Digitale Ablenkung Wir brauchen eine Aufmerksamkeitssteuer

Ein erfolgreicher US-Unternehmer schlägt eine Steuer vor für die Zeit, die digitale Ablenkung auffrisst. Der Anlass für die Forderung ist der falsche - aber so eine Steuer ist trotzdem eine gute Idee.

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Eine Kolumne von


"Wie oft haben Sie sich mit dem Plan hingesetzt, nur eben eine E-Mail zu schreiben oder online etwas zu bestellen, um sich dann, Stunden später, erstaunt zu fragen, was gerade passiert ist?"
Tim Wu, "The Attention Merchants" (2016, eigene Übersetzung)

Andrew Kortina, einer der Gründer des Bezahldienstes Venmo, und Namrata Patel haben das Gefühl, dass sie einer großen Sache auf der Spur sind. In einem diese Woche erschienenen Blogpost stellen die beiden fest, dass die jungen Männer in den USA immer weniger arbeiten. Bei den 20- bis 24-Jährigen zum Beispiel ist der Anteil derer, die einen Job haben, von 1996 bis 2016 um fast ein Zehntel geschrumpft.

Kortina und Patel glauben, das liegt an digitalen Unterhaltungsangeboten, insbesondere Videospielen. Die jungen Männer, das ist die These, bleiben lieber bei Mama und Papa zu Hause wohnen, verzichten aufs Geldverdienen und sitzen zufrieden am PC oder der Konsole.

"Freizeitluxus"

Die These ist nicht ganz neu, vier amerikanische Wirtschaftswissenschaftler haben Sie im Jahr 2017 schon einmal mit Zahlen unterfüttert publiziert. Das Paper trägt das verheißungsvolle Wort "Freizeitluxus" im Titel.

Für die US-Wirtschaft ist das Ganze aber, wenn es stimmt, eher nicht verheißungsvoll. Irgendwoher muss ja die Produktivität kommen. Wenn die jungen Männer wirklich lieber "Fortnite" spielen, als Geld zu verdienen, weil ihnen Statussymbole ohnehin nicht mehr viel bedeuten, ist das schlecht fürs Bruttoinlandsprodukt.

Entwarnung: Bei uns ist das gar nicht so. Aber.

Jetzt die gute Nachricht: Für Deutschland gilt all das offenbar nicht, zumindest nicht, wenn man sich an den Zahlen des Statistischen Bundesamtes orientiert. Denen zufolge hat der Anteil der 20- bis 30-jährigen Männer, die arbeiten gehen, von 2005 bis 2017 in Deutschland sogar zugenommen. An den Spielen allein kann's also nicht liegen.

Interessant ist für uns hierzulande deshalb vor allem der Lösungsvorschlag, den Kortina und Patel machen. Sie empfehlen eine Aufmerksamkeitssteuer: Die digitalen Unterhaltungsunternehmen stehlen der Gesellschaft Produktivität, also sollen sie gefälligst wenigstens für die Folgen aufkommen.

Lebenszeitmehrwertsteuer

Ich finde, man könnte noch viel weiter gehen. Eine Steuer auf eingezogene und, das ist wichtig, weiterverkaufte Aufmerksamkeit könnte mehrere große Probleme auf einmal lösen. Videospiele würden dabei aber eine untergeordnete Rolle spielen. Treffen würde eine solche Steuer vor allem all jene, die Tim Wu in seinem eingangs zitierten Buch "Aufmerksamkeitshändler" getauft hat. Eine Steuer empfiehlt Wu selbst nicht, vielleicht weil er ein im US-Politbetrieb sozialisierter Jurist ist und man dort mit Steuervorschlägen eher keine Punkte erzielt.

Unternehmen wie Facebook oder Google sind extrem profitabel - zusammengenommen haben nur diese beiden Firmen 2017 über 80 Milliarden Dollar Gewinn gemacht, wobei Google etwa viermal so viel einbringt wie Facebook. So profitabel sind sie nur deshalb, weil sie und ihre diversen Töchter eine Ware vergleichsweise billig bekommen und ziemlich teuer weiterverkaufen: unsere Aufmerksamkeit. Warum sollte man da keine Lebenszeitmehrwertsteuer erheben?

Drei Minuten im Leben von an Katzen interessierten Hessinnen

Im Zusammenhang mit den Tech-Konzernen ist viel von all den Daten die Rede, die sie über uns sammeln, und in der Tat sind auch die extrem wertvoll. Monetarisiert werden diese Daten im Moment aber überwiegend auf eine eher herkömmliche Art: Die riesige Gesamtmenge Aufmerksamkeit wird in für Werbetreibende mundgerechte, attraktive Häppchen verpackt. Sie möchten gern drei Minuten im Leben von an Katzen und Gartenarbeit interessierten Hessinnen Mitte 30 erwerben? Bitte hier entlang.

Fun Fact: Deutsche unter 30 sind täglich etwa sechs Stunden online. Was für ein Humankapital.

Gruselige Folgen

So richtig messen kann man Aufmerksamkeit bislang nicht, jedenfalls nicht flächendeckend, wir haben ja (noch) nicht alle Eye-Tracking-Brillen auf. Deshalb werden zur Bepreisung der Häppchen Näherungen verwendet. Die einfachste ist Zeit: Auch in den Achtzigern kostete ein längerer Werbeplatz im Fernsehen schon mehr als ein kürzerer. Auf dieses simple Maß optimiert man beispielsweise bei YouTube noch immer. Heute wird die "watch time" aber mit maschinellem Lernen optimiert, mit teils sehr gruseligen Folgen.

Facebook optimiert für "engagement", also Likes, Shares, Kommentare, Google für Verweildauer, Klickraten und so weiter. Je mehr Interaktion, je mehr Zeit, desto mehr Aufmerksamkeit können die Firmen verkaufen. Das hat zur Folge, dass aufmerksamkeitsstarke, aber miese Inhalte auf diesen Plattformen gewaltige Reichweiten erzielen, mit bedauerlichen Nebeneffekten: der Verbreitung von Verschwörungstheorien, Antisemitismus und Holocaustleugnung, Wählermanipulation, Desinformation, im schlimmsten Fall Pogrome und Genozid. Siehe Myanmar, siehe Sri Lanka. Oder, weniger schlimm, aber auch nicht toll: die massenhafte Produktion von leicht monetarisierbarem Schrott.

Gut für bessere Inhalte

Wenn die Aufmerksamkeitsverkäufer für die Ware, die sie uns so billig abluchsen, pro Sekunde Steuern zahlen müssten, würde sich ihre Motivationslage ändern: Plötzlich ginge es darum, in möglichst kurzer Zeit möglichst viel Geld zu verdienen. Das spart dem Nutzer Zeit. Manche Werbung würde vermutlich lästiger, werbefreie Bezahlangebote damit attraktiver.

Onlinewerbung würde zudem vermutlich teurer, das wäre zum Beispiel für den Journalismus gut - der im Zeitbudget der meisten Menschen einen weit kleineren Posten ausmacht als Facebook, also nicht allzu sehr leiden müsste unter der Steuer. Und all die lernenden Maschinen würden nicht mehr versuchen, uns so lange wie möglich mit irgendwelchem Mist und den sinistren Methoden der digitalen Verhaltensmanipulation beschäftigt zu halten. Das würde ja dann teuer.

Endlich ein ebenes Spielfeld

Aufmerksamkeitsverbraucher, für die wir freiwillig selbst bezahlen, müsste man von so einer Steuer ausnehmen, also etwa Video- oder Musikstreamingdienste, journalistische Pay-Angebote, kostenpflichtige Videospiele und so weiter. Die verdienen ja nicht an unserer Aufmerksamkeit, sondern daran, dass wir für gute Inhalte bezahlen. Kommerzielle TV- und Radiosender dagegen müssten die Steuer bezahlen, man könnte sie dafür vielleicht anderswo entlasten. Sie fordern seit Jahren ein "level playing field" im Wettbewerb mit den Digitalkonzernen. So ließe es sich herstellen, wenn man es richtig macht.

Am Ende würde eine pro Nutzersekunde erhobene Aufmerksamkeitssteuer dafür sorgen, dass von der gewaltigen Wertschöpfung, die die Plattformbetreiber so reich macht, endlich etwas dort hängen bleibt, wo die Ware Aufmerksamkeit herkommt: hier bei uns.

Vielleicht habe ich auch einen entscheidenden Faktor übersehen, wer weiß - ich bin sehr gespannt auf die Diskussion unter dieser Kolumne.

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Kolumne - Der Rationalist


insgesamt 24 Beiträge
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Seite 1
dasfred 21.10.2018
1. Nee, ich raff diese Argumentation nicht.
Was geben wir nicht alles freiwillig, damit andere ein Geschäft draus machen. Ob unsere Aufmerksamkeit oder unsere alten Klamotten. Wer seine Aufmerksamkeit an Onkel Google oder Tante YouTube verschwendet, bekommt dafür eine Gegenleistung, die seinem Interesse und Niveau entspricht. Das damit zielgenau geworben werden kann, ist ein Gerücht. Ich habe auf meinem Bildschirm noch nicht eine Werbung gesehen, die etwas mit meinem Leben, meinen Interessen oder sonstwas zu tun hat. Ein Buch kann mich ebenso fesseln, wie das rumdaddeln im Netz. Lasst doch den Unternehmen die Freude am Glauben, sie hätten Macht über uns. Das Netz ist ein selbsterhaltender Organismus. Jeder darf sich jederzeit draus verabschieden.
ogishost1u 21.10.2018
2. unnötig kompliziert
Wenn ein Unternehmen mit meiner Aufmerksamkeit Geld verdient muss es Steuern zahlen, je nach dem wie viel Geld es verdient. Wenn wir wollen das Unternehmen weniger Geld mit unserer Aufmerksamkeit verdienen, dann müssen wir dir vorhandenen Steuern erhöhen. Neue Steuern bieten neue Schlupflöcher, und die in diesem Text beschriebene Steuer hat mehr als nur genug Fehler
DerDifferenzierteBlick 21.10.2018
3. @dasfred: Problem woanders @Stöcker: Gute Idee für ein anderes Problem
Das Problem ist doch nicht auf individueller, sondern auf gesellschaftlicher Ebene: Dadurch dass Digitalkonzerne massiv davon profitieren so viel unserer Aufmerksamkeit wie möglich zu erhalten, werden sie immer perfidere Methoden entwickeln, uns so zu manipulieren, dass wir in der Summe immer mehr Zeit bei ihnen verbringen. Und leider sind die Methoden und die Folgen nicht im Sinne der Gesellschaft: Die Algorithmen bevorzugen immer radikalere, emotionalere und subjektivere Inhalte (somit auch Fake News, Verschwörungstheorien, Propaganda) gegenüber sachlichen Fakten und Informationen, Wissenschaft und korrekten Nachrichten. Der beschriebene Ansatz wird wohl nicht dazu führen, dass die von mir beschriebenen negativen Effekte reduziert werden (denn die Alternativen wären für die Konzerne ja noch schlimmer), sondern wird wohl höchstens die riesigen Gewinne der Konzerne leicht schmälern. Und vielleicht werden einzelne Inhalte im Sinne von Herrn Stöcker "zeiteffizienter". Aber letztendlich kann sich das Geschäftsmodell der Digitalkonzerne dadurch nicht ändern, da sie strukturell darauf angewiesen sind, unsere Verweildauer zu erhöhen. Aber um die riesigen Gewinne abzuschöpfen und somit für etwas mehr Gerechtigkeit zu sorgen, ist das eine ganz gute Idee.
gluonball 21.10.2018
4. Oh mein Gott
Klar, wenn einem nichts mehr einfällt. Natürlich werden die jungen Männer in der USA ihre Erwerbslosigkeit in vollen Zügen genießen. Und das wird auch noch untersucht? Natürlich ist es Perspektivlosigkeit und nichts anderes. Und klar kann es auch mal sein, dass man aufgibt und dann eben das beste aus der Zeit macht. Wenn einem nichts mehr einfällt dann kommen solche Studien bei rum.
daleilama 21.10.2018
5. Ad buddies
Sehr schön umgesetzt ist das Konzept in Form der "Ad buddies" in der neuen Netflix Serie Maniac.
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