Denisova-Höhle Knochen belegt ungewöhnlichen Steinzeitsex

Ihre Mutter war Neandertalerin, der Vater Denisova-Mensch: Das 50.000 Jahre alte Knochenstück eines Mädchens offenbart eine ungewöhnliche Steinzeit-Liaison. Die Frühmenschen liebten Multikulti.

Petra Korlevic

Das kleine Knochenfragment, das russische Archäologen 2012 in der Denisova-Höhle entdeckten, hat es in sich. Neue Erbgutanalysen zeigen, dass "Denisova 11", so die schlichte Katalognummer des Funds, von einem Mädchen stammt, dessen Mutter Neandertalerin und dessen Vater Denisova-Mensch war. Das berichtet ein internationales Forscherteam unter Leitung des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie (MPI-EVA) in Leipzig im Fachblatt "Nature".

Die Untersuchung zeige unter anderem, dass die beiden Gruppen von Frühmenschen sich häufiger miteinander vermehrten als bislang angenommen. "Neandertaler und Denisovaner hatten vielleicht nicht viele Gelegenheiten, einander zu treffen. Aber wenn sie aufeinandergetroffen sind, müssen sie relativ häufig Kinder miteinander gezeugt haben - viel öfter, als wir bisher dachten", sagt Studienleiter Svante Pääbo.

Bis vor etwa 40.000 Jahren lebten sowohl Neandertaler als auch Denisova-Menschen in Eurasien. Die Neandertaler bevölkerten vor allem den westlichen Raum, Denisovaner den östlichen. Überreste von letzteren fanden sich bisher ausschließlich in der Denisova-Höhle im russischen Altai-Gebirge, wo auch Spuren von Neandertalern gefunden worden sind.

Das Knochenfragment, das das Team um Pääbo, Direktor der Abteilung für Evolutionäre Genetik am MPI-EVA, untersuchte, ist gerade einmal gut zwei Zentimeter lang. Die Forscher datierten es auf ein Alter von etwa 50.000 Jahren. Untersuchungen weisen darauf hin, dass es von einem zum Zeitpunkt des Todes mindestens 13 Jahre alten Mädchen stammt. Sie zerrieben einige kleine Proben des Knochens zu Puder, aus dem sie dann das Erbgut isolierten, welches sie anschließend sequenzierten.

Durch Vergleiche mit bereits bekannten Erbgutsequenzen von einem Neandertaler und einem Denisovaner fanden die Wissenschaftler heraus, dass das Mädchen ein direkter Nachkomme von einem gemischten Elternpaar ist - es trug Erbgut beider in sich, und zwar in einem Mischungsverhältnis, wie man es von einem direkten Nachkommen erwarten würde.

Dass die beiden Hominiden grundsätzlich miteinander Nachwuchs zeugten, war aus früheren Untersuchungen schon bekannt. "Doch ich hätte nie gedacht, dass wir so viel Glück haben könnten, auf einen direkten Nachkommen der beiden Gruppen zu stoßen", sagt Erstautorin Viviane Slon aus Pääbos Arbeitsgruppe.

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Anthropologie: Bekanntschaft mit Folgen

Die Analysen zeigten weiter, dass der Denisova-Vater ebenfalls geringe Mengen Neandertaler-Erbgut in sich trug. Vermutlich habe es in seinem Stammbaum sogar mehr als einen Neandertaler-Vorfahren gegeben, die womöglich bis zu 300 bis 600 Generationen vor ihm lebten, schreiben die Wissenschaftler. Diese Neandertaler gehörten einer anderen Gruppe an als die, aus der die Mutter des Mädchens stammte.

Sie war genetisch enger mit Neandertalern verwandt, die in Westeuropa lebten als mit einem Neandertaler, der zu einem früheren Zeitpunkt in der Denisova-Höhle lebte. Dies zeige, dass sich die Neandertaler vor ihrem Verschwinden zwischen West- und Osteurasien bewegten.

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Dass sich ein Mischlingskind unter den wenigen Frühmenschen finden lasse, deren Erbgut entschlüsselt ist, weise darauf hin, dass so eine Vermischung kein seltenes Ereignis war.

Warum blieben dann die beiden Gruppen dennoch genetisch unterscheidbar? Das erklären die Forscher damit, dass die Überlappungszone beider Gruppen vermutlich räumlich und zeitlich begrenzt war. Möglicherweise sei der Nachwuchs auch weniger fit gewesen als der Nachwuchs von reinen Neandertaler- oder Denisova-Paaren.

Als der moderne Mensch sich schließlich über Eurasien ausbreitete, habe er sich wohl ebenfalls mit seinen Verwandten vermischt, aber über einen längeren Zeitraum und ein größeres Gebiet.

Dass auch heute noch im Erbgut des modernen Menschen Spuren von Neandertaler-DNA zu finden sind, ist bereits seit Längerem bekannt. Im vergangenen Jahr sequenzierte ebenfalls ein Team vom Leipziger MPI das Erbgut einer Neandertalerin aus Kroatien in hoher Auflösung. Sie bezifferten den Anteil an Neandertaler-Erbgut im Genom von modernen Menschen außerhalb Afrikas auf 1,8 bis 2,6 Prozent. Sie fanden damals auch heraus, dass die Neandertaler-Gene das Risiko für Krankheiten des modernen Menschen beeinflussen.

In einer weiteren Arbeit erkannten die Forscher, dass die Neandertaler-Gene auch Einfluss auf die Beschaffenheit von Haut und Haaren haben. Sie zeigten unter anderem, dass Neandertaler sich ähnlich wie moderne Menschen etwa in der Haarfarbe unterschieden. Sogar den Anteil Rothaariger konnten die Forscher schätzen: Etwas mehr als ein Prozent könnte die auffällige Haarfarbe besessen haben.

von Anja Garms, dpa/joe

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