgehalten: deutsch, aber glücklich.

Eine gelungene Revolution. Der lange Weg zu Freiheit und Demokratie: von der Frankfurter Paulskirche bis zur Leipziger Nikolaikirche. Im Dezember 1989 wirkte das schwarz-rot-goldene Fahnenmeer vor den Trümmern der Dresdner Frauenkirche wie ein Hambacher-Fest-Revival. Ein nationales Bekenntnis ohne Pathos und frei von Nationalismus.

Auf Ferdinand Freiligrath gehen auch die stolzen Worte "Wir sind das Volk" zurück. Die aufständischen Rastatter riefen sie den Truppen der Fürsten einst genauso entgegen wie später die Leipziger Montagsdemonstranten der SED-Führung. Sie entstammen dem Revolutionslied "Trotz alledem!", das der Dichter der Freiheit den Fürsten entgegenschleuderte. Die herausfordernden Verse vom Juni 1848 waren weitverbreitet in den Studentengemeinden und in der DDR-Folk-Szene, die sich von den staatlich geförderten Singe-Clubs absetzte: "Nur, was zerfällt, vertretet ihr! Seid Kasten nur, trotz alledem! Wir sind das Volk ... trotz alledem! Ihr hemmt uns, doch ihr zwingt uns nicht!"

Es ist nach wie vor der klarste und noch immer nicht erfüllte Anspruch des Souveräns auf direkte Demokratie.

"Wir sind ein Volk"

Schnell ging der Ruf von "Wir sind das Volk" in "Wir sind ein Volk" über - und artikulierte lautstark die Forderung nach Freiheit und Einheit der Nation. Die DDR-Opposition wollte dieser Forderung durch die Einberufung einer Nationalversammlung aus Ost und West nach dem Beispiel der Frankfurter Paulskirche gerecht werden. Deren Verfassung spielte eine wichtige Rolle bei der Formulierung der Grundrechte im Verfassungsentwurf des Zentralen Runden Tisches.

Doch die Ereignisse überstürzten sich. Vor allem ging es darum, die Hauptforderung der friedlichen Revolution nach freien Wahlen umzusetzen und der SED einen Termin und faire Bedingungen für eine vorgezogene Volkskammerwahl abzuringen. Nach zähen Verhandlungen Ende Januar 1990 im Gästehaus der Regierung im Berliner Johannishof wurde dafür der 18. März gefunden. Es war das ideale Datum, historisch belegt durch die Berliner Märzrevolution von 1848, und brachte den politischen Zusammenhang der Ereignisse auf den Punkt.

150 Jahre, nachdem der Germanistikprofessor Hoffmann von Fallersleben in seinem "Lied der Deutschen" von einem geeinten, demokratischen und freien Deutschland geträumt hatte, ging dieser Traum in Erfüllung. Eine aktive Generation hat sich selbst befreit und Demokratie, Bürgerrechte und die Einheit Deutschlands gewaltlos errungen.

Dem Geschichtsverlauf entsprechend müsste die Liedzeile unserer Nationalhymne allerdings verändert lauten: Freiheit, Recht und Einigkeit / sind des Glückes Unterpfand.



insgesamt 49 Beiträge
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Seite 1
asdf01 09.06.2014
1. ...
Man kann sich mal die Frage stellen, wie 1989 abgelaufen wäre, wenn damals nicht Gorbatschow sondern Putin an der Macht gewesen wäre...
Layer_8 09.06.2014
2. Wollte...
Zitat von asdf01Man kann sich mal die Frage stellen, wie 1989 abgelaufen wäre, wenn damals nicht Gorbatschow sondern Putin an der Macht gewesen wäre...
...ich auch gerade sagen. Die Sowjets hatten damals existenzielle Probleme, was sich auch 2 Jahre später durch den Systemkollaps (ohne Revolution) dort bestätigte. Dann wäre Ostdeutschland sowieso ohne Plan dagastanden. Man will die Ereignisse 1989/90 dort einfach mythologisieren, ähnlich wie (OT) den "heldenhaften" Widerstand von 1944, als das damals existierende Regime auch sowieso vor dem Ende stand. Die BRD braucht Legenden für ihre tolle Existenzberechtigung als "freiheitlich demokratisches System" mit "sozialer Marktwirtschaft". In Wirklichkeit sind wir heute wieder so demokratisch und sozial wie im Kaiserreich, mit Klassengesellschaft und allem Pipapo.
schnuffschnuff 09.06.2014
3.
Zitat von asdf01Man kann sich mal die Frage stellen, wie 1989 abgelaufen wäre, wenn damals nicht Gorbatschow sondern Putin an der Macht gewesen wäre...
Eine der vielen Fragen aus der Schublade mit der Aufschrift: Hätte, hätte, Fahrradkette.
LK1 09.06.2014
4.
Zitat von asdf01Man kann sich mal die Frage stellen, wie 1989 abgelaufen wäre, wenn damals nicht Gorbatschow sondern Putin an der Macht gewesen wäre...
Sie meinen, dann hätte es keine Wiedervereinigung gegeben? Da kann ich mir, rückblickend betrachtet, schlimmeres vorstellen. ;-)
ludna 09.06.2014
5. Oesterreich
gehoerte 1848 zu D. Und es gab bis 1871 viele deutsche Staaten. Daher waren 2 deutsche Staaten nicht so ungewoehnlich. Ich meine, mit der gleichen Logik koennte man Oesterreich noch heute zu D rechnen.
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