Deutschlands Zukunft Bier allein wird uns nicht retten

Es gab diese Woche zwei Meldungen zum Thema künstliche Intelligenz, gemeinsam zeigen beide, was in Deutschland schiefläuft. Die eine Nachricht betrifft die Zukunft der Menschheit - die andere Bier.

Peter Altmaier
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Peter Altmaier

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"Chinesische Firmen treibt nicht eine Mission an, sondern der Markt. Ihr Ziel ist es, Geld zu verdienen, und sie sind bereit, jedes beliebige Produkt herzustellen, jedes Geschäftsmodell anzunehmen, in jede Branche einzusteigen, wenn sie das diesem Ziel näherbringt."

Kai-Fu Lee "AI Superpowers: China, Silicon Valley and the New World Order" (2018)

Es gibt in der deutschen Politiksymbolik zwei Konstanten. Die eine ist das Auto. Die andere ist das Bier.

Wenn deutsche Politiker und Funktionäre über die Zukunft sprechen, über irgendetwas, das als schwer erklärbar gilt, dann bemühen sie Verkehrsmetaphern. Bis heute taucht im politischen Diskurs hierzulande zum Beispiel regelmäßig der absurde Begriff "Datenautobahn" als Synonym für das Internet auf. Ein Wort aus der Ära Kohl.

Manchmal, wenn sie richtig drastisch sein wollen, reden deutsche Politiker auch von Dampfmaschinen. Oder von Flugzeugen. Aber dazu später.

Altmaiers All-in-one-Beruhigungsformel

Wenn es also um die Zukunft geht, denken deutsche Politiker an Motoren und Verkehrsmittel, egal, was das eigentliche Thema ist. Und wenn es darum geht, die Angst vor dieser Zukunft zu mildern, dann greifen sie zum Bier. Mal im Maßkrug, mal norddeutsch-volkstümlich wie Gerhard Schröder: "Hol' mir mal 'ne Flasche Bier."

Im Moment ist der Beruhigungsbedarf besonders hoch. Alle sind ein bisschen nervös. Digitalisierung, Digitalisierung, und eigentlich weiß man gar nicht so genau, was das eigentlich heißt. Aber es geht so höllisch schnell und wird irgendwie alles verändern. Aber was eigentlich? Und wozu?

Für solche Fragen hat der Wirtschaftsminister im Rahmen des Digitalgipfels, der diese Woche in Nürnberg stattfand, eine fantastische All-in-one-Beruhigungsformel erfunden. Er freue sich auf eine Zukunft, scherzte Altmaier, in der ihm ein in Deutschland hergestellter Digitalbutler das Bier aus dem Kühlschrank hole. Außerdem sagte er Dinge wie, dass "Deutschland seine PS auf die Straße" bringen müsse, dass es "eine Art Airbus in der KI" bräuchte in Europa und auch irgendwas mit Dampfmaschinen. Telekom-Chef Tim Höttges bemühte für die Forderung nach einem flächendeckenden 5G-Netz für Deutschland den Vergleich, das wäre doch wie "Privatjets für alle".

Und jetzt zur eigentlich wichtigen Nachricht der Woche

Unterdessen verkündete Demis Hassabis, Gründer und Chef der Google-Tochter Deepmind, auf Twitter den jüngsten Erfolg seines Unternehmens: Deepmind hat den sogenannten CASP13-Wettbewerb gewonnen, mit einem System namens AlphaFold, einer lernenden Maschine.

In diesem Wettbewerb geht es darum, die physische Form der Grundbausteine des Lebens auf Basis ihrer DNA vorherzusagen. Aus einer gegebenen Sequenz von Aminosäuren abzuleiten, welche dreidimensionale Gestalt ein komplexes Protein haben wird, ist höllisch schwierig. Ein einziges derartiges Puzzle zu lösen, kann unter Umständen Jahre dauern, man braucht dazu immense Rechenleistung.

Medikamente, sauberes Wasser, weniger Plastikmüll

Die Stanford University betreibt deshalb seit vielen Jahren das sogenannte Folding@Home-Projekt. In dessen Rahmen können Privatanwender oder Unternehmen Kapazität ihrer eigenen Rechner zur Verfügung stellen, um eine Art verteilten Supercomputer für die Proteinknobeleien zu bilden. Als Dienst an der Menschheit gewissermaßen.

Fehler bei der Proteinfaltung gelten nämlich als verantwortlich für Krankheiten wie Alzheimer oder Parkinson. Wer weiß, welche Proteinstruktur aus einer gegebenen DNA-Sequenz entstehen wird, kann zudem viel einfacher Designerproteine für konkrete Aufgaben entwickeln: Medikamente produzieren, Plastik zersetzen, Wasser reinigen, was auch immer.

Es geht also um eines der wichtigsten Werkzeuge der biotechnologischen Revolution, die uns neben der digitalen Transformation ins Haus steht. DNA ist nichts anderes als Daten. Das hat weder mit Autos noch mit Flugzeugen irgendetwas zu tun. Aber viel mit der nicht mit Retrometaphern zu beschreibenden Zukunft, auf die wir uns zubewegen. Es ist nicht der erste derartige Durchbruch in jüngerer Zeit.

Erster: 25. Zweiter: 3.

AlphaFold schlug 98 Mitbewerber. Das System sagte 25 von 43 gegebenen Proteinstrukturen korrekt voraus - das zweitplatzierte Team schaffte 3. Außerdem arbeitete AlphaFold für diese Art von Aufgabe atemberauend schnell. Es wird noch ein bisschen dauern, bis sich dieser Durchbruch in konkreten, anwendbaren Entwicklungen niederschlagen wird. Aber dass das geschehen wird, erscheint mir ausgemacht.

Ich möchte wetten, dass Sie von diesem Fortschritt hier gerade zum ersten Mal erfahren. Und das halte ich für ein Symptom.

In Deutschland wird über die digitale Transformation immer noch so gesprochen, wie über das Internet immer gesprochen wurde: als gäbe es jetzt bloß neue Lösungsvarianten für alte Problemstellungen. Inkrementelle Veränderungen. Der BMW kann künftig auch selbst fahren, aber wer will das schon. Das Bier muss man sich irgendwann nicht mehr selbst holen. Es ist alles ein bisschen wie die Dampfmaschine, nur schneller. Oder so.

Äußerst unproduktiv

Ich glaube, diese Denkweise hat ihre Wurzel darin, dass es uns zu gut geht. Hier sind die einzigen echten Probleme, die deutsche Entscheidungsträger persönlich kennen: der Verkehr, der Klimawandel - und die eigene Sterblichkeit. Deswegen wird hierzulande so viel über selbstfahrende Autos geredet. Es fehlt die Fantasie. Alles andere, was jetzt noch zu lösen wäre, sind First-World-Problems, Stichwort Bierbutler. Daher rührt die offenkundige Visionslosigkeit deutscher Politik: Ist doch alles ganz ok. Bloß nicht zu viel Veränderung.

Anderswo auf der Welt verhungern Leute, sterben an Malaria, Typhus, Ruhr, oder durch Naturkatastrophen. Manche essen zu jeder Mahlzeit das Gleiche, laufen jeden Tag Stunden, um an Wasser zu kommen oder verbringen ihr Leben als Analphabeten. Aber das sind ja nicht unsere Sorgen. Dem deutschen Wähler ist sowas nicht zu vermitteln. Höchstens als "Fluchtursache".

Die zwei kommenden KI-Supermächte, die im eingangs zitierten Buch des ehemaligen Chefs von Google China, Kai-Fu Lee, beschrieben werden, sind da anders. In China arbeitet man hart und rücksichtslos an den unteren Stufen der Maslowschen Bedürfnispyramide. Im Silicon Valley herrscht eine Mischung aus linksliberalen und ultralibertären Weltverbesserungsvisionen.

Hier in Europa haben wir anscheinend keine rechte Idee, was wir selbst mit dem exponentiellen Wandel anstellen sollen. Außer dem Wunsch nach einem kühlen Bier.

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insgesamt 71 Beiträge
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bogibo 09.12.2018
1. Keine Risikobereitschaft
Meiner Erfahrung nach fehlt es der deutschen Industrie an Fantasie und Risikobereitschaft. Gerade der Mittelstand fällt Entscheidungen erst, wenn er zu 100% sicher ist, dass nichts schiefgehen wird. Das am Ende dabei eine gute Idee so zerhackstückelt wurde, dass von ihr so gut wie nichts mehr übrig ist - egal. So funktioniert die Digitalisierung aber nicht. Hier benötigt es Risikobereitschaft und schnelle Entscheidungen!
optional_22 09.12.2018
2. Danke, Herr Stöcker
dem ist nichts im Grunde nichts hinzuzufügen. PS: Auch visionäre Flugtaxies werden das Problem nicht lösen. Die greifen nämlich zu Kurz. Auch könnte man beispielsweise mal andenken(!) dir Energiewende mit nuklear erzeugtem Wasserstoff aus die Sprünge zu helfen und gleichzeitig! ( d.h. Kombiniert mit die immer noch offene Endlagerfrage durch den Bau von Thorium-Reaktoren entschärfen.
karljosef 09.12.2018
3. Sowohl die auf das Wohl des deutschen Volkes vereidigten Politiker
als auch die Wirtschaft arbeiten an der Zukunft des deutschen Volkes: Die poliitsche "Elite" sorgt(e) doch in der Bildungspolitik, dass wir uns international anpassen! Abi mit 8 Jahren, die Ergebnisse haben doch sicherlich die Wirtschaft überzeugt... Abschaffen der alten Studienordnungen (z.B. Dipl.-Ing.) die allerdings recht zeitintensiv waren, die fehlende (für die Arbeitgeber kostenlose) Ausbíldungzeit soll dann in der Praxis nachgeholt werden (laut lach). Befristete Arbeitsverträge zu Zeiten von Fachkräftemangel, - damit die Arbeitskräfte bloß niemals auf den Gedanken kommen und sich mit dem Arbeitgeber und den Kollegen identifizieren, sondern sich bereits auf die nächste Arbeitsstelle vorbereiten - damit das Wissen, wie es früher üblich war, firmenintern bleibt, sondern auch der nächsten und übernächsten Firma zur Verfügung steht
blödbacke 09.12.2018
4. Seltsame Vermischung verschiedener Themen
Wenn man schon etwas älter ist, hat man ja schon viel Futurologie erfahren. Früher sollten uns die Roboter mal die Arbeit streitig machen. Es wurde eine Maschinensteuer gefordert. Obwohl laut IBM nur einige Großrechner weltweit gebraucht werden würden, hat jeder heute mehrere Rechner im Haushalt. So richtig arbeitslos ist dadurch auch keiner geworden, es sind mehr neue Arbeitsplätze entstanden als verloren gingen. Und ja, es wird eine Herausforderung werden, von 10 Tonnen CO2 pro Jahr pro Kopf auf 1 Tonne zu kommen, aber: wir schaffen das, und das ist auch gut so! Und es werden viele kluge Köpfe gebraucht werden, um das zu erreichen. Arbeitslosigkeit sehe ich dadurch nicht aufkommen. Und falls doch, empfehle ich die 35h-Woche bei vollem Lohnausgleich als möglichen ersten Schritt zur Lösung des Problems.
muskat51 09.12.2018
5. fast richtig,
aber wenn wir nicht rechtzeitig begreifen, dass wir zu viele sind, werden alle diese schönen Errungenschaften den Moment des endgültigen Zusammenbruchs nur einen Wimpernschlag hinausschieben. Nicht auszuschließen, dass in überschaubarer Zeit diejenigen im Vorteil sind, die auch analog überleben können. Oder, andere Szenarien: Wozu braucht man "selbstfahrende" Autos, wenn man gar keine Autos mehr braucht? Wozu braucht man künstliche Butler, wenn es andere Arbeit für Menschen nicht mehr gibt?
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