Diagnose Mozarts Tod endgültig geklärt?

Wolfgang Amadeus starb jung. Daher wird seit mehr als 200 Jahren an der Todesursache herumgerätselt. Ein amerikanischer Ärztekongress glaubte nicht an die Theorien von Hirnblutung, Fleckfieber oder gar Vergiftung und hat eine neue Diagnose gestellt.

Von Annette Bolz


Wolfgang Amadeus Mozart: Im Fokus der Pathologen
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Wolfgang Amadeus Mozart: Im Fokus der Pathologen

Mozart wurde nur 35 Jahre alt. Das vorzeitige Ableben hat nicht nur Laien, sondern auch Mediziner gerne zur Spekulation verleitet: Mal wird als mögliche Todesursache eine Hirnblutung vermutet, ein anderes Mal wird eine Herzerkrankung oder eine defekte Leber für schuldig befunden. Möglich wären aber auch Nieren-Versagen oder Fleckfieber, finden die Fachleute. Nicht fehlen darf natürlich die Hypothese, Mozart sei vergiftet worden.

Nun hat sich ein Ärztekongress - genauer: die sechste US-amerikanische klinisch-pathologische Konferenz in Baltimore - mit des Musikers Tod beschäftigt. Um es spannender und vor allem objektiv zu machen, wurde den Kongress-Teilnehmern zunächst nur die Krankheitsgeschichte des geborenen Salzburgers vorgetragen. Sein Name wurde nicht genannt. In einer Diskussion ermittelten die Ärzte dann diejenige Todesursache, die sie für am wahrscheinlichsten hielten. "Diese Methode lehrt Medizinstudenten und auch Praktiker, wie man einen schwierigen Fall ordentlich diagnostiziert", sagt Philip Mackowiak, Mediziner an der Universität von Maryland. "Seit 1995 haben wir die Todesursachen von Edgar Allan Poe, Alexander dem Großen, Ludwig von Beethoven, General Custer und Perikles untersucht. Für das Jahr 2000 haben wir Mozart ausgewählt, wegen seiner ungewöhnlichen Fall-Geschichte und der anhaltenden Debatte über seine Todesursache".

Am 20. November 1791 wurde Mozart plötzlich krank. Er hatte hohes Fieber, Schmerzen am Leib sowie extrem geschwollene Arme und Beine. Dabei blieb der Komponist bei klarem Verstand. Doch ihm war so elend, dass er sogar seinen geliebten Kanarienvogel aus dem Zimmer bringen ließ, weil er dessen Tirilieren nicht mehr ertragen konnte. In der zweiten Krankheitswoche litt Wolfgang Amadeus zusätzlich unter Erbrechen und Durchfall. Sein Körper war mittlerweile so angeschwollen, dass seine Kleider nicht mehr passten. Kurz vor seinem Tod fiel er ins Koma. Am 5. Dezember desselben Jahres starb er.

"Mozart wurde wahrscheinlich das Opfer eines akuten rheumatischen Fiebers", resümiert die Kongress-Teilnehmerin Faith Fitzgerald, Internistin an der University of California in Davis. Rheumatisches Fieber wird von Streptokokken-Bakterien ausgelöst. Heute ist diese Infektion wegen der vorhandenen Antibiotika keine Gefahr mehr, doch im 18. Jahrhundert konnten Menschen an der eigenen Immunreaktion auf die Bazillen sterben.

Nierenversagen, eine Lebererkrankung und Fleckfieber könne man ausschließen, so Fitzgerald. Denn der Komponist zeigte keine absolut typischen Symptome dieser Erkrankungen. Vielmehr habe rheumatisches Fieber das Herz des Komponisten geschwächt. Dies erkläre, warum sein Leib so angeschwollen war. Außerdem, sagt die Medizinerin, "ist da Mozarts plötzliche Abneigung gegen seinen singenden Kanarienvogel. Reizbarkeit ist ein klassisches Symptom bei rheumatischem Fieber."

Annette Bolz



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