Der Fall Columbus Was uns die Kohlenstoffatome erzählen

Die C-14-Analyse im Labor muss klären, ob es sich beim vor Panama entdeckten Wrack tatsächlich um die "Vizcaína" von Christoph Columbus handeln könnte. Der Seefahrer hatte seine Entdeckungsreisen durch eine nützliche Liebe vorbereitet.

Von und Clemens Höges


Kiel, Sommer 2003

Das Wunderwerk steht in Raum 6, es hat 2,1 Millionen Euro gekostet. Die Wände von Raum 6 sind grau, Raum 6 ist ungefähr 10 mal 25 Meter groß. Das Wunderwerk füllt den Raum vielleicht zur Hälfte aus. Die Luftfeuchtigkeit hier drinnen muss 50 Prozent betragen und die Temperatur 21 Grad Celsius plus/minus ein Grad. Es gibt drei Notausgänge.

Tauchoperation am Wrack: Alle 5730 Jahre verschwindet die Hälfte der C-14-Atome
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Das Wunderwerk ist ebenfalls grau, es sieht aus wie ein Öltank mit seltsamen Rundungen. Überall auf dem Wunderwerk kleben kleine Blitze, es gibt Schilder: "Bei Alarm auf OFF drehen". Drei Millionen Volt wirken in dem Wunderwerk, die Teilchen fliegen anfangs mit 600 Kilometer pro Sekunde um die Kurve und am Ende mit 6000 Kilometer pro Sekunde.

Vor über 500 Jahren entdeckte Columbus Amerika, es ist eine Schnittstelle in der Geschichte der Menschheit, der Beginn der Herrschaft westlicher Werte. Und es ist seltsam, wenn man nun, im Jahr 2003, mit hochgerüsteten Maschinen versucht, ein Geheimnis im Fall Christoph Columbus zu entschlüsseln; wenn man also ein Stückchen Holz von einem Wrack aus Panama durch all die Apparate und am Ende vor allem durch den Teilchenbeschleuniger des Leibniz-Labors der Christian-Albrechts-Universität Kiel jagt.

Hier regiert Professor Pieter Meiert Grootes, Jahrgang 1944, ein Mann in Sandalen und blauen Socken, ein Mann mit weißem Haar und blauen Augen, eine dieser Koryphäen in der Welt der Wissenschaft. Grootes studierte in Groningen Physik und Chemie, genauer: Isotopenphysik und Massenspektrometrie. 1995 kam Grootes nach Kiel. Die Räume hier heißen "AMS-Proben" (Raum 10) oder "Targetherstellung" (Raum 8).

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Wie lässt sich erklären, was Grootes und seine 13 Mitarbeiter da tun in diesem roten Backsteingebäude mit weißen Fensterrahmen am Rande des Geländes der Uni Kiel? Nun ja, Pieter Grootes gibt sich alle Mühe, es so zu erklären, dass man es halbwegs verstehen kann. Zunächst das Wesentliche: "Wir machen Altersbestimmungen, zum Beispiel von Holz, wir messen pro Jahr 3000 Proben, und dazu kommen noch rund 2000 Qualitätskontrollen", sagt Grootes.

Und nun das Komplizierte: "Man nennt das C14-Untersuchung", sagt Grootes, es geht um radioaktiven Kohlenstoff, der in der Atmosphäre enthalten ist, seit Jahrtausenden auf einem annähernd konstanten Niveau. Kohlenstoff hat normalerweise zwölf atomare Masseeinheiten, das sind sechs Neutronen und sechs Protonen, dazu noch sechs Elektronen, das macht die chemische Eigenart von Kohlenstoff aus. Es gibt auch Kerne, die haben sieben Neutronen, das ist dann C13. Und es gibt Kerne, die haben acht Neutronen, die sind instabil, die zerfallen - C14.

Das Ganze ist ein kernphysikalischer Prozess, alle 5730 Jahre verschwindet die Hälfte des C14 durch Zerfall. Nach 11 460 Jahren ist noch ein Viertel übrig. Und so weiter. Grootes sagt: "Wenn man also Vergleichswerte hat, Daten, Tabellen, dann kann man bei dieser Materialbestimmung vergleichen, wie viel C14 es noch gibt und wie viel C14 es ursprünglich einmal gegeben haben muss, und so kann man berechnen, wie viel Zeit vergangen ist. Das ist die radioaktive Altersbestimmung." Die Vergleichswerte stehen in der so genannten Baumring-Kalibrierungskurve, der "Meisterchronologie", wie Grootes sagt.

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Grootes' Leute haben den zwei Holzproben aus Panama Namen gegeben: "KIA 20151" und "KIA 20252". Beide Proben stammen aus demselben Holzblock des Wracks, lagen aber ungefähr 25 Ringe auseinander.

Und die Ergebnisse nach fünf Wochen angewandter Chemie und Physik lauten:

KIA 20251 = 1445 bis 1472.

Und KIA 20252 = 1449 bis 1489.

Die jüngere Probe, so schreibt Grootes es in seinen Bericht, deute logischerweise eher auf das Jahr hin, in dem der Baum gefällt worden sei, und darum folgert der Wissenschaftler nun, mit einer Wahrscheinlichkeit von 68,3 Prozent: "Das Holz kommt aus dem Zeitraum zwischen 1469 und 1487." Das passt.

Grootes sagt: "Wenn man die beiden Werte kombiniert, hat man eine recht scharfe Verteilung, wobei die Entstehung des äußersten Holzrings irgendwo zwischen 1470 und 1486 liegt." Die "Vizcaína" sank 1502. Grootes sagt: "Da kann man sich vorstellen, dass aus diesem Holz vielleicht 1490 ein Schiff gebaut wurde, dass 1502 nicht mehr fahrtüchtig war." Ist das nun ein Hinweis? Oder schon ein Beweis? Grootes sagt: "Es beweist nicht, dass das Schiff Columbus gehörte, aber es ist ein Hinweis darauf, dass es Columbus gehört haben kann. Es beweist jedenfalls nicht, dass es ihm nicht gehört haben kann." Es ist der erste Treffer.



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