Religion und Evolution Strafende Götter als Erfolgsgeheimnis der Menschheit

Was hat den Menschen befähigt, in rasant wachsenden Sozialverbünden zu leben? Die nackte Angst vor göttlicher Strafe, behauptet eine Studie: Gott begann seine Karriere als allsehender Aufpasser.

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Allmächtige Vaterfigur mit potenziell harter Hand: Die westlich-christliche Gottesvorstellung ist stark vom griechischen Zeus geprägt
Corbis

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Gott ist allmächtig, allgegenwärtig, allwissend und -sehend. Er wacht über den Menschen, und nichts, was der sagt und tut, bleibt ohne Konsequenz. Gutes belohnt er gütig, aber Böses bestraft er gnadenlos: Er ist ein liebender Vater, aber auch Blitzeschleuderer, Rächer und Richter. Er lockt mit dem Paradies und droht mit ewiger Verdammnis.

In Kurzform umreißt dies das Gottesbild zahlreicher Kulturen. Anthropologen und Kulturwissenschaftler entdecken darin seit Langem die Mechanismen, die ein Zusammenleben großer Menschengruppen erst ermöglichten: Götter spielen darin die Rolle allgegenwärtiger, niemals schlafender Wächter über Wohlverhalten und Gesetz.

Zugleich liefern Götter Antworten auf unbeantwortbare Fragen, erklären die Welt und ihren Sinn. Am Ende lindern sie sogar die Angst vor dem Tod, indem sie ewiges Leben schenken - allerdings nur den Gehorsamen. So stehen sie dem Menschen mit Zuckerbrot und Peitsche gegenüber.

Denn tiefer Glaube an solche Götter geht mit einer eindeutigen Botschaft einher: Wir werden alle überwacht! Also tue nichts Verbotenes, Mensch, denke es noch nicht einmal, denn Gott sieht Dir sogar in Kopf und Herz!

Es ist nicht schwer, in einem solchen Glauben auch die Instrumente der Machterlangung und -erhaltung zu entdecken. Tatsächlich liehen sich seit archaischer Zeit Priesterkasten und Gottkönige ihre Macht aus Religionen. Es bündelte Macht: Bis zum heutigen Tag leiten Könige ihre Position "von Gottes Gnaden" ab - und nicht etwa, weil auch schon Papa, Oma und Uropa den lukrativen Job innehatten und keiner laut genug Einspruch erhob. Göttlich begründete Macht und Herrschaft finden sich überall auf der Welt, in allen Kulturen.

Der grimme Mose bringt Gebote: Dieses Gottesgesetz mahnte zum Wohlverhalten - und drohte mit Strafe und Verdammnis
AP

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Wie aber kam es dazu, und wozu war es gut? Denn unbestreitbar war dieses Modell ja erfolgreich, bediente Bedürfnisse und ermöglichte einigen Kulturen Dinge, die anderen nicht möglich waren. Thesen, die solche Fragen beantworten sollen, gibt es seit Langem:

  • Wissenschaftler sehen in Religionen, die mit strengen Regeln und Gesetzen und einer darüber wachenden Instanz einhergingen, eine Methode, die es Menschen ermöglichte, über das Maß von Familie, Clan- oder Stammesverbund hinaus miteinander zu leben und zu kooperieren: Religion schuf Verbünde.
  • Der Dienst am Höheren ermöglichte gemeinnütziges Verhalten in der amorphen Gruppe, indem es identitätsstiftend wirkte: Es verhalf den archaischen, ersten städtischen Kulturen zu kollektiver Stärke und Wohlstand.
  • Komplizierte religiöse Überzeugungen und Rituale schufen und schaffen Gemeinsamkeiten zwischen Menschen, die sich nicht kennen: Sie sind kulturelle und soziale Klammern; gleichzeitig schließen sie Fremde aus.
  • Religionen definieren so vergrößerte, virtuelle Gemeinschaften, die sich über ihre Gemeinsamkeit ("gleicher Gott, gleiche Gesetze") von anderen absetzen, gemeinschaftlich handeln und durchsetzen können.
  • In aggressiven Zeiten legitimiert ein göttlicher Auftrag unmenschliches, amoralisches Verhalten gegen "Gottlose". Auch Jahwe, der spätere christliche Gott, begann seine Karriere als ziemlich brutaler Stammeskriegsgott. Eines seiner Symbole ist ein allsehendes Auge.

Evolutionär gedacht sind all das Vorteile, die einer Kultur und Gesellschaft bei Expansion und Überleben helfen. Doch was für Wissenschaftler stichhaltig und logisch klingt, ist für religiöse Menschen oft ein Affront: Sie betonen die gütige, sozial verbindende, tröstende und heilende Seite der Religion als Geheimnis ihres Erfolgs.

War es das Zuckerbrot - oder die Peitsche?

Neuen Pfeffer in die alte Diskussion, ob Religionen eher wegen ihrer Heilsversprechen oder ihrer Drohungen erfolgreich waren und sind, bringt nun eine internationale Studie, die das Phänomen Religion auf seine evolutionär wirksamen, adaptiven Vorteile untersucht.

Die Autorengruppe um Benjamin Grant Purzycki veröffentlichte ihre Erkenntnisse im Fachblatt "Nature": Die Forscher hatten sich acht grundverschiedene Kulturen rund um den Globus vorgenommen und noch mehr Religionen, vom monotheistischen Christentum über den hinduistischen Götterreigen bis hin zu indigenen Naturreligionen und Ahnenkulten. Und anders als in bisherigen Studien suchten sie ihre Antworten nicht in den Schriften der Religionen selbst, sondern bei den Gläubigen.

Sie testeten 591 Menschen im Rahmen von Interviews und Experimenten, in denen zum einen die Ausprägungen ihrer Religiosität erfasst wurden und zum anderen ihr Verhalten gegenüber Glaubensgenossen und Außenseitern.

Vaterfigur Gott (in der Sixtinischen Kapelle): des Menschen bester Freund (solange er spurt)
dpa

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Experimentell bedienten sie sich im empirischen Werkzeugkasten der Psychologen: Im Rahmen ökonomischer Spiele ging es darum zu klären, wie bereit Probanden waren, Ressourcen zu teilen. Die Studie setzt diese Bereitschaft zu altruistischem Verhalten dann in Beziehung zur spezifischen Religiosität des Probanden. Die Frage dahinter: Was motiviert mehr zu uneigennützigem Verhalten - das Versprechen auf göttliche Belohnung oder die Angst vor göttlicher Strafe?

Was sie fanden: Eine ausgeprägte Korrelation zwischen göttlichem Durchblick und daraus resultierender Angst vor Strafe.

Demnach steigt die Bereitschaft zu altruistischem Handeln deutlich, wenn Probanden sich von einem allmächtigen Gott beobachtet fühlen, der entsprechende moralische Regeln vorgibt und den Verstoß dagegen mit Strafe bedroht.

Das Versprechen auf Belohnung für gutes, moralisches Handeln wirkte im Vergleich weit weniger motivierend. Die "göttliche Motivation" wirkte sich dabei vor allem günstig auf Glaubensgenossen, also Mitglieder der eigenen Gruppe aus.

Die Forschergruppe wertet die Ergebnisse als ersten empirischen Beweis dafür, dass strafende Götter mit Totaldurchblick den Zusammenhalt expandierender Kulturen förderten. Evolutionär gedacht erklärt es, warum solche Religionsmodelle so erfolgreich wurden: Die Angst vor göttlicher Strafe motivierte zur Kooperation mit Menschen, mit denen man nichts gemein hatte als das gemeinsame Bekenntnis. Moralisierende Götter und die Furcht vor übernatürlicher Strafe habe die Menschheit im Wortsinn erst gesellschaftsfähig gemacht.

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