Umweltverschmutzung in der DDR "Es hat gedreckt"

Von heimlichen Treffen in Kellern zum Runden Tisch: Die Ökogruppen in der DDR gehörten zum Kern der Opposition, die im Herbst 1989 die friedliche Revolution ermöglichte. Wie schafften es die Umweltschützer, zu einer landesweiten Bewegung zu werden?

DER SPIEGEL

Von


Es war ein Geheimtipp. Ich sollte die Treppe hinunter, in den Keller, dort würde es interessant. In dem karg eingerichteten Versammlungsraum saßen zwei Dutzend junge Leute aus Schwerin und den umliegenden Dörfern. Jörn, ein 20-Jähriger mit Vollbart, führte das Wort. Es ging um eine Aktion am nächsten Morgen. Geredet wurde über Luftverschmutzung, die industrielle Landwirtschaft, den sauren Regen und die Folgen des Braunkohleabbaus in der DDR. In einem öden Plattenbauviertel von Schwerin wollten sie nach dem Reden Bäume pflanzen.

Bäume pflanzen? Tatsächlich, schon das konnte eine subversive Aktion in der DDR sein - bereits das Treffen im Keller des Gemeindehauses im Frühjahr 1985 hatte etwas Verschwörerisches. Ich notierte mir, was der Bärtige irgendwann an diesem Abend aussprach: "Es geht um mehr als Bäumepflanzen…" In meiner dreiteiligen SPIEGEL-Serie von 1985 über die katastrophale Umweltsituation der DDR ist dieses "mehr" beschrieben.

SPIEGEL-Serie: Wir haben Angst um unsere Kinder
Report über die Umweltverschmutzung in der DDR, von Peter Wensierski
Die Opposition in der DDR benannte sich selbst lange Zeit nicht mit diesem Wort - vorsichtigerweise. Es gab "Friedenskreise" oder "Umweltgruppen". Die Aktivisten in diesen Gruppen waren meist zwischen 17 und 25 Jahre alt und natürlich oppositionell - von Anfang an. Es musste jedoch nicht plakativ ausgesprochen werden, in einem Land, in dem schon das Tragen der falschen Kleidung (Westjeans) Biografien zerstören konnte. Kirchliche Umweltgruppe, das klang relativ harmlos, und Stasi wie SED blickten Anfangs nicht wirklich durch, was sich da zusammenbraute.
Fotostrecke

10  Bilder
Umweltverschmutzung in der DDR: "Dann kommt das Gas knüppeldicke..."

Weil der Staat sämtliche Bereiche des Lebens kontrollieren und bestimmen wollte, erhielten dennoch scheinbar harmlose Aktionen den Charakter einer politischen Demonstration. Heute ist es kaum nachzuempfinden, dass das Pflanzen von Bäumen in den Rang einer politischen Protesthandlung kam.

Ein selbst organisierter "Fahrradkorso" - zunächst ohne Transparente oder Plakate - gehörte deshalb ebenfalls zu den ersten Aktionsformen von Umweltgruppen. Der Berliner Carlo Jordan organisierte so etwas schon 1982. Eine Fahrt durch die Ost-Berliner Innenstadt, sogar entlang der Prachtstraße Unter den Linden. Die Stasi meldete der SED, dass es sich "hierbei vermutlich um eine Demonstrativhandlung sogenannter Umweltschützer" handeln könnte. Und weiter: "Viele Personen hatten ein ungepflegtes Äußeres. Mit Wahrscheinlichkeit handelt es sich um DDR-Bürger, da die Fahrräder DDR-Produkte waren." Jordan beschreibt hier im Video die Entwicklung der Umweltgruppen:

DER SPIEGEL
Die verunsicherten Spitzel der Stasi stuften die bärtigen Männer mit langen Haaren und ihren Parkas sowie die Frauen mit den selbst gefärbten Stoffwindeln um den Hals dennoch rasch als "feindlich-negative Personen" ein. Doch den Umweltgruppen gelang es, mit solchen erfolgreichen Aktionen erstaunlich schnell zu wachsen, feste Strukturen aufzubauen und sich zu einer republikweiten politischen Bewegung zu entwickeln. Sie wurden zu einer festen Institution in der oppositionellen DDR-Szene. Begünstigt wurde dies, weil sich die Gruppen unter dem Dach - und damit unter einem gewissen Schutz - von evangelischen Pfarr- oder Gemeindehäusern versammeln konnten und weil die Umweltzerstörungen in der DDR überall im Land für jedermann immer deutlicher sichtbar wurden.

Auch die Schweriner Umweltgruppe hatte irgendwann genug vom Bäumepflanzen und kämpfte gegen ein sozialistisches Großprojekt, den Autobahnbau Schwerin-Wismar, der einmalige Naturschutzgebiete zu zerstören drohte.

Wie die Lebensbedingungen in einem Industriezentrum südlich von Leipzig in den Achtzigerjahren aussahen, berichteten mir damals Betroffene vor Ort.

Einer wohnte inmitten des Braunkohlereviers, in einer kilometerlangen Mondlandschaft, nachdem der Tagebau einstige Dörfer, Äcker und Wälder beseitigt hatte. Gleichzeitig befanden sich dort - wegen der billigeren Transportwege - in unmittelbarer Nachbarschaft auch noch kohleverarbeitende Industrieanlagen und Großkraftwerke mit giftigen Abgasen. Der Mann war mit seiner Familie im Jahr 1975 in den 500-Einwohner-Ort Mölbis gekommen. Hier seine Schilderung im O-Ton, stellvertretend für viele Berichte dieser Art, auch aus anderen Industrieregionen der DDR:

"In Mölbis hat die Zukunft schon begonnen: In diesem Jahr haben die Apfelbäume ihre Blätter schon seit dem 26. Mai verloren. Da gibt es auch keine Petersilie mehr, die ist ganz weiß, und die meisten Blattpflanzen haben nur noch zusammengerollte Blätter. In Mölbis gibt es kaum noch Bäume, und wenn man früh rauskommt und die Haustür aufmacht, hat man das erste Mal, wenn nicht schon im Schlafzimmer, dreckige Hände.

Denn die Luft ist schmutzig. Die Luft ist so schmutzig, dass man ein Blatt Papier vom Schreibtisch früh wegnimmt, und dann sieht man, wo es gelegen hat, rundherum ein schwarzer Rand. Das ist nicht bloß manchmal so! Wenn man vor der Haustür läuft, an manchen Tagen, da hinterlässt man Spuren, weil man durch den Ruß gelaufen ist, der fällt sehr dick. Die Mölbiser sagen: Es hat gedreckt. Den Dreck kann man wegkehren. Manche Leute sagen: Gegen Dreck hilft Wasser. Aber wenn man auch die Blumen, falls tatsächlich welche blühen, abwaschen muss, bevor man sie in die Vase steckt, und dann sind sie zusammengefallen, da wird's schon schlimm. Manchmal ist der Dreck so dick, da muss man mit Scheinwerfern fahren am Tage, da sieht man die Nachbarhäuser nicht mehr.

Das Schlimme aber ist nicht der Dreck, sondern das Gas, die Mölbiser sagen: der Gas. Der Gas hat alle kaputt gemacht. Wenn man bei heißen Tagen sich abends ins Bett legt und denkt, nun hast du Erholung, ist ja wunderbar, und man macht die Fenster auf und dann kommt frische Luft durch - das kann man in Mölbis nicht machen, denn dann kommt das Gas knüppeldicke, bei Südwestwind, und meist haben wir Südwestwind. Wärme und Gas - da kann man schlecht schlafen. Es gibt Leute, die zu Besuch sind, die reisen vorzeitig wieder ab. Manche, die müssen dann früh brechen, manche haben furchtbare Kopfschmerzen. Am besten ist, man betrinkt sich abends, da schläft man auf alle Fälle gut ein. Das machen die Mölbiser auch."

Nicht einmal zehn Jahre nach meinem Besuch im Gemeindehaus Schwerin-Lankow gab es weit über hundert Umweltgruppen überall in der DDR. Die Zahl der Teilnehmer der Fahrraddemos stieg ständig, man trug bald demonstrativ Atemschutzmasken oder Mundtücher, führte Plakate und Luftballons mit. Die Giftmüllkippen in der DDR, wie bei Schönberg, auf die der Westen gegen harte D-Mark seine Abfälle kippen ließ, wurden zum Thema.

Ab 1986 gründeten sich an etlichen Orten Umweltbibliotheken, die den Zugang zu ansonsten verbotener Fachliteratur aus dem Westen und den Untergrundpublikationen aus dem Osten ermöglichten. Mit ihren Veranstaltungen und Ausstellungen wurden sie zu wichtigen Treffpunkten. Legendär ist der Überfall der Stasi auf die Ost-Berliner Umweltbibliothek, der zu einer vorher nicht gekannten politischen Solidarisierungswelle in der ganzen DDR führte.

1988 schlossen sich die Basisgruppen nach dreitägiger Diskussion landesweit in einem grünen Netzwerk zusammen und koordinierten die Arbeit in den DDR-Bezirken auf einem neuen Niveau. Druckmaschinen wurden mühsam beschafft, sogar Videotechnik. Damit entstanden Filme über die schlimmsten Umweltschäden der DDR, etwa im Raum Bitterfeld. Gefilmt wurden aber auch die überfüllten Schweinemastanlagen Haßleben oder die strahlenden Halden des Uranbergbaugebiets im Süden der DDR, selbst das im Bau befindliche Atomkraftwerk Stendal. Mit der Untergrundzeitschrift "Arche Nova" entstand ein kompetentes Informationsmedium

Im Herbst 1989 mündeten die Aktivitäten in die Gründung der Grünen Partei, als deren Vertreter Carlo Jordan nach dem Fall der Mauer schließlich am Runden Tisch der DDR saß. 1983 hatte es schon einmal die Idee zur Gründung der Grünen im Osten Deutschlands gegeben. Doch die Umweltaktivistin Petra Kelly blitzte damit im Bundesvorstand der West-Grünen ab. In Ost-Berlin hatten zudem einige der bärtigen Oppositionellen wie auch die inoffiziellen Mitarbeiter der Stasi unter ihnen diesen frühen Plan zerredet, der deshalb nicht zustande kam.

Mitarbeit: Nicola Kuhrt



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 12 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Brutella 23.10.2014
1. SED und Grüne damals und heute
Dass der SED Unrechtsstaat nicht nur ein großes Freiluftgefängniss war, sondern auch noch einer der übelsten Umweltverschmutzer, der ohne jede Rücksicht versucht hat Wirtschaftswachstum zu erzwingen, sollten sich mal die Grünen aus Thüringen zu Gemüte führen. Anscheinend gilt für die jetzt auch: Macht um jeden Preis.
arcalis 23.10.2014
2. Ideale verraten
Die damaligen Umweltaktivisten und Bürgerrechtler müssen doch das kalte Grausen kriegen, wenn sie sehen, dass die jetzigen Grünen (früher im Osten Bündnis 90) sich jetzt mit den Nachfolgern der Mauerschützenpartei, die für die ganzen Umweltsauereien verantwortlich waren, in Thüringen ins gemeinsame Bett legen. Bei der SPD ist es blanke Verzweiflung, bei den Grünen Verrat an den eigenen Idealen. Früher mutig, aufrecht, ehrlich - heute machtgeil, besserwisserisch und einfach überflüssig.
laermgegner 23.10.2014
3. Schafft Arbeitsplätze
Mit Erstauen nimmt man zur Kenntnis, dass es im Westen 1988 auch keine Handys gab ! Es ist schwer Fakten darzustellen, wo Westen sich auch nicht besser gestellt hat - oder wie sah z.B. der Rhein aus ? Unter dem Mäntelchen Arbeit und Wohlstand werden Umweltgesetze auch heute mit Füßchen getreten - oder das Problem in den Ostbock oder die dritte Welt verlagert. Und was an Flughäfen mit Anwohner passiert, wäre in der DDR nicht denkbar gewesen. Dort wurden die Mitarbeiter der Fluggesellschaften angesiedelt und die waren ruhig, brachte der FH hat Arbeit. Heute ist das anders : Wie sagte ein Inder mal zu mir - Umweltschutz ist was für die Reichen, wir kämpfen hier ums Überleben !
dritter_versuch 23.10.2014
4. Wieso dass denn
Zitat von BrutellaDass der SED Unrechtsstaat nicht nur ein großes Freiluftgefängniss war, sondern auch noch einer der übelsten Umweltverschmutzer, der ohne jede Rücksicht versucht hat Wirtschaftswachstum zu erzwingen, sollten sich mal die Grünen aus Thüringen zu Gemüte führen. Anscheinend gilt für die jetzt auch: Macht um jeden Preis.
Die koalieren doch auch mit der CDU. Und die hat in den 1960ern den Himmel im Westen dunkel gemacht.
Schralau 23.10.2014
5. Grüne im Westen ...
Umweltschützer im Osten ... Beides sind Ergebnisse einer bestimmten Zeit und der industriellen Entwicklung. Den Dreck gab's genauso im Ruhrgebiet und die Chemiefabriken im Westen sind wohl noch ein ganzes Stück größer als im Osten. Aber Ostgestank ist schlimmer ...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.