Diebstahl-Vorwurf: Bekannte US-Forscherin muss vor Gericht

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Es geht um ein mysteriöses Virus, das Chronische Erschöpfungssyndrom - und viel Geld: Die US-Forscherin Judy Mikovits soll Unterlagen ihres Arbeitgebers geklaut haben, saß dafür tagelang im Gefängnis. Sie selbst bestreitet den Vorwurf, nun muss ein Gericht den Fall klären. Was steckt wirklich dahinter?

Arbeitsplatz im Labor (Archivbild aus Connecticut): Streit um angeblichen Datenklau Zur Großansicht
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Arbeitsplatz im Labor (Archivbild aus Connecticut): Streit um angeblichen Datenklau

Hamburg - Vor zwei Jahren überraschte die Forscherin Judy Mikovits mit einer revolutionären These zum Chronische Erschöpfungssyndrom - und weckte weltweit Hoffnungen von Patienten. Doch nun entwickelt sich der Fall zu einem regelrechten Krimi: Denn Mikovits' ehemaliger Arbeitgeber, das Whittemore Peterson Institute for Neuro-Immune Disease (WPI), beschuldigt sie, Forschungsunterlagen entwendet zu haben. Vergangene Woche wurde die Wissenschaftlerin festgenommen, wie mehrere US-Medien berichten. Sie saß mehrere Tage in einem kalifornischen Gefängnis. Gerade erst zahlte die Forscherin eine stattliche Kaution, um wieder freizukommen. Der nächste Gerichtstermin ist Mitte Dezember.

Die 53-Jährige bestreitet, dass sie die Unterlagen gestohlen hat oder diese sich in ihrem Besitz befinden. Nun fragt sich das Fachpublikum weltweit: Was steckt wirklich dahinter?

Schriftliche Erklärungen eines anderen Forschers, die das WPI auf seiner Web-Seite veröffentlicht hat, belasten Mikovits schwer. Max Pfost gibt an, er habe im Auftrag seiner ehemaligen Chefin 12 bis 20 Laborjournale aus dem Institut entwendet. Die Unterlagen, die originale Forschungsdaten aus etwa fünf Jahren Arbeit enthalten, habe sie später abgeholt. Er sagte außerdem aus, Mikovits habe ihn noch mehrmals gebeten, ihr Gegenstände aus dem Labor zu besorgen, was er aber nicht getan habe. Eine weitere WPI-Angestellte teilte mit, sie sollte Zelllinien und Blutproben aus dem Institut schaffen.

Der Fall ist brisant. 2009 veröffentlichte Mikovits zusammen mit WPI-Kollegen und Wissenschaftlern anderer Forschungseinrichtungen eine Studie im renommierten Fachmagazin "Science". Sie hätten ein als "XMRV" bezeichnetes Virus entdeckt, das sie bei 67 Prozent der untersuchten Patienten mit Chronischem Erschöpfungssyndrom (CFS) nachweisen konnten - aber nur bei knapp vier Prozent der Menschen in der gesunden Vergleichsgruppe.

Zu dem Zeitpunkt gab es keinerlei Erklärung, wie CFS entsteht. An der Krankheit leiden Schätzungen zufolge allein in Deutschland um die 300.000 Menschen, eine anerkannte Therapie existiert nicht. Der Name der Krankheit klingt leicht irreführend - es handelt sich nicht um eine Variante von Burnout oder Depression, sondern nach Ansicht vieler Experten um ein neurologisches oder immunologisches Leiden. Laut einer Studie, die diesen Oktober erschienen ist, könnte ein Krebsmedikament bei CFS wirksam sein - allerdings sind noch weitere, größere Untersuchungen nötig, bevor dies möglicherweise als Therapie anerkannt wird.

Definition des chronischen Erschöpfungssyndroms

Zur Definition von CFS werden häufig die Kriterien verwendet, die Keiji Fukuda von den amerikanischen Centers for Disease Control (CDC) Mitte der neunziger Jahre festgelegt hat.

CFS bedeutet, dass Betroffene seit mindestens sechs Monaten unter einer andauernden, nicht durch andere Krankheiten erklärbaren Erschöpfung leiden.

Diese Erschöpfung verbessert sich nicht durch Ruhe und schränkt die Aktivitäten der Betroffenen deutlich ein.

Zudem müssen mindestens vier von acht Begleitsymptomen auftreten, zu denen Schlafstörungen, Kopf-, Muskel- oder Halsschmerzen, Konzentrationsstörungen sowie ein deutlich beeinträchtigtes Kurzzeitgedächtnis zählen.

Teure Tests für Patienten

Mikovits' Studie weckte große Hoffnungen, dass antivirale Medikamente, wie sie etwa in der Aidstherapie eingesetzt werden, auch gegen CFS helfen. Zahlreiche Erkrankte ließen - auf eigene Kosten - testen, ob sie von dem Virus befallen sind. Laut einem Bericht des Wissenschaftsjournals "Nature" bot ein zum WPI gehörendes Unternehmen diesen Test für 549 Dollar (410 Euro) an. Das WPI selbst ist gemeinnützig, die Gründer haben eine Tochter, die an CFS erkrankt ist.

Doch nach der scheinbar bahnbrechenden Studie folgte unter Wissenschaftlern große Ernüchterung. Diverse Forschungsgruppen versuchten, ebenfalls XMRV bei Patienten nachzuweisen - immer wieder ohne Erfolg. Im Sommer veröffentlichte "Science" zwei weitere Studien, die deutlich dagegen sprechen, dass das Virus und CFS zusammenhängen. "Weil die Stichhaltigkeit dieser Studie nun stark in Frage steht, teilen wir hier unsere Bedenken mit", schrieb der "Science"-Chefredakteur. Am 22. September folgte eine weitere Studie im Fachmagazin, die gegen XMRV spricht; ein Teil der Originalstudie wurde zurückgezogen.

In der darauffolgenden Woche verkrachten sich das WPI und Mikovits. Die Forscherin wurde gefeuert, was jedoch laut WPI nicht im Zusammenhang mit den Zweifeln an der XMRV-These stehen soll. Wie das "Health Blog" des "Wall Street Journal" berichtete, entbrannte der Streit darum, ob ein anderer Forscher mit bestimmten Zelllinien arbeiten dürfe oder nicht. Nach der Entlassung kamen die Klage, die Festnahme und Mikovits' Entgegnung, sie habe nichts gestohlen.

Die Vorgänge werfen einige Fragen auf. Hat Mikovits tatsächlich Unterlagen stehlen lassen und Daten auf einem Computer zurückbehalten? Und falls ja, warum? Wollte sie die Informationen haben, um ihre Forschung an einem anderen Institut nahtlos wieder aufzunehmen? Oder gibt es etwas in den Daten, das verschleiert werden sollte? Und falls Mikovits nichts entwendet haben sollte - aus welchem Grund verklagt sie ihr ehemaliger Arbeitgeber?

Es wird auf ein Gerichtsverfahren hinauslaufen. Dabei könnte auch noch eine Rolle spielen, was aus einem Forschungsetat von 1,5 Millionen Dollar wird, den die National Institutes of Allergy and Infectious Diseases der USA an das WPI mit Mikovits als Gruppenleiterin vergeben haben. Mikovits' Posten am WPI hat inzwischen Vincent Lombardi übernommen - der Erstautor der inzwischen sehr zweifelhaften XMRV-Studie von 2009.

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insgesamt 2 Beiträge
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1. Abbildungs-Schwindel von Frau Mikovits
danko85 25.11.2011
Frau Mikovits ist bisher nicht durch "Good Scientific Practice" aufgefallen! Sie hat versucht anderen Labors Zugang zu Zellkultur-Proben, die Grundlage ihrer Publikationen sind, zu verwehren und bei einer Präsentation eine Abbildung zur Untermauerung ihrer Thesen präsentiert, die bereits in einer ihrer Publikationen zu finden ist, dort allerdings eine komplett andere Beschriftung aufweist und für eine andere Aussage steht. Das alles lässt meiner Meinung nach gehörige Zweifel an der Forschungsarbeit von Frau Mikovits aufkommen und fügt sich wiederum nahtlos in die nun aufkommenden neuen schweren Vorwürfe ein. Auf diesem Blog wurde der Abbildungs-Schwindel aufgedeckt: http://scienceblogs.com/erv/2011/09/xmrv_and_chronic_fatigue_syndr_29.php
2. ...
hallorenkugel 25.11.2011
alles eine farce höchsteahrscheinlich. laborjournale nehmen auch andere leute mit nach hause, material wird auch von a nach b transferiert. da muß noch was anderes am laufen sein. kann man nur hoffen, daß die frau vor gericht recht bekommt. es gibt soviele gute frauen in der wissenschaft, die es nicht weiter bringen, da das männliche ego, neid u.a. sie von ihren karrieren abhalten.
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