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Der Mensch 2067: Ohr am Arm, Magnet im Finger

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Der Mensch ist 2067 kein Mensch mehr – sondern eine Vorstufe zum Cyborg. Was einst mit Herzschrittmachern und Brustimplantaten begann, endet womöglich mit völliger Technifizierung und Züchtbarkeit. Mancher Freak kann es gar nicht mehr erwarten.

"Was soll ich mir im nächsten Jahr implantieren lassen?", fragt US-Journalistin Quinn Norton in die Runde. Gerade hat sie einen Vortrag über Body Hacking gehalten, beim 23. Chaos Communication Congress vor wenigen Wochen – und den versammelten Hackern fällt erst mal keine Antwort ein.

Kein Wunder. Das gezielte Umbauen des eigenen Körpers war für die meisten bisher kein Thema. Ganz anders für Vordenkerin Norton: "Eines Tages werden die Leute ihre Körper modifizieren lassen, um bessere Jobs zu kriegen", sagt sie. Im gewissen Sinn tun die Leute das schon heute. Jugendliches Aussehen, ein Markenzeichen für Dynamik und Leistung, ist längst käuflich: beim Schönheitschirurgen.

Blickt man aber 60 Jahre in die Zukunft – dann könnten aufgespritzte Lippen und Lifting nur noch eine Randnotiz dessen sein, was die Technik mit dem menschlichen Körper anzustellen vermag. Der Mensch 2067: eine Vorstufe zum Cyborg? So hört es sich an, wenn zum Beispiel die Journalistin Norton über ihre Visionen spricht. Sie hat die Verschmelzung von Körper und Technik schon am eigenen Leib getestet.

Im September 2005 hat sie sich einen kleinen Magneten in die Kuppe ihres Ringfingers einsetzen lassen. Ihr Ziel: elektromagnetische Felder spüren. "Ich hatte einen sechsten Sinn", berichtet sie. In der Nähe elektrischer Leitungen habe sie leichte Vibrationen gespürt. Es sei ihr ein Partyspaß gewesen, kleine Metallkugeln an der Fingerspitze hängend vorzuführen. Sicherheitsschranken an den Ausgängen von Geschäften, die mit hohen Feldstärken arbeiten, hätten ihr hingegen regelrecht Schmerzen bereitet.

"Der Körper ist überflüssig"

Der australische Aktionskünstler Stelarc geht bei seinem Projekt "Extra Ear" noch einen Schritt weiter. Er verfügt nach zwei Operationen über drei Ohren. Das dritte Hörorgan, ein rechtes Ohr, befindet sich allerdings nicht am Kopf, sondern am linken Unterarm. Das Silikonimplantat in Form einer Ohrmuschel ließ sich Stelarc unter die Haut nähen, die zuvor geweitet worden war. Nach einer dritten OP soll das Zusatzohr Teil eines Funknetzwerkes sein. Der mit dem Kunstohr aufgenommene Ton soll via Bluetooth wie bei einer Handyfreisprechanlage zu einem Minilautsprecher im Mund des Künstlers übertragen werden.

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"The Body ist obsolete" - der Körper ist überflüssig: Unter diesem Slogan vermarktet Stelarc seine Kunstprojekte. Der Umbau zum Cyborg, zu einem Mischwesen aus Mensch und Maschine, verläuft allerdings noch nicht ohne Komplikationen. Er leide unter einer ernsten Infektion, ausgelöst durch das implantierte Mikrofon, sagt Stelarc zu SPIEGEL ONLINE. Deshalb müsse das Implantat wieder entfernt werden. Danach müsse er noch mal ganz von vorn anfangen.

Auch Quinn Nortons Experiment mit dem Magnetfinger ging auf schmerzhafte Weise schief. Monate nach der Implantierung begann sich der Magnet aufzulösen. Die Fingerspitze färbte sich schwarz: "Ich hatte eine Infektion." Offenbar war die Silikon-Schutzschicht um den Magneten kaputtgegangen. Norton ging zu ihrem Hausarzt – dem es aber nicht gelang, den zerbröselnden Magneten herauszuholen. Das solle demnächst nachgeholt werden, wie Norton SPIEGEL ONLINE in einer E-Mail schrieb. "Ich möchte mir einen anderen implantieren lassen, sobald das Problem mit der Silikonhülle gelöst ist." Die Monate mit Magnetfinger waren alles andere als ein Vergnügen: "Es war sehr schmerzhaft."

Das Thema Körpermodifikation lässt Norton trotzdem nicht los. Ihre Prognose: Irgendwann werden sich Menschen RFID-Chips implantieren, die zum Beispiel permanent Blutzucker- oder Östrogenwerte nach außen funken. Diese Daten könnten zur Überwachung permanent ins Internet gestellt werden.

Klar ist: Binnen 50, 60 Jahren könnten technische Erweiterungen oder Ersatzstücke für den menschlichen Körper durchaus populär werden. Knochen und Sehnen aus Hightech-Material, Funkchips mit Kontrollfunktionen an wichtigen Organen - warum soll es das alles nicht geben, um Leben zu retten, Menschen zu heilen oder den Alltag zu erleichtern, sobald es nur technisch möglich ist?

Gezüchtetes Biomaterial statt Brustimplantaten

Noch weiter denkt Marita Eisenmann-Klein, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft der Plastischen, Rekonstruktiven und Ästhetischen Chirurgen. Für sie ist Hightech-Züchtung von Ersatzgewebe die größte Chance, wenn es um neue Technik für den menschlichen Körper geht. "Nicht-medizinisch indizierte Operationen werden zunehmen", sagt sie zu SPIEGEL ONLINE und zeigt sich überzeugt, dass die Menschen dabei weniger auf künstliches Gewebe setzen werden als auf gezüchtetes Biomaterial. "Durch Gewebszüchtungen werden wir ganz neue Möglichkeiten haben. Dann werden wir keine Brustimplantate mehr benötigen. Wir werden Teile von Organen züchten."

Eisenmann-Klein bezweifelt, dass man Superorgane entwickeln wird, die noch besser sind als menschliche Organe. Es gehe eher darum, vorzeitig alternde oder verschlissene Organe zu ersetzen. Der Körper sei sehr sinnvoll konstruiert: Ein normales Herz sei sehr leistungsfähig, ebenso Gelenke und Knochen – solange sie nicht durch Übergewicht, falsche Ernährung oder Tabakkonsum geschädigt würden.

Ganz abgesehen von der Frage, wer sich zum Beispiel gezüchtete Organe überhaupt leisten könnte: Die größeren Möglichkeiten stellen Ärzte und Patienten vor immer größere Ethik-Probleme. Welche Körpermodifikation erlaubt ist, welche geächtet, welche gar verboten wird – darüber wird es in den kommenden Jahrzehnten große Debatten geben.

"Bei jedem Menschen liegt die Grenze woanders", sagt Journalistin Norton. Ihrer Meinung nach sind Menschen heute schon jene Überwesen der Zukunft, allerdings ohne es zu merken. Tattoos, Piercings, Brustvergrößerungen, selbst die Spirale zur Empfängnisverhütung - all das seien typische, wenngleich bekannte und akzeptierte Körpermodifikationen.

Implantate für mehr Bequemlichkeit?

Nur werden "in 60 Jahren die Grenzen woanders liegen als heute", sagt die Plastische Chirurgin Eisenmann-Klein. Sie fordert: Implantate, die allein der Bequemlichkeit dienen, sollten auch künftig nicht akzeptiert werden. Ihr Berufsverband Plastischer Chirurgen lehnt reine Lifestyle-Medizin ab. Laut Satzung muss ein psychischer Leidensdruck beim Patienten vorliegen. "Bei Falten im Gesicht - da ist der Leidensdruck sicher nicht so groß", sagt Eisenmann-Klein. Operiert werde trotzdem.

Als noch heikler könnten sich Manipulationen am Gehirn erweisen. Warum nicht auf Knopfdruck oder mit speziellen Pillen die eigene Stimmung aufhellen? Oder Vokabeln einfach per Software aufspielen statt sie zu büffeln?

Hirnschrittmacher lindern schon heute bei Parkinson-Patienten Krankheitssymptome. Über eine Fernsteuerung können Betroffene den Schrittmacher sogar selbst bedienen. Er sitzt unter der Haut, von ihm führen Kabel direkt ins Hirn.

Experten wie Andreas Kupsch, Neurologie-Professor an der Charité Berlin, haben allerdings "erhebliche Zweifel", dass sich Hirnschrittmacher irgendwann einmal zum Vokabellernen oder als Muntermacher nutzen lassen. Grundsätzlich sei ein Hirninterface zum Erlernen von Wörtern zwar denkbar, zum Beispiel nach einem Schlaganfall – davon sei die Wissenschaft aber noch meilenweit entfernt. Und "auch hier stellen sich natürlich Ethik-Fragen", sagt Kupsch.

Dass manche Menschen es schon jetzt gar nicht erwarten können, ihre Körper zu verdrahten - das zeigt der VIP-Beachclub Baja in Rotterdam. Für die Besucher dort ist ein Funkchip im Oberarm längst Normalität. Die Identifikationsnummer im Chip ist Eintrittskarte und Geldbörse zugleich: Sie lässt sich mit einem Guthaben verknüpfen.

Ein Scanner bucht jeden Drink am Oberarm ab.

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