WhatsApp-Desinformation Schnelle Erdbeeren und unsere Angstgesellschaft

Deutsche Schüler bekommen als Süßigkeit getarnte Drogen! Koran-CDs mit Nervengift sind im Umlauf! Solche Meldungen verbreiten sich in privaten WhatsApp-Gruppen nahezu ungebremst. Das ist ein Symptom.

"Strawberry Quick": Warnungen vor angeblicher Kinderdroge kursieren seit Jahren
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"Strawberry Quick": Warnungen vor angeblicher Kinderdroge kursieren seit Jahren

Eine Kolumne von


Die "EILMELDUNG" kam über den WhatsApp-Elternverteiler der Schulklasse unserer Tochter: Als Süßigkeiten getarnte Drogen werden auf Schulhöfen an arglose Kinder verteilt! Die Nachricht besteht aus einem Foto einer Handfläche voll harmlos aussehendem Zuckerzeug und einen offenbar maschinenübersetzten Text. In dem wird erklärt, die fiese Kinderdroge trage den merkwürdigen Spitznamen "Erdbeere schnell".

Viele Eltern schulpflichtiger Kinder kennen das. Irgendjemand findet irgendwo - meist bei Facebook - eine Warnung vor einer neuentdeckten Gefahr und verbreitet sie dann sofort und ungeprüft, zweifellos in bester Absicht. Mal sind es vergiftete Briefe, mal CDs mit Koranversen, die angeblich in Briefkästen geworfen werden, überzogen mit einer todbringenden Substanz. Und immer ist es Quatsch. Geeignet, ein subjektives Gefühl verborgener Bedrohungen am Leben zu erhalten, die überall lauern.

Wir haben die Verbreiterin der Erdbeerenwarnung höflich gebeten, doch in Zukunft erst einmal eine Suchmaschine zu bemühen, bevor sie Angstgeschichten weiterverbreitet. Zu "Erdbeere schnell" findet man als Top-Treffer einen Artikel, in dem die auf Hoax-Entlarvung spezialisierte Seite "Mimikama" die Meldung über die bösen Süßigkeiten als Fake enttarnt. Der hatte seinen Ursprung offenbar 2007 in den USA und ist auf dem Weg über Brasilien zu uns gekommen. Globalisierte Desinformation, am Leben erhalten von in bester Absicht handelnden Freiwilligen.

Selbstverständlich haben Menschen schon immer auch Unsinn weitererzählt, das beängstigende Gerücht an sich ist nichts Neues. In einem Zeitalter aber, in dem jeder ein Gerät zur potenziell globalen Verbreitung beliebiger Inhalte in der Tasche hat, erreichen derartige Gruselgeschichten ein ungleich größeres Publikum. Der Kettenbrief skaliert jetzt digital und global.

Reicht die "redaktionelle Gesellschaft"?

Medienwissenschaftler und -ethiker wie Bernhard Pörksen, Alexander Filipovic und John Hartley fordern auch angesichts dieser Entwicklung schon länger eine "redaktionelle Gesellschaft". Eine, in der Menschen Fakten prüfen, bevor sie sie weitergeben. So wie Journalisten es tun, wenn sie ihren Job ernst nehmen. Ich finde diese Idee prinzipiell richtig - zumal das Entlarven häufig nicht allzu schwer ist. Man muss niemanden anrufen und keine Experten befragen, um herauszufinden, dass "Erdbeere schnell" eine Erfindung ist, denn das haben andere schon erledigt. Es ist wichtig, dass alle mehr darüber lernen, wie digitale Medien funktionieren und wie ordentliche Journalisten arbeiten.

Versehentliche Hilfe für die ganz weit Rechten

Ich fürchte aber, dass eine "redaktionelle Gesellschaft" allein nicht reichen wird. Wenn alle anfangen, sich beim Informationenverteilen so zu verhalten, wie viele Redaktionen es tun, wird die offenbar so verbreitete Angst womöglich weiter zunehmen, denn Redaktionen berichten häufiger über Negatives, Bedrohliches, über Missstände. Das liegt in der Natur der Sache, weil der Journalismus eine Kontroll- und Korrekturfunktion hat, also eher auf Missstände schaut. Das soll er auch. Mancherorts aber hat sich der Blick aufs Angstauslösende zu einer Art Selbstzweck weiterentwickelt. Das kann man in diesen Tagen zum Beispiel mal wieder sehr anschaulich auf den Titelseiten der "Bild"-Zeitung sehen.

Redaktionen und private Panikverbreiter arbeiten dabei versehentlich oder gar absichtlich denen zu, deren politisches Geschäftsmodell auf dem Angstmachen basiert. Donald Trump zum Beispiel, der diese Woche offenbar der AfD unter die Arme zu greifen versuchte, indem er erst einen Kriminalitätsanstieg in Deutschland herbeifantasierte und dann, als er von sehr vielen Seiten mit den Tatsachen konfrontiert wurde, gleich eine große Verschwörung zum Betrug der Deutschen witterte.

Merkreime gegen Massenmörder

Trump ist der Präsident eines Landes mit einer Mordrate, die fünfmal so hoch ist wie die deutsche. Eines Landes, in dem mittlerweile Vorschüler Merkreime auswendig lernen, damit sie sich im Falle eines bewaffneten Angriffs auf ihre Schule korrekt verhalten. Im internationalen Vergleich liegen die USA mit ihrer Mordrate kurz hinter Somalia und Kirgistan, aber noch vor Kasachstan, Kuba und Ruanda.

Deutschland dagegen gehört zu den sichersten Ländern der Welt, die Wahrscheinlichkeit, einem Gewaltverbrechen oder Terroranschlag zum Opfer zu fallen ist verschwindend gering - und trotzdem gaben bei der Umfrage einer großen Versicherung, die vor ein paar Wochen veröffentlicht wurde, 71 Prozent der Befragten an, sich hätten große Angst vor "Terrorismus". Auf Platz zwei und drei landeten "politischer Extremismus" und "Spannungen durch Zuzug von Ausländern". Angst vor schweren Krankheiten schafft es nicht einmal in die Top Ten, dabei sterben pro Jahr etwa 580.000 Menschen allein an Herz-Kreislauf-Krankheiten oder Krebs. Ermordet wurden im Jahr 2017 in Deutschland 405 Menschen. Das ist eine Realitätsverzerrung von kolossalem Ausmaß.

Propagandaerfolg deutscher Rechtsradikaler

Und die hat wieder einmal mit einem alten Bekannten zu tun, der in dieser Kolumne schon öfter aufgetaucht ist: der Verfügbarkeitsheuristik. Wenn man über ein Thema ständig etwas hört, überschätzt man seine Relevanz. Wenn man etwas leicht aus dem Gedächtnis abrufen kann - sagen wir mal: Straftaten durch Flüchtlinge -, dann kommt es einem auch wahrscheinlicher vor. Deshalb bemühen sich die AfD und ihre Fußtruppen so intensiv und leider erfolgreich darum, dass von Flüchtlingen oder anderen Migranten begangene Straftaten möglichst viel Platz in der Berichterstattung bekommen. Das vergrößert die gefühlte Bedrohung, Fakten hin oder her.

In Deutschland wird im Schnitt etwas mehr als eine Person pro Tag ermordet, aber im Bewusstsein der deutschen Öffentlichkeit gibt es im Moment nur drei Morde. Sie sind mit den Schlagwörtern Freiburg, Kandel und dem Namen Susanna markiert. Das ist ein bemerkenswerter Propagandaerfolg deutscher Rechtsradikaler.

Versehentliche Helfer, Profis und Private

Ein deutscher Blogger hat sich kürzlich die Mühe gemacht, die Themenhäufigkeiten der öffentlich-rechtlichen Talkshowformate auszuzählen und kam dabei von 2015 bis Juni 2018 auf 131 Sendungen zu den Themen Flüchtlinge, Islam, Kriminalität und Terrorismus. Über soziale Gerechtigkeit wurde nur 41-mal gesprochen, über rechten Terror ganze zweimal.

Die privaten, ehrenamtlichen Panikverbreiter und die Profis in manchen Redaktionen tragen gemeinsam dazu bei, dass Menschen sich vor Dingen fürchten, die in Wahrheit keine oder kaum eine Bedrohung darstellen. Mit freundlicher Unterstützung der Verfügbarkeitsheuristik.

Dagegen hilft es schon ein bisschen, sich diesen Prozess überhaupt bewusst zu machen. Noch besser wäre, wenn die ehrenamtlichen Warner sich wenigstens die Regel "erst googeln, dann posten" angewöhnen würden. Und die Profis sich bemühten, die Zusammenstellung ihrer Angebote etwas mehr an realer statt an gefühlter Relevanz auszurichten.

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insgesamt 41 Beiträge
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Seite 1
Spügelleser 24.06.2018
1. Werbefinanzierung
Eins hat der Autor vergessen: Auch seriöse Medien (und nicht nur Online News Seiten) finanzieren sich über Klick-/Zuschauer-/Zuhörer-/Leserzahlen und dementsprechende Werbeerlöse. Deshalb wird die gesamte Nachrichtenwelt eben auch übermäßig in Richtung Tod und Verderben gewichtet, weil das "Quote" bringt. Automatisch. Vermutlich sogar über weite Strecken unbewusst. Und wenn man "relevante" Artikel anhand von Klickzahlen durch Maschinen heraussuchen lässt und dann ungeprüft als "sonst noch interessant" hinter den schon an sich furchterregenden Artikel klebt, ist die Wahrnehmungsverzerrung beim Leser perfekt. Etwas anderes bekommt man ja nicht zu sehen. Die beschriebene Verfügbarkeitsheuristik entsteht durch das Geschäftsprinzip der Medien. Der Hinweis sollte in solch einem Artikel nicht fehlen.
napoleon2006 24.06.2018
2. @1
Ich würde es noch etwas mehr vereinfachen. Nicht Tod und Verderben ziehen, sondern Emotionen. Angst ist natürlich eine sehr einfach zu spielende weil genetisch veranlagte, aber auch wohlig warme Heldengeschichten oder hämische Schadenfreude gehören dazu. Das sieht man selbst in den momentan dominierenden Stories über die WM. Es gibt kein Mittelmaß mehr, nur Oben und Unten. Früher war sowas mal der Yellow Press vorbehalten...
krautrockfreak 24.06.2018
3. Menschen sind gutgläubig und naiv!
Schon in den 80ern kursierten kopierte Listen mit angeblich krebserregenden Zusatzstoffen (damals hießen die E123 usw., also Emulgatoren). Jeder hat die kritiklos weiterkopiert und die Leute hatten Angst vor harmlosen Getränken (z. B. Mezzo Mix) und Nahrungsmitteln. Heute nennt man das Hoax, also absichtliche Verar... Und genau so naiv und gutgläubig sind Menschen in Sachen Religion und Esoterik....
horstu 24.06.2018
4. Deutschland wird sichererer
Die von Donald Trump, der AfD und anderen Irren verbreitete Falschmeldung, dass in Deutschland die Kriminalität anstiege, gehört endlich in den Lokus. Tatsächlich stiegen gegenüber 2015 lediglich die Zahlen bei Morden (+20,9%), Totschlag (+8,6%), "gefährlicher und schwere Körperverletzung, Verstümmelung weiblicher Genitalien" (+7,5%) und Vergewaltigungen/sexuelle Übergriffe (+60,6%). Die Gesamtzahl der Straftaten sank jedoch leicht, u.a. durch den Rückgang der Fahrraddiebstähle um über 30.000. Deutschland wird also nachweislich sicherer, egal was rechte Lügner, Faktenhasser und Wutvolk behaupten. (Zahlen: https://www.bka.de/DE/AktuelleInformationen/StatistikenLagebilder/PolizeilicheKriminalstatistik/PKS2017/pks2017_node.html).
vitalik 24.06.2018
5.
Zitat von napoleon2006Ich würde es noch etwas mehr vereinfachen. Nicht Tod und Verderben ziehen, sondern Emotionen. Angst ist natürlich eine sehr einfach zu spielende weil genetisch veranlagte, aber auch wohlig warme Heldengeschichten oder hämische Schadenfreude gehören dazu. Das sieht man selbst in den momentan dominierenden Stories über die WM. Es gibt kein Mittelmaß mehr, nur Oben und Unten. Früher war sowas mal der Yellow Press vorbehalten...
Hinzu kommt die Geschwindigkeit der Meldungen. Jede Seite muss bei den Meldungen die Erste sein, da man damit in den Suchmaschinen zuerst gelistet wird. Es geht nicht mehr um den Inhalt, sondern die Zeit. Dementsprechend sind die ersten Artikel auch nichtssagend und enthalten oft genug Fehler. Für Korrektur und Recherche bleibt einfach keine Zeit. "Eilmeldung ..."
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