Schwächen des Homo sapiens Wie die Evolution den Menschen piesackt

Corbis

Von "natur+kosmos"-Autor Jörg Zittlau

2. Teil: Eine neue Schlagader am Arm


Bei der Milchzuckerverträglichkeit handelt es sich um einen Evolutionssprung im klassischen Sinne der Darwinschen Evolutionstheorie: Am Anfang steht eine zufällige Veränderung im Erbgut, über deren letztendliches Wohl und Wehe dann die Umwelt und bis zu einem gewissen Grad der eigene Lebensstil entscheidet. Es gibt jedoch auch jüngere Entwicklungen im menschlichen Körper, die weniger im Erbgut verankert sind und daher auch im engeren Sinne nicht zur Evolution gehören. Doch das ändert nichts an ihrem massiven Einfluss auf unsere Gesundheit.

Dazu gehören die Veränderungen im Hormonhaushalt, mit denen Frauen in den letzten Jahrtausenden zu tun haben. In der Steinzeit waren sie einen großen Teil ihres Lebens entweder schwanger oder haben Babys gestillt, was sich deutlich auf ihr Östrogenlevel niederschlug. Heute hingegen haben sie - zumindest in unseren Breiten - weniger Kinder, und wenn, dann stillen sie kürzer oder gar nicht, und sie verhüten oft per Anti-Baby-Pille. "Heutige Frauen sind viel größeren Östrogenmengen ausgesetzt", erläutert Anthropologe Israel Hershkovitz von der Tel Aviv University. Und diese Hormonschwemme sei eine der Hauptursachen dafür, dass derzeit jede achte Frau irgendwann an Brustkrebs erkrankt.

Weniger gefährlich, dafür aber mysteriös ist, dass dem Menschen derzeit eine neue Schlagader im Arm wächst, nämlich die Arteria mediana. Im embryonalen Stadium findet man sie noch in jedem Menschen, doch nach der Geburt bildet sie sich meistens zurück. So war es jedenfalls bisher, doch jetzt stehen die Zeichen auf Veränderung. Humanbiologe Maciej Henneberg von der australischen University of Adelaide entdeckte nämlich, dass zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch etwa zehn Prozent der Menschen die Arteria mediana in ihrem Arm hatten, knapp ein Jahrhundert später waren es jedoch schon 30 Prozent. Offenbar ist es aus evolutionärer Sicht sinnvoll geworden, den durch Handwerk oder Arbeit am PC-Keyboard stark belasteten Fingern eine zusätzliche Blutversorgung zu gönnen.

Im Arm mehr Nerven- und Blutbahnen auf engstem Raum

Doch diese Entwicklung hat auch Nachteile: Denn bei Patienten mit schmerzhaften Karpaltunnelsyndrom fanden Wissenschaftler überdurchschnittlich viele Fälle, in denen die Arteria mediana ausgebildet war. Im Arm müssen eben sehr viele Nerven- und Blutbahnen auf engstem Raum klarkommen - eine zusätzliche Arterie kann da Scherereien machen.

Andere Blutgefäße bilden sich hingegen zurück. Wie etwa bestimmte Arterienäste, die zur Schilddrüse führen. Damit reagiert die Evolution vermutlich auf die Hyperthyreose, eine krankhafte Überfunktion der Schilddrüse, unter der schwangere Frauen zunehmend leiden.

Und dann gibt es Blutgefäße, die korrelieren mit dem Klima, in dem ihr Besitzer lebt. So wird der Oberkörper der Nordeuropäer in jedem vierten Fall von einer Rückenarterie durchzogen, die man bei Bewohnern in der Nähe des Äquators gerade mal bei drei von 100 findet. "Dies liegt vermutlich daran, dass der Oberkörper der Äquatorbewohner kleiner und schlanker ist", erklärt Henneberg, während der wuchtige Oberkörper der Nordeuropäer eben eine zusätzliche Blutversorgung gebrauchen kann.

Diffizil wird es, wenn sowohl Blut als auch Immunsystem betroffen sind. So setzt sich bei den Menschen in Malaria-Gebieten zunehmend ein Gendefekt durch, der einerseits dem Erreger seine Überlebensgrundlage raubt, andererseits aber zu einer ernsthaften Blutarmut führt. Die Evolution musste sich eben entscheiden, ob sie den Homo sapiens vor Malaria schützt oder ihm eine optimale Sauerstoffversorgung garantiert, beides ging offenbar nicht. Am Ende siegte der Seuchenschutz, weil er für den Arterhalt wichtiger ist - mit der Konsequenz, dass die Ärzte in den feuchten Tropengebieten immer öfter blutarme Patienten haben.

Die zuletzt starke Zunahme von Autoimmunerkrankungen und Allergien hängt nach Ansicht von Kathleen Barnes von der Johns Hopkins University damit zusammen, dass wir einen Gast verloren haben, der viele Jahrhunderte lang unseren Darm besiedelte, als wir noch überwiegend in ländlichen Gefilden lebten: nämlich den Pärchenegel. Dieser Parasit animierte damals das Immunsystem zur Produktion von Abwehreinheiten, die nicht nur vor dem Wurm, sondern auch vor überschießenden Immunreaktionen schützten. Mittlerweile ist der Wurm, infolge der veränderten, urbanen Lebensumstände, aus unseren Gedärmen verschwunden, und dem Immunsystem fehlt dadurch eine wichtige Korrekturinstanz. "Natürlich können wir jetzt nicht anfangen, die Städte künstlich mit dem Parasiten zu verschmutzen", betont die amerikanische Anthropologin. Aber man könnte die entscheidenden Moleküle auf seiner Oberfläche nachbauen und dadurch das Immunsystem entsprechend trainieren, sodass es weniger überschießende Reaktionen zeigt.

In Asien sind bis zu 90 Prozent der Menschen kurzsichtig

Das ist freilich Zukunftsmusik. Andere körperlichen Begleiterscheinungen unserer Zivilisation haben wir hingegen schon längst akzeptiert und gelöst. Wie etwa die Kurzsichtigkeit. "In den Industrienationen ist mittlerweile ein Drittel der Bevölkerung kurzsichtig", berichtet Frank Schaeffel, der in Tübingen die Neurobiologie der Augen erforscht. In Asien liegt die Quote sogar schon bei 90 Prozent. Der Grund: Der Mensch sitzt immer öfter und länger an irgendwelchen Nahobjekten, beispielsweise an Bildschirmen.

Um da noch ein vernünftiges Bild auf der Netzhaut erzeugen zu können, muss das Auge eine anstrengende Anpassungsarbeit leisten. Oder aber, und das ist der Entwicklungstrend der letzten Jahrzehnte, der Augapfel wächst einfach gleich in die Länge. Was zur Folge hat, dass man sich bei der Naharbeit nicht mehr so anstrengen muss, andererseits eben auch nicht mehr scharf in die Ferne blicken kann. Doch wen stört das schon, im Zeitalter von Brillen, Kontaktlinsen und Augenlaser? Es gibt keinen Anpassungsdruck, also werden wir demnächst wohl alle kurzsichtig sein.

Was die abschließende Frage aufwirft, wie der Mensch in unseren Breiten in Zukunft aussehen wird. Okay, er wird kurzsichtig sein, aber das wird kaum auffallen. Weitaus auffälliger wäre, wenn die Frauen kaum noch Brüste - als Krebsrisiko viel zu gefährlich! - und die Männer immer weniger Muskeln - braucht man am Schreibtisch nicht mehr! - zeigen würden. Doch dagegen spricht wiederum die sexuelle Selektion, also die Tatsache, dass weibliche Brüste und männliche Muskeln in der Partnersuche nach wie vor eine große Rolle spielen. So etwas hatten wir ja schon bei den blauen Augen: Physiologisch bieten sie keinerlei Vorteile, doch weil sie erotisch anziehend wirken, werden sie immer wieder ins Fortpflanzungsgeschehen eingespeist, sodass es sie bis heute gibt und auch noch in Zukunft geben wird.

Dafür werden demnächst wohl unsere Sensoren fürs Bittere verschwunden sein, weil diese Geschmacksnote kaum noch angesprochen wird und der Bittersinn als Warnung vor giftigen Speisen nicht mehr nötig ist. Und das Gehirn? Wir sind zwar immer öfter Kopf- statt Körperarbeiter, doch in den letzten fünf Jahrtausenden schrumpfte das Hirn um rund 200 Milliliter. Geht das so weiter, haben wir unter der Schädeldecke bald die Ausmaße des Homo erectus. Und dafür gibt es nur zwei Erklärungen: Entweder arbeitet unser Gehirn immer effizienter - oder aber wir werden immer dümmer.



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Marshmallowmann 16.05.2012
1. optional
In Biologie wohl nicht aufgepasst. Die Evolution "reagiert nicht" auf irgendwas, wir mutieren zufällig. Deal with it.
cassandros 16.05.2012
2. Nobody's perfect
Zitat von sysopCorbisMit seinen Vorfahren aus der Steinzeit hat der Mensch heute nicht mehr viel gemeinsam, die Evolution hat viele Anpassungen vorgenommen. Nicht immer zum Vorteil: Manche Veränderung quält uns im Alltag - wie etwa der verkleinerte Kiefer oder eine immer öfter auftretende neue Ader im Arm. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,833006,00.html
Manches in dem Artikel ist schon a bisserl provokant und reizt zum Widerspruch: Das ist purer Lamarckismus. Damit setzt sich der Kollege Lieberman ganz schön in die Nesseln. Aber vermutlich kannte der Steinzeitmensch keinen Juckreiz. Wenn nun aber obige lamarckistische Erklärung zuträfe, erhöbe sich augenblicklich die Frage, warum die hinteren Molaren nicht gleich mit wegevolviert sind? Nicht? ;-) Leider ein inkonsistenter Ansatz. Daß Ötzi & Co. keine Osteoporose kannten, lag wohl auch zuvorderst daran, daß man seinerzeit den "Anstand" hatte, jung genug zu sterben, also lange bevor heute übliche Altersgebrechen auftreten konnten. Wer bei einem Jagdunfall eine Infektion und hernach eine Tetanusvergiftung oder eine Sepsis bekam, hatte halt mit senilem Knochenschwund nicht mehr zu kämpfen.
Allerweltschemiker 16.05.2012
3. optional
Klasse Artikel und locker geschrieben, hat mir gefallen. Zwei Dinge sind mir aber nicht ganz klar: 1) Obwohl es genetische Gruende fuer Fettleibigkeit gibt, die Mehrzahl der beschriebenen amerikanischen Frauen ist nur deshalb zu dick weil sie zuviel Burger & Fries fressen und dazu Soda literweise trinken. Hat mit Evolution wohl nichts zu tun. 2) Ich dachte blaue Augen sind eine relativ neue Erfindung, daher wundert mich der Kommentar "dass es sie bis heute gibt". Das klingt als seien blaue Augen schon in der Fruehzeit ueblich gewesen - obwohl braun die "urspruengliche" Augenfarbe ist. Aber ich kann mich taeuschen.
munin 16.05.2012
4. Dumbottelei eines tastendrückenden Feinmotorikers!
Ich habe noch noch nie in einem populärwissenschftlichen Artikel soviel zusammen- gestoppelten Unsinn gelesen. zB : "Denn vor 7000 Jahren begannen die ersten, Milchzucker zu verdauen." da hätte die Muttermilch vor 7000 Jahren keinen Milchzucker enthalten?? aber das ist nur eine Ente im ganzen großen Ententeich. Noch eins: Solche feinmotorischen Leistungen hätten seine Kinder damals, selbst wenn der Mikrochip schon bekannt gewesen wäre, unmöglich hinbekommen. " Blanker Blödsinn! man muss sich nur die absolut sauber und schon fast mit Mikrostichen zusammengenähte Kleidung von Ötzi anschauen und das alles ohne moderne Nadeln Schere usw. um das ins Reich des aufschneiderischen Geschwätzes abzutun. Ich möchte mal den modernen tastendrückenden "Feinmotoriker" sehen der das mit einer Knochennadel zuwege bringt. Der Homo sapien der Steinzeit war von uns so wenig verschieden wie ein Apfel von einem andern. Wahrscheinlich sogar im Schnitt intelligenter wenn man die grandiosen künstlerischen und astronomischen Leistungen bedenkt.
Tiananmen 16.05.2012
5. Naja
Zitat von MarshmallowmannIn Biologie wohl nicht aufgepasst. Die Evolution "reagiert nicht" auf irgendwas, wir mutieren zufällig. Deal with it.
Irgendwie haben Sie ja recht, aber es ist nicht so, dass die Evolution völlig ungerichtet verläuft. Sie bevorzugt - wie Charles gesagt hätte - diejenigen, die der Umwelt am besten angepaßt sind und ihr auf effizienteste Weise Nahrungs- und Vermehrungsoptionen abgewinnen können. So ganz zufällig ist das nun ja nicht.
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