Fleck auf Munch-Gemälde Ist das Kot oder kann das weg?

Gleich vier Mal hat Edvard Munch sein berühmtestes Gemälde "Der Schrei" gemalt. Doch nur eine Fassung hat eine Reihe rätselhafter weißer Spritzer auf der Oberfläche. Forscher haben nun deren Geheimnis entschlüsselt.

Weiße Flecken auf dem Schrei von Edvard Munch
DESY/ Nationalmuseum Oslo

Weiße Flecken auf dem Schrei von Edvard Munch


Edvard Munch arbeitete gern im Freien. Und dort bewahrte der norwegische Maler auch seine Kunstwerke immer wieder einmal auf, bestenfalls notdürftig vor der Witterung geschützt. Und so hatten Kunsthistoriker eine ganz besondere Theorie, wie charakteristische grau-weiße Flecke auf sein Gemälde "Der Schrei" gekommen sein könnten.

Ein Vogel, so die These, könnte sich über dem Bild erleichtert haben. Denn das Werk kam direkt von Munch in die Sammlung des norwegischen Nationalmuseums - was eine ganze Menge an weiteren Möglichkeiten zur Herkunft des weißen Fleckes ausschließt.

Vielleicht, so vermuteten Experten aber auch, hatte Munch an der Stelle einfach Farbe verspritzt. Dank der Forschungslichtquelle PETRA III des Deutschen Elektronen-Synchrotrons (Desy) in Hamburg scheint nun klar: Auf dem Gemälde von 1893 findet sich etwas ganz anderes - nämlich Kerzenwachs. "Wir gehen davon aus, dass eine Kerze vor dem Bild gestanden hat und das Wachs beim Ausblasen auf dem Bild gelandet ist", so die Forscherin Tine Frøysaker von der Universität Oslo.

Spurensuche mit Vogelkot

Sie hatte zuvor bereits an der These mit dem Vogelkot gezweifelt - weil die Ablagerungen unter dem Mikroskop einfach nicht recht aussahen wie Exkremente. Also lud sie ein Team um ihren Wissenschaftlerkollegen Geert Van der Snickt von der Universität Antwerpen nach Oslo ein, um sich das Gemälde näher anzusehen. Die Belgier hatten einen Röntgenscanner dabei - und konnten in den weißen Ablagerungen weder Kalzium entdecken noch Farbpigmente. Auch die Variante mit weißen Farbspritzern schied also aus.

Die Forscher entschieden sich, eine winzige Probe der weißen Flecken zu nehmen und am Desy in Hamburg untersuchen zu lassen. Dort wurde das Material mit besonders brillantem Röntgenlicht durchleuchtet. Das so entstehende charakteristische Streifenmuster zeigte, dass es sich um Wachs handelt.

Aber auch die Gegenprobe ließen sich die Forscher nicht nehmen: Bei seinem Besuch in Oslo hatte Geert Van der Snickt in der Nähe des Opernhauses etwas Vogelkot eingesammelt - vor den Augen erstaunter Touristen. Diese und eine weitere Probe ließ der Forscher ebenfalls im Röntgenlicht untersuchen. Dabei fanden sich deutlich andere Muster als beim Wachs. Damit scheide diese Variante wohl aus, so die Forscher - außer ein Vogel habe eine Vorliebe für Wachs entwickelt und sich davon ernährt.

"Der Schrei" gilt als entscheidend für die spätere Entwicklung des Expressionismus. Eine Fassung wurde 2012 für 119,9 Millionen US-Dollar versteigert. Am bekanntesten ist die Version des norwegischen Nationalmuseums. Sie gilt als älteste - und ist die einzige befleckte.

chs/dpa



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