Depressionen Die Volkskrankheit Nummer eins

Mehr als drei Millionen Menschen in Deutschland leiden unter Depressionen. Die Dunkelziffer liegt nach Meinung von Psychologen weit höher. Die Seelenkrankheit ist die häufigste Ursache für einen Selbstmord, vor allem bei jüngeren Menschen.

Von Süleyman Artiisik


Störung im Kontrollsystem für Stresshormone
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Störung im Kontrollsystem für Stresshormone

Berlin – Angstzustände, niedergeschlagene Stimmung, Entscheidungsunfähigkeit, wenig Lust auf Sex oder Appetitlosigkeit – all diese Symptome können, vor allem wenn sie über einen längeren Zeitraum auftreten, ernst zu nehmende Hinweise für Depressionen sein.

Allein in Deutschland sind mehr als drei Millionen Menschen von der seelischen Erkrankung betroffen, so der Deutsche Psychotherapeutenverband (DPTV). "Damit sind Depressionen, noch vor Krebserkrankungen, die Volkskrankheit Nummer eins", sagt der Psychologe Andreas Wünscher. Nach wie vor werde diese Krankheit tabuisiert, verleugnet, verdrängt und von Ärzten gar nicht erst erkannt, meint das Mitglied des DPTV. So liege die Dunkelziffer der an Depressionen Erkrankten sogar zwischen 10 bis 20 Millionen in Deutschland. Weltweit müsse von bis zu 200 Millionen Betroffenen ausgegangen werden.

Frauen leiden nach Erkenntnissen der Wissenschaft doppelt bis dreifach so häufig wie Männer an Depressionen. Für diesen Geschlechtsunterschied gebe es verschiedene Erklärungen, erklärt die Psychologin Ulrike Michels-Vermeulen. Zumindest eins sei klar: "Frauen sprechen eher über ihre Ängste und Stimmungsschwankungen und werden eher als depressiv eingeordnet." Bei Männern würden hingegen oft organische Ursachen vermutet.

Bei der Diagnose der Krankheit spielen das unterschiedliche Verhalten der Geschlechter und die Fähigkeiten der Ärzte zur Früherkennung eine wesentliche Rolle. Die Krankheit steht auch im Zusammenhang mit der zur Verfügung stehenden Lichtmenge. So tritt sie in Nordeuropa deutlich häufiger auf als in den Ländern am Äquator, wo sie oftmals völlig unbekannt ist. Bei Depressionen gebe es auch kulturspezifische Erscheinungsformen, erklärt Michels-Vermeulen: "In Nord- und Westeuropa dominieren insbesondere die emotionalen Beschwerden, während in Süd- und Osteuropa Depressionen vor allem in Form von somatischen Symptomen erscheinen".

Störung im Kontrollsystem für Stresshormone

Tabletten allein reichen meistens nicht für eine Heilung
DDP

Tabletten allein reichen meistens nicht für eine Heilung

Menschen, die unter Depressionen leiden, sind häufig nicht mehr in der Lage, die einfachsten Dinge zu tun: aufzustehen, sich zu waschen, zu frühstücken. Viele schämen sich für ihren Zustand und wagen es nicht, mit anderen über ihre Krankheit zu sprechen.

Je länger die Depressionen andauern, um so folgenreicher kann das selbst auferlegte Schweigen werden. So berichtet die DPTV-Mitarbeiterin Michels-Vermeulen von einer Patientin, die ein halbes Jahr in ihrem Zimmer eingeschlossen im Bett lag. Doch auch die Gesellschaft, in der sich der Erkrankte bewegt, ist nicht ausreichend über die Krankheit informiert. Oft wird die Depression verharmlost, mit Schnupfen oder Grippeerkrankungen gleichgesetzt oder sogar schlimmstenfalls als Einbildung bezeichnet. Wer über die Symptome klagt, bekommt oft von Freunden und Verwandten zu hören: "Das wird schon nicht so schlimm sein" oder "Du musst dich nur ein wenig mehr zusammenreißen". Gerade diese Ratschläge, häufig sogar gut gemeint, verschlimmern die Lage der Kranken nur noch weiter.

"Es sind ernste Krankheiten, die schrittweise auftauchen und körperlich manifestieren", erklärt Michels-Vermeulen. Dadurch sinke die Fähigkeit, Freude und Zufriedenheit zu spüren, negative Gefühle würden übermächtig.

Kern der Krankheit ist eine Störung im Kontrollsystem für Stresshormone, die schließlich den Körper überschwemmen und den Stimmungshaushalt verändern. Auslöser sind oft extreme Stressphasen wie der Verlust des Jobs oder des Partners, schwere Operationen oder die Geburt eines Kindes. Auch traumatische Erlebnisse können Depressionen zur Folge haben. Experten vermuten, dass etwa jeder zehnte, der ein brutales Verbrechen, einen Krieg oder einen Terroranschlag persönlich erlebt hat, später erkranken wird.

Während bei gesunden Menschen das seelische Empfinden nach belastenden Erlebnissen von selbst wieder ins Lot kommt, bleiben Erkrankte, offenbar durch eine Verkettung mehrerer Ursachen, auf Dauer für eine längere Zeit im depressiven Zustand. In den Industriestaaten nimmt die Erkrankung seit Jahren immer mehr zu. So gehen die Wissenschaftler davon aus, dass die meisten der jährlich knapp 12.000 Selbsttötungen in Deutschland auf Depressionen zurückzuführen sind - darunter sind immer mehr jüngere Menschen, die sich das Leben nehmen. Allein in den vergangenen zehn Jahren ist nach Angaben des DPTV die Quote der Suzidfälle der 20-jährigen um ein Drittel angestiegen.

Soll sich mehr für Psychotherapien engagieren: Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD)
REUTERS

Soll sich mehr für Psychotherapien engagieren: Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD)

Psychotherapie kann rettend wirken

Der Einsatz von Psychopharmaka ist in vielen Fällen hilfreich, manchmal lebensrettend. Antidepressiva könnten zwar heilend wirken, doch sollten diese gleichzeitig mit therapeutischen Mitteln gekoppelt werden, meint der Psychotherapeut Wünscher. So könnten Menschen mit Depressionen wertvolle und nachhaltige Hilfestellungen erhalten und Wege aus der Krise aufgezeigt bekommen.

"Das Gesundheitssystem kann von unnötigen Kosten für die Behandlung von psychosomatischen Langzeitschäden befreit werden", behauptet Wünscher. Auf diesem Wege könne auch das angeschlagene Gesundheitssystem jährlich um rund 1,2 Milliarden Euro entlastet werden. So fordern die Mitglieder der DPTV die Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) auf, dass "die Psychotherapie in der Krankenversorgung, in der Prävention und bei den Gesprächen für die Gesundheitsreform endlich den Stellenwert bekommt, den sie verdient".



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