Forschung Tausende deutsche Wissenschaftler veröffentlichen in Pseudo-Fachzeitschriften

Unseriöse Fachzeitschriften kassieren von Forschern Geld, damit sie ihre Studienergebnisse publizieren. Auch deutsche Wissenschaftler sollen das Angebot angenommen haben - teilweise mit Hilfe von Steuergeldern.

imago/ Westend61


Mehr als 5000 deutsche Wissenschaftler haben Medienberichten zufolge Forschungsergebnisse in wertlosen Online-Fachzeitschriften pseudowissenschaftlicher Verlage publiziert. Diese Verlage achteten die grundlegenden Regeln der wissenschaftlichen Qualitätssicherung nicht, berichten die Sender NDR, WDR und das "Süddeutsche Zeitung Magazin".

Die publizierten Beiträge seien oft mit öffentlichen Geldern finanziert worden. Weltweit seien rund 400.000 Forscher betroffen. An den Recherchen haben sich den Angaben zufolge auch weitere nationale und internationale Medien beteiligt.

Zahl der Publikationen in Deutschland verfünffacht

Das Phänomen der pseudowissenschaftlichen Verlage sei zwar schon seit Jahren bekannt, heißt es in den Berichten. Deutsche Hochschulen und Forschungsgesellschaften hätten bereits mehrfach davor gewarnt. Neu sei jedoch das rasant steigende Ausmaß. So habe sich die Zahl solcher Publikationen bei fünf der wichtigsten Verlage den Recherchen zufolge seit 2013 weltweit verdreifacht, in Deutschland sogar verfünffacht.

Pseudowissenschaftliche Verlage nutzten den Publikationsdruck, der auf Wissenschaftlern laste, und sprächen diese per E-Mail an. Für die wissenschaftliche Karriere ist es wichtig, möglichst häufig als Studienautor genannt zu werden. Einige der angeschriebenen Forscher publizierten Ergebnisse daher gegen Zahlung teilweise hoher Gebühren in den Internet-Journalen, die von Unternehmen in Südasien, der Golfregion, Afrika oder der Türkei herausgegeben werden.

Die Firmen behaupteten zwar, Forschungsergebnisse wie international üblich vor Veröffentlichung anderen erfahrenen Wissenschaftlern zur Prüfung und Korrektur vorzulegen. Den Recherchen zufolge geschehe dies jedoch meist nicht.

So gelangten nicht selten fragwürdige Studien mit scheinbar wissenschaftlichem Gütesiegel an die Öffentlichkeit. In anderen Fällen hätten Autorinnen und Autoren offenbar gezielt die Dienste solcher Verlage genutzt, um Forschungsbeiträge schnell zu veröffentlichen, ohne sich der Kritik von Kollegen zu stellen, heißt es in den Medienberichten.

Teresa Maybe und Boris Jonski

Hinter dem aktuellen Skandal steckt ein Phänomen, dass Wissenschaftler seit Längerem kritisieren. So hatte ein britischer Psychologe vor wenigen Wochen eine Quatsch-Studie veröffentlicht, um auf das Problem aufmerksam zu machen.

Die Kernaussage der Pseudo-Studie: Konservative Politiker wischen ihren Po nach dem Toilettengang mit der linken Hand ab, bei linken Politikern sei es umgekehrt. Teilgenommen an der Studie hatten Fantasie-Politiker wie Boris Johnski, Teresa Maybe und Placido Domingo. Das Magazin "Psychology and Psychotherapy", das die Studie veröffentlichte, behauptet von sich, die Texte vorher zu prüfen.

Und das Phänomen reicht noch weiter. So trat der Journalist Peter Onneken im Mai beim "Siebten Weltkongress" zum Thema Brustkrebs auf - allerdings nicht als Pressevertreter, sondern als Experte. Er hielt einen Fachvortrag vor internationalem Publikum und bewertete im Auftrag der Veranstalter Präsentationen der anderen Teilnehmer. Seine vermeintliche Reputation hatte er auch mithilfe von Publikationen in pseudowissenschaftlichen Verlagen erlangt, berichtet er in der Dokumentation "Betrug statt Spitzenforschung - Wenn Wissenschaftler schummeln". Mehr dazu lesen Sie hier.

Bundesforschungsministerin Anja Karliczek (CDU) hat eine gründliche Untersuchung der Fehlentwicklungen bei wissenschaftlichen Veröffentlichungen gefordert. Dies sei "im Interesse der Wissenschaft selbst", erklärte Karliczek am Donnerstag auf Anfrage. Es müsse alles getan werden, "damit die Glaubwürdigkeit und das große Vertrauen in die Wissenschaft nicht Schaden nehmen".

Allerdings warnte sie vor Vorverurteilungen. Jeder Fall müsse einzeln geprüft werden. Die überwältigende Mehrheit der Wissenschaftler in Deutschland arbeite nach den Grundsätzen guter wissenschaftlicher Praxis.

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koe/dpa

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