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Demo-Waffen: Höllenlärm, Hitzestrahlen, Pflastersteine

Von Yassin Musharbash und

Gummigeschosse gelten plötzlich als geeignetes Mittel gegen Demo-Gewalttäter - doch es gibt effektivere. SPIEGEL ONLINE zeigt die "nicht-tödlichen Waffen", die heute schon gegen Demonstranten eingesetzt werden, und blickt in das Arsenal der Autonomen.

Sie sind ein Klassiker der Unruhen-Bekämpfung, und die Liste der Länder, in denen Polizisten Gummigeschosse anwenden, ist lang: Argentinien, Bolivien und Venezuela gehören dazu, aber auch Gambia, die Elfenbeinküste, Nepal, Bangladesch und Ägypten. Ärzte und Menschenrechtsgruppen warnen vor der Munition: Die Geschosse könnten schwere Verletzungen anrichten, auf kurze Entfernung "ernste, ja sogar tödliche Verletzungen hervorrufen", klagte Amnesty International 2003 über die Praxis der französischen Polizei, immer häufiger auf dieses Mittel zurückzugreifen.

Nach der autonomen Gewaltorgie von Rostock, wo Polizisten mit Steinen, Flaschen und Leuchtmunition beschossen wurden, erheben sich nun auch in Deutschland Stimmen, die den Einsatz von Gummigeschossen verlangen. Der Vorsitzende des Bundestagsinnenausschusses, Sebastian Edathy (SPD), und der Vize-Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt, äußerten sich entsprechend.

Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) dagegen lehnte den Einsatz der Munition ab. "Distanzwaffen mit Gummigeschossen sind kein geeignetes Einsatzmittel", die Gefahr für Unbeteiligte sei zu groß, sagte ihr Vorsitzender Konrad Freiberg. Auch die G-8-Polizeieinheit Kavala reagierte verärgert: "Das ist alles Quatsch. Das ist eine absolute Dummheit, so eine Diskussion", sagte ihr Sprecher Axel Falkenberg. "Das sind Wichtigtuer, die jetzt irgendwann ihre Meinung sagen müssen dazu." Das Innenministerium von Mecklenburg-Vorpommern wies darauf hin, gegen Steinewerfer könne man effektiver Wasserwerfer einsetzen. Auch Wolfgang Bosbach (CDU) und Dieter Wiefelspütz (SPD) distanzierten sich von dem Vorschlag - der Protest dagegen geht quer durch die politischen Lager.

In anderen westlichen Ländern indes wurde mit Gummigeschossen nachgerüstet: Belgische Nato-Soldaten schossen mit Gummikugeln auf afghanische Protestierer. In den USA wurden Demonstranten bei den Unruhen zur WTO-Konferenz in Seattle 1999 damit traktiert.

Schweizer Ärzte fordern Verbot von Gummigeschossen

Und ausgerechnet die friedliche Schweiz nutzt Gummigeschosse schon sehr lange - weshalb die Gefahren hier gut dokumentiert sind. Schon in den achtziger Jahren, heißt es in einer Stellungnahme der "Vereinigung unabhängiger ÄrztInnen" (VUA) von 2003, "verloren mindestens fünf Menschen durch Gummigeschosse ein Auge". In der Schweiz kommt vor allem Gummischrot zum Einsatz, also Salven kleinerer Geschosse. Bei 20 Meter Schussdistanz müsse man eine Streuung von zwei Metern einrechnen, meint der VUA - und damit nütze es nichts, nur auf die Beine zu zielen. Es seien überdies Todesfälle dokumentiert, heißt es in dem Report - dies komme vor, wenn Hartgummigeschosse den Halsbereich träfen. Der VUA fordert deswegen das Verbot dieser "gefährlichen Waffe". Bei diesjährigen Krawallen zum 1. Mai in Zürich setzte die Polizei diese Geschosse allerdings zuletzt ein.

Standardmäßig werden Gummigeschosse auch von der israelischen Armee eingesetzt, vor allem gegen Palästinenser in den besetzten Gebieten. Hier kommt zumeist Munition zum Einsatz, deren Kern aus Metall besteht, der mit Gummi ummantelt ist. Palästinensische Ärzte behaupten, dass Hunderte Palästinenser durch diese Geschosse zu Behinderten wurden. Ein Problem sei, dass die Projektile sich oftmals wegen ihrer Größe nur schwer entfernen ließen.

Doch Gummigeschosse sind beileibe nicht die einzige Methode, mit der Sicherheitskräfte auf Unruhen, eskalierende Demonstrationen und andere Bedrohungen reagieren und künftig reagieren wollen.

Weltweit wird die Entwicklung von sogenannten nichttödlichen Waffen intensiv betrieben. Mit Stromstößen, Krach, Gestank oder Hitze sollen heranrückende Angreifer zurückgedrängt oder gleich in die Flucht geschlagen werden - möglichst ohne dass dabei jemand ums Leben kommt. Die Systeme sind allesamt umstritten, denn nahezu jede "nicht-tödliche" Waffe kann auch schlimme physische Folgen haben - und im Extremfall eben doch zum Tod führen.

Schockstarre durch Taser-Waffen

Am weitesten fortgeschritten ist die Verbreitung von Taser-Waffen. Sie verschießen jeweils zwei kleine Stahlpfeile mit Widerhaken, die mit einem isolierten Draht mit der Schusswaffe verbunden bleiben. Durch den Draht wird von der Pistole aus ein Stromstoß in die Pfeile geschickt, sobald sie im Körper des Opfers verankert sind. Er soll den Getroffenen für etwa 30 Sekunden lähmen. Die Reichweite beträgt bei der für den Polizeieinsatz gedachten Version 10 bis 11 Meter.

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