Deutsches Gift-U-Boot Protest gegen Quecksilber-Sarkophag in der Nordsee

Vor Norwegen liegt das deutsche U-Boot "Caesar" auf Grund - mit 61 Tonnen Quecksilber im Bauch. Jetzt streiten Behörden und Bürger darüber, ob das hochgiftige Weltkriegs-Erbe einbetoniert oder geborgen werden soll. Alle warnen vor einer Umweltkatastrophe.

Von Stefan Schmitt


An einem Donnerstagabend Anfang Januar reichte es den Bewohnern der norwegischen Insel Fedje. Gut 300 von ihnen versammelten sich zu einem Protestmarsch - mehr als die Hälfte aller Inselbewohner. Sie demonstrierten dafür, dass vor der Küste das deutsche Weltkriegs-U-Boot "Caesar" beseitigt wird, das immernoch eine giftige Ladung in sich trägt. Sie ahnten nicht, dass sie binnen 24 Stunden noch ein Problem mit Gift im Wasser bekommen würden.

Der zyprische Frachter "Server" havarierte am folgenden Freitag - mehr als 300 Tonnen Schweröl traten nach Angaben der Küstenwache aus. Einen Großteil bekam die kleine Insel ab. Küstenschutz-Sprecherin Ane Eide zu SPIEGEL ONLINE: "Fedje ist im Moment wohl die am meisten verschmutzte Gemeinde Norwegens."

Die Felsen der Insel sind mittlerweile wieder einigermaßen saubergeschrubbt. Das andere Problem ist nicht gelöst. In U-864 vor der Küste lauert weit Giftigeres als Schweröl.

61 Tonnen flüssiges Quecksilber stecken in den beiden Wrackhälften des deutschen U-Boots, das im Februar 1945 von Briten vor Fedje versenkt wurde. Das Tauchboot U-864 mit dem Codenamen "Caesar" sollte Rüstungs-Hightech nach Japan bringen. Ein verzweifelter Versuch der Nazis, dem längst verlorenen Krieg noch eine neue Wendung zu geben.

Für Marinehistoriker und Rüstungsexperten markiert das Ende von U-864 ein historisches Ereignis: dass erste Duell zweier U-Boote unter Wasser, bei dem ein getauchtes Schiff zerstört wurde. Für die Einwohner stellt sich die Sache weit weniger glamourös dar. Für sie ist das Wrack in 150 Metern Tiefe eine tickende ökologische Zeitbombe. "Wenn nicht bald etwas passiert, wird das ein ernstes Problem für die Zukunft", sagt Kjaeras.

Vorbild Tschernobyl - nur unter Wasser

Vor Weihnachten hatte der Küstenschutz dem zuständigen Ministerium in Oslo empfohlen, mit 300.000 Tonnen Sand, Kies und Beton die Reste von U-864 zu begraben - in einem riesigen Sarkophag wie beim Katastrophen-Atomkraftwerk Tschernobyl, nur unter Wasser. Ein Plan, der die Menschen auf Fedje aufgebracht hat. Sie haben die "Folksaksjonen for hevning av ubaten" gegründet, eine Bürgerinitiative gegen die Sarkophaglösung.

Sie glauben nicht, dass das Zuschütten und Abkapseln von U-864 sicher ist. Stattdessen verlangen sie, dass das U-Boot mit Schwimmkränen aus seinem dunklen Grab gehievt und die giftige Fracht entsorgt wird.

Jetzt geht der Streit hin und her. Zu gefährlich sei eine Bergung, hat der Küstenschutz in einem Gutachten entschieden. Doch die Bürger machen Druck, zweifeln das Gutachten an. Bis zum zuständigen Staatssekretär haben sie es schon geschafft. Ende Januar empfing er die Kritiker von der Insel. Nach dem Treffen sagte Lisbeth Stuberg von der Bürgerinitiative dem norwegischen Rundfunk NRK, jetzt glaube sie, dass die Tür für eine Bergung des U-Boots geöffnet sei.

Beide Seiten treibt die Furcht vor einer Giftkatastrophe. Messungen mit Tauchrobotern 2006 hatten ergeben, dass die Quecksilberwerte um das Wrack herum stark erhöht sind. Auf zehn Gramm Sediment kommt dort bis zu ein Gramm Quecksilber. Gefischt werden darf in dem Gebiet nicht mehr.

Das Schreckensszenario der Norweger ist die Katastrophe von Minamata: Seit Mitte der fünfziger Jahre starben in der japanischen Stadt fast 2000 Menschen qualvoll an Quecksilbervergiftung. Jedes zehnte Kind kam verkrüppelt zur Welt. Die Menschen hatten kontaminierten Fisch gegessen - eine Fabrik hatte 27 Tonnen Quecksilber ins Meer vor Minamata geleitet.

27 Tonnen sind nicht mal die Hälfte dessen, was vor Fedje im Meer liegt.

Quecksilber ist im Meer ein noch gefährlicheres Gift als an Land. Als im vergangenen August in der Ostsee schwedische Giftmüllfässer mit neun Tonnen Quecksilber gefunden wurden, bezeichnete Jochen Lamp, Ostsee-Experte der Umweltschutzorganisation WWF, sie im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE als "tickende Zeitbombe". Wenn das flüssige Schwermetall ins Meerwasser gelange, würden Mikroorganismen es zu Methylquecksilber umwandeln. Diese Verbindung sei 20-mal gefährlicher als reines Quecksilber.

"Kursk", "MSC Napoli" - bald auch U-864?

Philippe Grandjean von der Harvard School of Public Health fasste die giftige Wirkung von Industriechemikalien auf die neurologische Entwicklung des Menschen im Dezember in der Fachzeitschrift "Lancet" so zusammen: Es gebe "starke Belege" dafür, dass selbst kleine Dosen des Gifts die Hirn- und Nervenentwicklung ungeborener Kinder stark beeinträchtigen.

Die Gegner der Sarkophag-Lösung glauben nicht, dass der Quecksilber-Panzer angesichts der Meeres- und Erdkräfte wirklich dicht ist. "Das Wrack liegt in einem Seegebiet mit extrem starker Strömung", sagt Nils Tore Skogland, Chef der Umweltschutzorganisation Friends of the Earth in der betroffenen Provinz Hordaland. Seit Dezember habe es unter der Nordsee zwei Erdbeben gegeben, die stark genug gewesen seien, "um die Dinge ganz schön durcheinander zu schütteln". Ein Betonsarkophag sei ein dauerhaftes Risiko.

Skogland hält das Gutachten des Küstenschutzes für einseitig. Vor- und Nachteile des Betonsarkophags seien zwar ausführlich dargestellt. Die Behörde habe aber nur eine Variante berücksichtigt, wie das Schiff geborgen werden könnte: An riesigen Bändern sollen die Wrackteile emporgezogen werden. "Klar gibt es da das Risiko des Auseinanderbrechens, und niemand will so viel Quecksilber im Meer verteilen", sagt Skogland zu SPIEGEL ONLINE. Doch es gebe Alternativen.

Riesenkasten statt Sarkophag

Das Bergungsszenario geht auf eine Risikoanalyse des niederländischen Spezialisten Smit zurück. Dessen Experten hatten schon bei der Bergung der russischen Atom-U-Boote "Kursk" und "Komsomolet" sowie des deutschen U-534 geholfen und befreien gerade den Containerfrachter "MSC Napoli" an einem Strand in Südengland von Containern und Öl. Eine Machbarkeitsstudie zur Bergung des deutschen Gift-U-Boots vom August 2006 wurde zwar von Smit als geheim gekennzeichnet - steht jedoch auf der Website des Küstenschutzes zu lesen.

Die Experten diskutieren darin mögliche Komplikationen einer Bergung: durch die Munition an Bord, durch Treibstoffreste oder durch Batteriesäure. Außerdem merken die Bergungsprofis aus den Niederlanden an, dass sich die sterblichen Überreste der deutschen U-Bootfahrer an Bord befinden und mit Respekt behandelt werden müssen.

Vertreter mehrerer Parteien im norwegischen Parlament fordern ein zweites Gutachten. Befeuert wird die Debatte durch das norwegische Bergungsunternehmen Eide Marine Services, das eine Alternative vorgeschlagen hat: Am Meeresboden sollen die Wrackhälften in ein Gehäuse eingeschlossen und dann mit dem umliegenden Sediment abtransportiert werden.

Die zuständige Behörde hatte die Spezialfirma gar nicht um einen solchen Vorschlag gebeten. Dabei war sie vor Fedje schon im Einsatz: Im Regierungsauftrag saugte sie das ausgelaufene Schweröl der "Server" von der Nordseeoberfläche.

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