Kohlekraftwerke Deutschlands größte Klimasünder

Die Jamaika-Sondierer streiten nach wie vor um den Kohleausstieg. Doch über welche Kraftwerke reden wir überhaupt?

Kohlekraftwerk Jänschwalde
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Kohlekraftwerk Jänschwalde

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Sie sind einer der größten Streitpunkte in den Sondierungen über eine mögliche Jamaikakoalition: Deutschlands Kohlekraftwerke blasen im Jahr rund 300 Millionen Tonnen Treibhausgase in die Luft. Damit sind sie ein gewichtiger Grund, warum die kurzfristigen Klimaziele kaum noch zu erreichen sind: Bis 2020 sollten die Emissionen um eigentlich 40 Prozent gegenüber 1990 reduziert werden, aber es dürften wohl nur 32 Prozent werden.

Die Grünen fordern daher, die 20 dreckigsten Kraftwerksblöcke schnellstmöglich abzuschalten. Union und FDP geht das zu weit, sie fürchten, dass die Stromversorgung nicht mehr gesichert wäre. Vor allem Vertreter aus Nordrhein-Westfalen, Sachsen und Brandenburg, wo viele der Kraftwerke stehen, argumentieren auch mit den Tausenden Beschäftigten, die ihre Arbeit verlören.

Union und FDP sind inzwischen bereit, zehn Blöcke stillzulegen. Auch wenn die Grünen das bislang ablehnen: Sollten die Verhandlungsführer gemeinsame Koalitionsverhandlungen beschließen, wird damit wohl ein zumindest schrittweiser Ausstieg aus der Kohleverstromung verbunden sein. Dann stellt sich die Frage: Welche Blöcke sollen vom Netz?

Filip Singer/EPA-EFE

Die Kraftwerke mit dem höchsten CO2-Ausstoß

Union und FDP gehen von 32 bis 66 Millionen Tonnen Treibhausgasen aus, die noch bis 2020 durch zusätzliche Klimaschutzmaßnahmen eingespart werden müssen. Die Hälfte dieser Menge - also 16 bis 33 Millionen Tonnen - wollen sie bei der Kohleverstromung einsparen.

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Schon allein mit der Stilllegung des nordrhein-westfälischen Kraftwerks Neurath könnte dieses Ziel erreicht werden: Seine sieben Blöcke pusteten im vergangenen Jahr mehr als 30 Millionen Tonnen Treibhausgase in die Luft. So steht es in der Datenbank zum EU-Emissionshandel. Bislang ist nur die Stilllegung eines der kleineren Blöcke beschlossen.

Die Grünen gehen hingegen von einer notwendigen Einsparungssumme von 90 bis 120 Millionen Tonnen aus. Wollte man auch hier die Hälfte durch das Abschalten von Kohlekraftwerken erreichen, wäre der nächste Kandidat das Kraftwerk Niederaußem. Es stieß vergangenes Jahr rund 25 Millionen Tonnen Treibhausgase aus. Auch hier ist schon geplant, zwei kleinere der noch sieben betriebenen Blöcke nächstes Jahr in die Sicherheitsbereitschaft zu überführen und vier Jahre später endgültig stillzulegen.

Die verbleibenden Blöcke in Neurath und Niederaußem stellen zusammen eine Leistung von gut sechs Gigawatt bereit. Die Bundesnetzagentur gab diese Woche die Einschätzung ab, dass bis 2023 sogar Kohlekapazität von bis zu sieben Gigawatt abgeschaltet werden könne, ohne die Versorgungssicherheit zu gefährden - im Gegenteil könne es die Stromversorgung sogar sicherer machen, weil derzeit Überkapazitäten die Netze belasteten. Voraussetzung sei aber, dass keine Kraftwerke an neuralgischen Punkten im Stromnetz stillgelegt würden.

Die Kraftwerke Neurath und Niederaußem liegen allerdings gerade mal eine Viertelstunde Autofahrt voneinander entfernt - schwer vorstellbar, dass die Bundesnetzagentur einer sofortigen, kompletten Stilllegung beider Standorte zustimmen würde. Auch NRW-Politiker würden wohl Sturm laufen.

Auf der Liste der größten Emittenten folgt das brandenburgische Kraftwerk Jänschwalde mit rund 24 Millionen Tonnen Treibhausgasen im vergangenen Jahr. Von seinen sechs Blöcken sollen bislang nur zwei in den nächsten Jahren vom Netz gehen, auch hier gäbe es also ein großes Einsparpotenzial.

Am Ende ist eine breite Verteilung der Stilllegungen wahrscheinlich: zwei Blöcke hier, drei Blöcke dort. Denn an vielen Standorten gibt es auch einzelne jüngere Blöcke, die CO2-ärmer Strom erzeugen als die Altmeiler.

Das Umweltbundesamt hat in dieser Woche vorgeschlagen, Blöcke der "ältesten und ineffizientesten Kraftwerke" stillzulegen. So stehen etwa in Neurath, Niederaußem, Weisweiler und Boxberg Blöcke, die noch aus den Sechzigern oder Siebzigern stammen.

Die angegebenen CO2-Einsparungen würden allerdings nur eintreten, wenn nach der Abschaltung der Kohlemeiler dann eventuell fehlende Strommengen durch erneuerbare Energien kompensiert werden. Ersetzt man den Kohlestrom eins zu eins etwa durch Strom aus Gaskraftwerken, könnte man zwar nicht 100 Prozent, aber immerhin etwa 60 Prozent der durch Kohle verursachten Emissionen einsparen.

Woher kommen die Daten?

SPIEGEL ONLINE hat für alle Kohlekraftwerke in Deutschland die 2016 ausgestoßenen Treibhausgase betrachtet. Diese werden in der Datenbank zum EU-Emissionshandel veröffentlicht.

Bei den veröffentlichten Angaben handelt es sich um sogenannte CO2-Äquivalente (CO2e), bei denen auch andere Treibhausgase in CO2-Einheiten umgerechnet wurden. Bei Kohlekraftwerken bestehen die Emissionen fast ausschließlich aus CO2.

Anmerkung: Eine frühere Version dieses Artikels enthielt teilweise falsche Effizienzwerte von Kraftwerken. Sie wurden entfernt. Weiter wurde Frimmersdorf als Kraftwerk genannt, das stillgelegt werden könnte. Richtig ist, dass seine Stilllegung bereits beschlossen ist.

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