Diagnose-Diskussion US-Mediziner bestreiten Existenz von Videospielsucht

Ob Videospiele ebenso süchtig machen können wie Alkohol oder Nikotin, ist unter Experten seit Jahren umstritten. Bei einer hochkarätigen Medizinertagung in den USA wurde jetzt erneut abgelehnt, Videospielsucht als neue Diagnose in entsprechende Handbücher aufzunehmen.

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Eine Gruppe von Medizinern innerhalb der American Medical Association (AMA) hatte den Antrag gestellt, Videospielsucht als psychiatrisches Störungsbild ins Diagnosemanual der US-Psychiatrie aufzunehmen. Der Hintergrund dieser Forderung ist nicht zuletzt finanziell: Kostenträger sind sehr viel leichter zu überreden, bestimmte Therapien zu bezahlen, wenn sie in solchen offiziellen Diagnosehandbüchern auftauchen. Einer der Befürworter der Initiative, der Kinderarzt Martin Wasserman, Vorsitzender der Maryland State Medcal Society, sagte, es sei "die richtige Maßnahme", Videospielspielsucht in den Krankheitskatalog mit aufzunehmen. Ein AMA-Bericht zum Thema enthält Schätzungen, denen zufolge mehr als fünf Millionen Kinder in den USA videospielsüchtig sein könnten.

Videospieler: Zocken, bis der Arzt kommt?
REUTERS

Videospieler: Zocken, bis der Arzt kommt?

Nun aber erteilte die Medizinervereinigung einer eigenen Diagnose "Videospielsucht" vorerst eine Absage. Das Thema erfordere zunächst weitere Forschung, so das Urteil der Psychiater - und auch Suchtexperten sprachen sich laut Reuters gegen eine Klassifikation von exzessivem Spielkonsum als Sucht aus. Der AMA-Bericht enthalte keine Informationen "die nahelegen, dass es sich um eine komplexe physiologische Krankheit wie Alkoholismus oder andere Substanzmissbrauch-Störungen handelt", sagte Stuart Gitlow von der American Society of Addiction Medicine.

Louis Kraus of the American Academy of Child and Adolescent Psychiatry sagte, es handele sich bei exzessivem Spielkonsum "nicht notwendigerweise um einen einfachen Fall von Ursache und Wirkung. Es könnte sein, dass es bestimmte Kinder gibt, deren Verhalten eine zwanghafte Komponente beinhaltet". Mit anderen Worten: Ständiges Spielen könne ein Symptom für andere Probleme wie Angststörungen oder Depressionen sein. Dennoch seien exzessive Spieler in Gefahr: Die so verbrachte Zeit fehle für Schularbeiten und auch soziale Interaktionen.

Spielsucht gibt's bislang nur unter Glücksspielern

Schon vor Beginn der Debatte hatten die Verfechter der Diagnose Videospielsucht ihre Forderungen abgeschwächt - wohl, weil sie starke Gegenwehr erwartet hatten. Die Fachgesellschaft für diesen Bereich, die American Psychiatric Association, solle sich des Themas annehmen, bevor sie ihr nächstes Diagnosehandbuch herausgibt - das wird erst in fünf Jahren der Fall sein.

Das "Diagnostic and Statistical Manual" (DSM) der American Psychiatric Association ist nicht nur für die Vereinigten Staaten relevant - auch deutschen Medizinern gelten die darin niedergelegten Diagnosekriterien und Störungskategorien als Richtschnur. Das Mammutwerk ist im Jahr 1994 in seiner vierten Fassung zum letzten Mal in aktualisierter Version erschienen - die nächste Ausgabe ist erst für 2012 geplant. Spielsucht steht bereits jetzt im Manual - aber nur solche, bei der es um Geld geht. Glücksspiel wird im DSM IV unter den Impulskontrollstörungen geführt - ein Fehler, wie Sabine Grüsser-Sinopoli von der Berliner Charité findet.

Grüsser-Sinopoli setzt sich schon seit einiger Zeit für eine neue Diagnosekategorie namens "Verhaltenssucht" ein. "Vergleichbar mit dem Effekt beim Gebrauch von psychotropen Substanzen kann das Verhalten die Funktion erhalten, das Leben für den Betroffenen erträglich zu gestalten", schreiben die Medizinerin und mehrere Kollegen in der aktuellen Ausgabe des Fachblattes "Nervenarzt". Videospielsucht sei demnach nur eine Unterkategorie von bis hin zur Abhängigkeit betriebenem Verhalten - auch "exzessives Kaufen, Spielen, Sport treiben, Arbeiten oder Computer nutzen" könnten unter die neue Diagnose fallen.

Was ist Marotte, was Sucht?

Im Gegensatz zu ihren skeptischen US-Kollegen sieht die Medizinerin durchaus Parallelen zu Substanzmissbrauch: Zehn Prozent aller Kinder und Jugendlichen, die regelmäßig Computer spielten, erfüllten bereits Suchtkriterien, leiten Grüsser-Sinopoli und ihr Team aus eigenen Untersuchungen ab. Dazu gehöre etwa das unwiderstehliche Verlangen, am Computer zu spielen, eine verminderte Kontrollfähigkeit, Entzugserscheinungen wie Nervosität, Unruhe oder Schlafstörungen, eine Steigerung der Häufigkeit oder Dauer des Computerspielens und eine Vernachlässigung anderer Interessen. Sogar schädliche Folgen nähmen die Süchtigen in Kauf, etwa Schlafmangel oder schlechtere Noten.

Besonders Online-Rollenspiele seien problematisch, sagt die Forscherin, weil dort die verlässlichen Erfolgserlebnisse eines Computerspiels mit der Wärme einer virtuellen Gemeinschaft verknüpft würden. "In emotionalen Situationen lernen wir intensiver", so Grüsser-Sinopoli zu SPIEGEL ONLINE. Aber "nur weil man etwas exzessiv macht, ist es nicht gleich Sucht" - genau deshalb sei eine klare diagnostische Kategorie für diesen Bereich dringend notwendig.

Ein US-Mediziner sagte bei der AMA-Tagung dagegen, er halte eine solche Kategorie nicht für sinnvoll. Man könne dann ja auch andere intensiv betriebene Dinge pauschal als Sucht klassifizieren, so Michael Brody: "Warum beim Spielen aufhören?", fragte er. Warum, so Brody, dann nicht auch den ständigen Gebrauch von Blackberries, Handys oder andere seltsame Verhaltensweisen mit einbeziehen?

Mit Material von Reuters, AP



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