Demografie in Deutschland Wir werden gesünder und produktiver

Die Deutschen werden immer älter, die Ausgaben für Rente und Pflege steigen. Jetzt stellt eine neue Berechnung die Vorteile des Alterns heraus: Wir werden energiesparender, gesünder und produktiver.

Von Timo Stukenberg

Immer Richtung Sonne: Die Deutschen werden nicht nur älter - sondern auch gesünder, produktiver und energiesparender
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Immer Richtung Sonne: Die Deutschen werden nicht nur älter - sondern auch gesünder, produktiver und energiesparender


Deutschland ist der Greis unter den Staaten. In kaum einem anderen Land leben so viele alte Männer und Frauen. Doch das bedrohliche Bild von der überalternden Gesellschaft wankt - zumindest postulieren das Forscher aus Österreich. Ihre These: In Zukunft werden die Alten gesünder und produktiver sein und verbrauchen sogar insgesamt weniger Energie. Bis es soweit ist, gilt es zwar noch eine Übergangsphase zu überbrücken - aber der Aufschwung sei schon absehbar.

"In den Jahrzehnten vor 2040 werden die Konsequenzen der Bevölkerungsalterung größtenteils negativ sein", schreiben die Forscher des österreichischen Forschungsinstituts IIASA in ihrer Studie im Journal PLOS One. Nach einer Übergangsphase jedoch könne die Alterung der Gesellschaft zumindest teilweise positive Effekte haben.

Schrumpfen und Altern ist das Motto für die deutsche Bevölkerungsentwicklung dieses Jahrhunderts. Weltweit gilt Deutschland als Paradebeispiel in dieser Hinsicht. Nur Japan schrumpft schneller. Die direkte Folge: Die Ausgaben für Pflege und Rente werden enorm ansteigen. Auf der anderen Seite kommen zu wenig Kinder auf die Welt - zu wenig junge Menschen wachsen heran. Sie sollten eigentlich Rente und Pflege aus ihren Beiträgen finanzieren.

So düster das auch klingt, die Forscherin Elke Loichinger des Forschungsinsituts IIASA und ihre Kollegen sehen die demografische Entwicklung nicht ganz so schwarz. Die Sorgen seien zwar berechtigt, sagt sie. "Wir wollen aber nicht in die Schwarzmalerei einstimmen."

Diesen Optimismus ziehen die Wissenschaftler aus ihren Prognosen. Dafür verrechneten sie zum Beispiel die Menge an CO2, die der durchschnittliche Deutsche in jedem Lebensalter erzeugt, mit der Bevölkerungsprognose. Demnach wird der Kohlendioxidausstoß in Deutschland automatisch sinken - dank der alternden Bevölkerung.

Umweltfreundlicher: CO2-Ausstoß schrumpft mit der Bevölkerung

Ältere Menschen verbrauchen im Durchschnitt weniger Energie, etwa weil sie seltener mit dem Auto fahren, und somit erzeugen sie auch weniger CO2. Dieser Effekt wird zusätzlich dadurch unterstützt, dass es schlicht weniger Deutsche gibt, die Energie verbrauchen. Im Ergebnis könnten die CO2-Emissionen Ende dieses Jahrhunderts bereits unter dem Wert von 1950 liegen, schreiben die Wissenschaftler.

Ähnlich wie bei der Kohlendioxid-Belastung haben die Autoren der Studie die Trends bei Pflegebedürftigkeit und Bildung in die Zukunft projiziert. Diese waren in der Vergangenheit positiv, wie Andreas Mergenthaler vom Bundesinstitut für Bevölkerungsentwicklung (BIB) bestätigt: "Die heutige Generationen der 55- bis 70-Jährigen ist besser gebildet und gesünder als die vorhergehende Generation."

Gesünder: Deutsche brauchen Pflege erst später

Der Anteil der alten Deutschen steigt nicht nur bis zur Mitte des Jahrhunderts - die Deutschen leben auch länger. Hatte ein Kind bei seiner Geburt in diesem Jahr eine Lebenserwartung von rund 83 Jahren, werden Menschen im Jahr 2050 im Durchschnitt schon bis zu 90 Jahre alt. Aber bleiben wir auch gesund?

Die Zahlen sagen ja. Während Menschen im Durchschnitt 63 Prozent ihrer Lebenszeit ohne Hilfe auskommen, werden es 2050 laut der Studie schon 80 Prozent sein. Diese gewonnene Zeit könnten Alte nutzen, um zu arbeiten oder sich ehrenamtlich zu engagieren.

Diesen Trend beobachtet Andreas Mergenthaler vom Bundesinstitut für Bevölkerungsentwicklung schon heute. "Die jungen Alten sind stark engagiert", sagt er. Laut Querschnittsbefragungen aus dem ersten Quartal 2013 arbeiteten viele der 55- bis 70-Jährigen in Deutschland, engagierten sich ehrenamtlich oder in der Familie.

Produktiver: Bildung gleicht weniger Erwerbstätige aus

Sorgen bereitet Demografen und Ökonomen auch das Verhältnis von arbeitender Bevölkerung zu Rentnern. Das könnte aus dem Gleichgewicht geraten, wenn die zahlreichen Babyboomer in Rente gehen. Die Autoren um Elke Loichinger jedoch sehen einige Faktoren, die diesem Trend entgegenwirken.

Zum Beispiel Bildung: Zur Mitte des Jahrhunderts werden wesentlich mehr Menschen einen Hochschulabschluss haben - und damit potenziell produktiver sein, schreiben die Autoren. Das gleiche "langfristig die schrumpfende Zahl der wirtschaftlich aktiven Menschen aus." Außerdem setzen die Studienautoren auf die steigende Erwerbstätigkeit von Frauen und über 50-Jährigen.

Doch Studienautorin Elke Loichinger warnt trotz ihrer optimistischen Studienergebnisse vor Untätigkeit: "Wir wollen nicht, dass die Hände in den Schoß gelegt werden."

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Seite 1
minsch 25.09.2014
1.
Genau genommen ist das ganze Gerede vom Pflegenotstand und das zu wenige Menschen im arbeitsfähigen Alter da wären sowieso nur dummes Geschwafel, solange wir nämlich Millionen Arbeitslose habe, bedeuten mehr jüngere Menschen sowieso nur mehr Arbeitslose, die dann vom arbeitenden Teil der Bevölkerung auch noch mitversorgt werden müssten!
remax 25.09.2014
2. Höchst erstaunlich....
diese Aussagen der Forscher wenn man bedenkt, dass man für einen Termin beim Psychologen oder Psychiater gerade mal 4-6 Monate braucht oder im schlimmsten Fall gar keine freien Termine bekommt. Und bei der jungen Generation, die sich gerade mal mit Redbulls ihre Aufmerksmkeit erhöhen wollen hat sich die Produktivität enorm erhöht,nur mit fatalen NW: Wir erleben heutzutage Herzinfarkte und Schlaganfälle schon bei 20 jährigen die früher undenkbar waren.
quark@mailinator.com 25.09.2014
3. Logisch
Das ist ja wohl derart was von logisch ... wenn man im Schnitt länger lebt, ist man in der Mitte gesünder und vor allem auch insgesamt länger in der produktiven Phase. Ich fand es schon immer gräßlich von "Überalterung" zu sprechen, was suggeriert, daß höhere Lebenserwartung irgendwie schlecht ist. Die Perversion ist, daß so getan wird, als wäre nicht genug Geld für die Renten da. In Wirklichkeit geht der Ertrag der höheren Produktivität aber an die Firmenbesitzer und nicht an Staat und Werktätigen. DAS ist das Problem.
Iggy Rock 25.09.2014
4. Wir werden anders
Man kann sich alles schön oder schlecht reden, es ist nur eine Frage der Absichten, die man damit verfolgt. Wenigstens ging mir durch den Artikel endlich ein Licht auf, wie die Produktivitätssteigerungen der vergangenen Jahre und Dekaden zu erklären sind. Es ist die massive Nutzung moderner IT-Technologie, Roboter und Maschinen, die uns produktiver gemacht hat. Leisten tun wir durchschnittlich pro Kopf wahrscheinlich nicht mehr wie vor 50 Jahren. Auch werden nicht wir Energiesparender, wir nutzen nur neue Technologien zum Energiesparen. Mögen Rentner weniger mit dem Auto herumfahren, wie jüngere Leute. Vor 50 Jahren waren noch nicht so viele 80+ Jährige auf den Straßen unterwegs wie heute. Einzig die Sache mit der Gesundheit ist etwas, was wir aktiv selbst betreiben. Ohne gute Aufklärung durch Wissensvermittlung würden wir aber auch das nicht tun.
Newspeak 25.09.2014
5. ...
Ich finde es immer wieder toll, welche Prognosen man auf Grund nationaler Parameter erstellt. Als ob Deutschland ein geschlossenes System wäre. Entsprechend ignoriert man auch, daß Unterbevölkerung NICHT das Problem der Menschheit ist und auch nicht Überalterung. Es gibt genug junge Menschen auf diesem Planeten. Das Hauptproblem ist auch ansonsten nicht das Alter, sondern eher Dummheit. Bildung könnte helfen. Aber lieber baut man einen Panzer mehr in Deutschland. Ich jedenfalls kann solche Studien nicht ernstnehmen. Wissenschaftlich wertlos. Man sollte mal über den Tellerrand schauen.
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