Digitale Dinge Wir besorgen es uns anders

Drucken Sie noch Fotos aus? Kaufen Sie noch CDs? Viele Menschen speichern Bilder oder Musik nur noch digital - und glauben, sich damit von Ballast zu befreien. Doch das Gegenteil ist der Fall.

Einkaufszentrum (in Dresden)
DPA

Einkaufszentrum (in Dresden)

Eine Kolumne von


"Eine geringere Betonung der physischen Natur von Objekten und Prozessen führt dazu, dass das Nutzungsrecht als mindestens so wichtig wahrgenommen wird wie das Eigentumsrecht."
Der Philosoph Luciano Floridi in "The 4th Revolution" (2014)

Wann haben Sie das letzte Mal 4000 oder 5000 Dinge auf einmal weggeworfen? Ich persönlich kann mich genau erinnern: Es war erst gestern. Die 4000 Dinge, die ich weggeworfen habe, waren Fotos, in vier Ordner sortiert. Aber keine Sorge: Ich habe Kopien davon. Trotzdem habe ich, wie das eigentlich immer ist, dann doch ein paar Millisekunden gezögert, bevor ich die Frage "Wollen Sie diese 4487 Elemente wirklich löschen?" mit "OK" quittiert habe.

Eine wichtige, aber nicht leicht erkennbare Auswirkung der Digitalisierung ist, dass wir alle viel mehr Dinge besitzen als früher. Schwer erkennbar ist das, weil diese Dinge in der Regel unsichtbar sind. Mancher würde sogar sagen, es handelt sich gar nicht um Dinge.

Wir machen zum Beispiel mehr Fotos als irgendeine Generation vor uns. Weil jeder von uns fast jederzeit eine Kamera dabeihat, weil es nichts kostet und die Fotos keinen physischen Platz wegnehmen. Und vielleicht auch, weil es in dieser beschleunigten Zeit noch dringlicher wirkt, den vorbeirasenden Augenblick irgendwie festzuhalten. Auch wenn man sich das Festgehaltene mit großer Wahrscheinlichkeit nie wieder ansehen wird.

Ein Extra-Zimmer für all die vielen Fotos?

Die Ent-Dinglichung digitalisierter Dokumente trägt also einerseits zum rasanten Wachstum ihrer Zahl bei und macht dieses Wachstum andererseits erst möglich. Wenn jeder Smartphone-Besitzer alle Bilder, die er je gemacht hat, als Druck oder Dia vorhalten müsste, würde das die Immobilienpreise noch weiter in die Höhe treiben.

Bei Fotos haben die meisten sich schon daran gewöhnt, sie vom Datenträger losgelöst zu betrachten, aber noch längst nicht alle. Ich kenne ältere Leute, die sich für jeden neuen Urlaub eine neue Speicherkarte für ihre Kamera kaufen, weil auf der alten doch die Bilder vom letzten Urlaub sind. Daten mit dem Datenträger zu identifizieren ist eben eine sehr alte Angewohnheit, und mancher möchte sie bewusst nicht abschütteln.

Tapfer lächelnd die CD auspacken

Gleichzeitig führt die digitale Ent-Dinglichung nach und nach dazu, dass sich unsere Einstellung zumindest zu manchen Dingen wandelt. Schleichend allerdings. Als die MP3-Datei die Art, wie Musik verbreitet und konsumiert wird, grundlegend veränderte, behielten wir die alten Verhaltensmuster zunächst bei: Man schaffte sich - für damalige Verhältnisse - riesige Festplatten an, auf denen dann digitale Kopien von Musikstücken gehortet wurden. Virtualisierte Plattenregale von immer weiter ausufernder Größe, gefüllt mit legal oder illegal erworbenen Dateien.

Weil die Entwicklung so schnell verläuft, existieren derzeit diverse Vorstellungen von der korrekten Aufbewahrungsform für Musik parallel: Es gibt Vinylfanatiker, CD-Sammler, MP3-Horter und, gewissermaßen die Avantgarde der Ent-Dinglichung, all jene, die mit einem Streaming-Dienst vollauf zufrieden sind, der ihnen jederzeit Zugriff auf Abermillionen Stücke bietet. Und Mischformen. Etwa Leute, die bei Spotify vorhören und dann die CD kaufen, oft eher als Geste den Künstlern gegenüber. Der Plattenladen als Fair-Trade-Shop.

Eine Prämisse des Konsumkapitalismus weicht auf

Im Zusammenhang mit Weihnachten und der selbstauferlegten Verpflichtung, Dinge zu schenken, bringt diese Ent-Dinglichung Probleme mit sich. Auch dieses Jahr werden vermutlich noch viele Menschen unter 30 CDs bekommen. Viele davon werden tapfer lächeln und sich bei Oma oder Onkel bedanken, während sie denken: "Was soll ich denn damit?" Eine CD verkommt im Zeitalter von Spotify, Deezer und Apple Music für viele zum sehr teuren, Plastik gewordenen Hörtipp.

Für Filme gilt das Gleiche: Selbstverständlich werden weiterhin DVDs und Blu-Rays verschenkt und gesammelt. Ein nicht zu vernachlässigender Teil der westlichen Welt aber hat sich schon ins Zeitalter des ent-dinglichten Videos aufgemacht und streamt lieber, legal oder illegal. Es ist erstaunlich leicht, sich vom Bedürfnis nach Besitz zu verabschieden, wenn Zugang jederzeit möglich ist. So weichen die neuen Abo-Geschäftsmodelle eine grundlegende Prämisse des Konsumkapitalismus gerade fast unmerklich auf: das Habenwollen.

Und was ist mit Büchern?

Büchern, als Standardgeschenke auf einer Stufe mit Socken und Krawatten, steht der gleiche Prozess noch bevor, aber es gibt Leute, die standhaft behaupten, dass die Dinge hier grundlegend anders liegen. Ich halte das für Wunschdenken, das vermutlich damit zusammenhängt, dass Bücher die Menschheit schon so viel länger begleiten als andere Datenträger.

Ich selbst habe mehrere große Bücherregale zu Hause und im Büro. Aber wenn mir ein Freund jetzt wohlmeinend einen dicken Schinken zu Weihnachten schenkt, kaufe ich mir anschließend heimlich das E-Book und manchmal auch noch das Hörbuch dazu, damit ich den Schinken nicht mit mir herumschleppen muss, wenn ich unterwegs bin. Ich degradiere das geschenkte Buch zum physischen Lesetipp und Ausstellungsstück, und habe dabei seltsamerweise ein schlechtes Gewissen.

Ihr Hochzeitsvideo gibt es nicht bei Netflix

Zwischen all den digitalen Büchern, Filmen, Musikstücken und so weiter und den Fotos und Videos, die bei Ihnen zu Hause auf der Festplatte liegen, gibt es aber einen fundamentalen Unterschied: Die letzteren sind exklusiv. Spotify bietet keinen Zugriff auf von den eigenen Enkeln vorgesungene Weihnachtslieder, und Netflix hat Ihr Hochzeitsvideo definitiv nicht im Programm.

Der wahre Wert dieser Dinge besteht in ihrer Einzigartigkeit und persönlichen Bedeutung. An dieser Stelle kommen wir um das Horten also weiterhin kaum herum.

Zum Abschluss deshalb noch ein Tipp: Für Leute, die mit so etwas auch nur annähernd umgehen können, sind Netzwerkspeicher mit redundanten Festplatten, mindestens RAID 1, ein tolles Weihnachtsgeschenk: Sie stellen sicher, dass all die Enkelvideos und Urlaubsbilder auch einen Hardwarefehler überleben. Wer durch einen Festplattencrash einmal mehrere Jahre Erinnerungsstücke eingebüßt hat, weiß, wovon ich rede.

Das selbsterzeugte digitale Archiv des eigenen Lebens gegen den Untergang absichern zu können, ist ein schöneres Geschenk als ein Gutschein für noch mehr ent-dinglichte Dinge.

Tech-Podcast Netzteil #7: "Und wenn Spotify und Netflix dicht machen?" Streamen vs. Besitzen

Mehr zum Thema
Newsletter
Kolumne - Der Rationalist


insgesamt 85 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
haussmannvisuals 10.12.2017
1. RAID ist kein Backup
Grundsätzlich ist RAID besser als kein RAID. Allerdings, sollte immer noch zumindest ein Offline-Backup z.b. auf einer Externen Festplatte liegen. Denn für den Fall, dass man Daten aus versehen löscht, Erpressungstrojaner den Rechner befallen usw. hat RAID keine Wirkung. Wenn man ganz sicher gehen will, 3 Kopien, davon eine an einem anderen Ort.
dasfred 10.12.2017
2. Nicht die Masse machts
Eben mußte ich an einen damals jungen Fotografen denken, der im Auftrag eines Magazins zwei Wochen in Irland Land und Leute fotografiert hat und mit zwei Kleinbild Filmen à 36 Bildern zurück kam. Aufgabe voll erfüllt, die meisten Bilder kamen in Druck. Seine Kollegen hätten damals mindestens das zehnfache produziert, nicht an Motiven, aber Belichtungsreihen. Heute wird so schnell auf Masse geknipst, dass kaum noch ein Bild richtig gestaltet wird. Draufhalten nachbearbeiten und den Rest archivieren und nie wieder ansehen
keine-#-ahnung 10.12.2017
3. "Ich halte das für Wunschdenken ...
... das vermutlich damit zusammenhängt, dass Bücher die Menschheit schon so viel länger begleiten als andere Datenträger." Ein Buch ist etwas grundsätzlich anderes als eine CD/DVD/BR ... zumindest für diejenigen, die mit Büchern sozialisiert wurden. Da spielen Haptik, Geruch etc. eine Rolle, die Unmöglichkeit, aus dem Papier heraus mit irgendwelchen blinkenden Werbeeinblendungen belästigt zu werden. Ein eigenes Buch ist ein Welt in sich ...
mwroer 10.12.2017
4.
"Es ist erstaunlich leicht, sich vom Bedürfnis nach Besitz zu verabschieden, wenn Zugang jederzeit möglich ist. So weichen die neuen Abo-Geschäftsmodelle eine grundlegende Prämisse des Konsumkapitalismus gerade fast unmerklich auf: das Habenwollen." Im Gegenteil. Das einzige was nachlässt ist das Bedürfnis nach Eigentum in bestimmten Sparten. Das Bedürfnis nach Besitz steigt - und den Besitz erlangt man über das Abo. So hat man 40 Millionen Musiktitel im Besitz - aber ist nicht Eigentümer. Haben wollen wird immer extremer - schauen Sie doch mal in ein beliebiges Forum eines Onlinegames, eines Dienstes. Jede Überschreitung des Zeitfensters von Wartungsarbeiten wird sofort von panikerfüllten Beiträgen begleitet - bis hin zu reinem Hass. Wir verabschieden uns vom Gedanken des 'es muss unbedingt mein Eigentum sein'. Das ist aber auch schon alles und letztlich unwichtig solange wir online immer Zugriff darauf haben. Besitz wird wichtiger als Eigentum aber ob das besser ist? Damit einher geht nämlich oft genug leider ein beklagenswerter Mangel an Respekt vor dem Eigentum anderer.
shardan 10.12.2017
5. Backup!
Da kann ich #1 nur zustimmen - ein RAID ist nett, derzeit laufen bei mir privat mehrere RAID5-Systeme. Alelrdings: Zwei davon sind Offline-Backupsysteme, die nebst einigen separaten Festplatten als Backup dienen. Merke: Ein RAID schützt vor Hardwareausfall - sonst nichts! Versehentlich gelöscht? Ransomware-Trojaner? Da hilft ein RAID dann auch nicht mehr, dann ist das Zeug weg - so ein Pech aber auch. Es wird auch gern vergessen, die Backup-Systeme abzuschalten und die Verbindung zu trennen - bei einem Blitzschlag ist dann alles weg, RAID und Backup! Ansonsten muss ich dem Autor umfassend zustimmen. Lange Zeit habe ich mit der analogen Kamera fotografiert, würde es gern immer noch tun, leider gibt es praktisch keine Filme mehr und niemanden, der das noch entwickeln möchte. Da musste man noch überlegen, wie man das Foto gestaltet - jedes Bild kostete Geld. Heute haben wir eine Schwemme von Fotos, leider geht den allermeisten davon jegliche Bildgestaltung ab, da wird kurz "geblitzdingst", man hat ja das Handy griffig. Etliche Kameras und Smartphones kommen dem entgegen - alles geht automatisch, der Nutzer hat kaum noch Einflussmöglichkeiten. Knöpfe sind teuer, also lässt man sie weg, die Software vieler Smartphones hält Einstellmöglichkeiten gut versteckt - sofern vorhanden. So geraten viele Bilder durch Unvermögen der Nutzer wie der Software zur Einheitspampe - das Individuelle entschwindet.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.