Persönlichkeit von DDR-Bürgern Ein Land, zwei Seelen

Fast drei Jahrzehnte nach dem Mauerfall zeigt eine Studie, wie stark das DDR-Regime die Psyche seiner Bürger geformt hat. Bis heute haben ehemalige Ostbürger andere Persönlichkeitszüge als jene aus dem Westen.

DPA

Der Hauswart war meist ein Stasi-Spitzel. Wer Verwandte im Westen hatte, kannte die Herren, die in Ladas saßen. Abitur und Studium standen meist nur Kindern aus staatstreuen Familien offen. Widerstand gegen die Regierung war gefährlich. Der Alltag in der DDR: Gesäumt von Mangel, Überwachung und Einengung. Ein Alltag, der offenbar bis heute Spuren hinterlassen hat, wie eine aktuelle Studie aus Deutschland zeigt.

Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler der Universitäten Marburg und Bielefeld sowie der Europäischen Zentralbank haben die Persönlichkeiten von rund 15.000 Menschen aus der ehemaligen DDR und Westdeutschland verglichen. Die These ihrer Studie: Die repressiven Strukturen, vor allem die Überwachung durch das DDR-Regime, haben die Persönlichkeit der Einheimischen auf Dauer geprägt.

Sie zogen für ihre Studie Daten aus dem Sozioökomischen Panel SOEP heran, einer seit 1984 laufenden Erhebung in deutschen Haushalten. In diesem Rahmen werden die Teilnehmer regelmäßig zu Bildung, Gesundheit, Einkommen oder auch ihrer Persönlichkeit befragt. Sowohl Bürger der ehemaligen DDR als auch jene, die vor 1989 in Westdeutschland lebten, füllten zwischen 2005 und 2010 Persönlichkeitsfragebögen aus.

Gewissenhaftere Mitmenschen

Die Auswertung bestätigt die Annahme der Forscher: Ehemalige DDR-Bürger sind zwar deutlich gewissenhafter, aber auch viel ängstlicher, weniger offen für Neues und haben seltener das Gefühl, ihr Leben und Ereignisse darin selbst kontrollieren zu können als Gleichaltrige, die früher im Westen lebten. Dies sind größtenteils Eigenschaften, die dafür bekannt sind, das Wohlbefinden zu trüben und die Zufriedenheit mit dem eigenen Leben zu schmälern.

Die Veränderungen lassen sich den Autoren zufolge durch das alltägliche Leben in dem Oststaat erklären. Aufgrund ständigen Mangels etwa bei Konsumgütern, aber auch Nahrungsmitteln wie Obst, mussten die DDR-Bürger sich organisieren und vorausplanen. "Viele in der DDR folgten zudem einfach nur Regeln und Normen, ohne diese zu hinterfragen", schreiben die Studienautoren. Das habe die DDR-Bürger zu gewissenhafteren Mitmenschen gemacht.

Abweichendes Verhalten hingegen konnte zu unerwünschter Aufmerksamkeit durch den Staatsapparat führen - zu Drohungen, Verhören, schlimmstenfalls Inhaftierung. Kreativität, Individualität und ein aufgeschlossener Geist wurden folglich in der DDR eher unterdrückt. Die Folge: Die Menschen aus diesem Teil Deutschlands sind weniger offen für neue Begegnungen, Erlebnisse und Denkweisen.

Zugleich schürte die Überwachung durch die Staatsicherheit, etwa in Form von inoffiziellen Mitarbeitern, die sich sowohl im Freundes- als auch Familienkreis tummeln konnten, unter den Menschen großes Misstrauen. Noch heute sind Menschen aus ehemaligen DDR-Gebieten emotional instabiler, machen sich mehr Sorgen, sind ängstlicher oder tragen eher Gram in sich. Oder wie Psychologen sagen: Sie sind neurotischer.

Spielball des Schicksals

Schließlich nahm die Einengung und Überwachung den Menschen auch das Gefühl, ihr Leben selbst im Griff zu haben, Einfluss nehmen zu können. "Viele junge Menschen wurde eine Universitätsausbildung verwehrt, weil ihre Eltern von Entscheidungsträgern als Verdächtige gehandelt wurden", erklären die Forscher. Auch Urlaube und Wohnen wären Lebensbereiche gewesen, in denen die Menschen ungewollt stark von dem Staat abhängig waren. Noch heute fühlen sich ehemalige DDR-Bürger daher eher machtlos und als Spielball ihres Schicksals.

Je länger jemand DDR-Bürger war, umso drastischer waren diese Persönlichkeitsveränderungen. Vor allem Menschen, die vor 1961 geboren wurden, also in der DDR aufwuchsen, hier arbeiteten, ihre eigenen Familien gründeten, haben noch heute das Gefühl, Dinge, die in ihrem Leben passieren, nicht kontrollieren zu können.

Die Wissenschaftler meinen sogar, nachweisen zu können, dass speziell die Überwachung diese nachhaltige Auswirkung hatte. Sie griffen dafür zusätzlich auf Daten eines Forschungsprojektes von 2008 zurück. Darin hatten Politologen anhand originaler Stasi-Dokumente die Zahl der inoffiziellen Mitarbeiter für die DDR-Bezirke berechnet.

Zahlreiche Akten hatte die Stasi zwar kurz vor Mauerfall vernichtet, aber es konnten genügend Aufzeichnungen gesichert werden, um die Dichte der Überwachung für fast alle Regionen zu ermitteln. Je nach Bezirk schwankte diese stark - und so möglicherweise auch der Einfluss auf die Psyche. Umso mehr IMs in einem Bezirk installiert wurden, desto eher fanden die Forscher die Persönlichkeitsveränderungen. So haben heute jene Bürger, in deren Gegenden die Stasi besonders präsent war, umso mehr das Gefühl, ihr Leben und Tun nicht in der Hand zu haben.

Manko in der Studie

"Die Studie ist in dieser Form einzigartig und gut durchdacht", sagt die Persönlichkeitsforscherin Jule Specht von der Freien Universität Berlin, die an der Untersuchung nicht beteiligt war. Dennoch sei vor allem die Verbindung zwischen IM-Dichte und Persönlichkeit kritisch zu sehen. Sie ließe sich auch anders erklären: Die Regierung habe gesteuert, in welchen Gebieten wie viele IMs angeworben wurden. Womöglich habe sie in Regionen, wo mit Unruhen zu rechnen war, etwa weil die Lebensbedingungen in der Region besonders schwierig waren, mehr Beobachter installiert. "Dann sind vielleicht die Lebensumstände für die Persönlichkeitsänderung verantwortlich. Nicht unbedingt die IMs", sagt die Psychologie-Professorin.

Sie hält es aber generell für möglich, dass der Alltag in der DDR den Charakter seiner Bürger geformt haben könnte und dieser Einfluss bis heute anhält. Sie sieht dennoch ein Manko in der Studie: "Es ist gewagt, die Unterschiede, die heute zwischen den Menschen existieren, auf Einflüsse von vor 25 Jahren zurückzuführen", sagt Specht. Es sei unklar, ob die Differenzen wirklich auf die DDR-Strukturen zurückgehen oder gar ihrem Zusammenbruch geschuldet sind, also der Zeit nach 1989. "Viele Regionen Ostdeutschlands sind noch heute gegenüber den westdeutschen Nachbarn benachteiligt, etwa in Bildung, Karrierechancen oder Gehältern", sagt Specht. Das könne auch seine Spuren hinterlassen.

Anhand statistischer Analysen glauben die Studienautoren jedoch ausgeschlossen zu haben, dass belastende Lebensereignisse wie Arbeitslosigkeit den Persönlichkeitswandel initiiert haben. Ihr Fazit daher: "Durch seine Auswirkungen auf die Persönlichkeit hat das DDR-Regime noch heute relevanten Einfluss auf das Leben der Menschen - auch 25 Jahre nach seinem Untergang."



insgesamt 555 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
bokrause 09.06.2016
1. Sehr aufschlussreich
Die Konditionierung durch die Diktatur führt anscheinend dazu dass viele ehemaligen DDR Bürger heute davon ausgehen, dass unsere Medien gesteuert sind und eine unbekannte Macht dafür sorgen würde, dass sie keinen gesellschaftlichen Aufstieg erfahren. Jetzt verstehe ich auch warum so viele AFDler bei uns in Baden-Württemberg ehemalige DDR Bürger sind.
axlban 09.06.2016
2. Andere DDR
Je neuer die Studien sind, um so weniger beschreiben sie die DDR in der ich aufgewachsen bin.
wo_st 09.06.2016
3. Frau Merkel
Frau Merkel ist doch auch ein Ossi und da müßte die Bewusstseinspaltung auch zutreffen.
leser66in 09.06.2016
4. Eine Studie....
...die kein Mensch braucht.
irrenderstreiter 09.06.2016
5.
Das kommt dabei heraus, wenn Blinde über die Farbe fabulieren, ich zumindest habe mich köstlich amüsiert.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.