SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

23. Juli 2017, 07:48 Uhr

Digitale Zukunft

Was Roboter mit Rasierklingen zu tun haben

Eine Kolumne von

Es gab diese Woche eine vielbeachtete Nachricht über Rasierklingen, und eine andere, die fast unbemerkt blieb. Beide haben miteinander zu tun - für unsere Zukunft aber ist vor allem die zweite wichtig.

Auf den ersten Blick haben diese zwei Meldungen keine Berührungspunkte. Die eine betrifft ein Projekt der Mozilla Foundation, die unter anderem für den freien Browser Firefox verantwortlich ist. Die andere betrifft Rasierklingen.

Gillette hat gegen den Konkurrenten Wilkinson vor Gericht gewonnen. Wilkinson hatte Klingen, die auf die Rasierer von Gillette passen, hergestellt und sie von Drogerie- und Supermarktketten als Eigenmarken verkaufen lassen. Die Nachahmer-Rasierklingen waren etwa 30 Prozent günstiger als die Originale. Das Gericht befand, Wilkinson habe mit der Aktion ein noch gültiges Patent verletzt.

Die Geschichte illustriert eine hundert Jahre alte Geschäftsstrategie, für die es ein unter Vermarktern berühmtes Motto gibt: Give away the razor, sell the blades. Der Rasierer selbst, der im Prinzip ja nur eine Art Griff für die Klinge ist, wird sehr günstig verkauft, das Verbrauchsgut Klinge aber teuer. Zu teuer, wie der aktuelle Fall wieder einmal zeigt, sonst hätte Wilkinson die Nachahmerklingen kaum 30 Prozent billiger anbieten können. Zubehör zu teuer verkaufen kann man immer, wenn man ein geschlossenes, proprietäres System geschaffen hat, hier aus Griff und Klingen.

Druckertinte und Spielkonsolen

Angeblich hat King C. Gillette dieses Prinzip im Jahr 1904 höchstpersönlich erfunden - was nicht ganz stimmt, aber das tut hier eigentlich nichts zur Sache. Durchgesetzt hat sich das Modell auf jeden Fall.

Das weiß jeder, der einmal eine Druckerpatrone gekauft hat. Insbesondere Tintenstrahldrucker sind grotesk preiswert, Druckertinte aber gehört bekanntlich zu den teuersten Substanzen der Welt. Das gleiche Geschäftsmodell wird auch bei Spielkonsolen eingesetzt: Die Gaming-Hardware an sich wird, im Verhältnis zu den Marktpreisen für die Komponenten, erstaunlich günstig verkauft, die Spiele sind teuer.

Wer über ein geschlossenes System und ausreichende Marktdurchdringung verfügt, der legt die Regeln fest, nach denen gespielt wird. Das hat für Videospielfans zum Beispiel zur Folge, dass bestimmte Titel gar nicht oder erst später auf ihrer eigenen Konsole laufen, weil der Konsolenhersteller einen Deal mit den Entwicklern gemacht hat.

Porno-Apps und Brustwarzenverbot

Ähnliche Phänomene findet man überall, wo solche geschlossenen Systeme existieren: Für Apple-Geräte gibt es keine Porno-Apps, weil Steve Jobs Pornographie verabscheute. Bei Facebook sind weibliche Brustwarzen verboten, und auf einem Kindle von Amazon kann man keine iBooks lesen. Die Plattformbetreiber machen die Regeln.

Wenn es um Rasierklingen geht, ist das nicht allzu tragisch, es kostet die Kunden langfristig nur mehr Geld. Bei digitalen Plattformen sieht die Sache anders aus. Auch hier sind die Dienste oft vergleichsweise günstig oder gar kostenlos, auch hier wird auf anderem Weg bezahlt. Im Zweifelsfall mit persönlichen Daten.

Nun mag man einwenden, dass die Welt gut ohne Porno-Apps fürs iPhone auskommen kann. Doch die Macht derer, die über geschlossene Ökosysteme herrschen, kann auch für ganz andere Zwecke benutzt werden. Etwa, wenn jemand anklopft, der den Betreiber zu bestimmten Verhaltensweisen zwingen kann. Google beispielsweise frisierte bis 2010 Suchergebnisse für chinesische Nutzer dahingehend, dass Begriffe wie "Platz des Himmlischen Friedens" keine relevanten Ergebnisse lieferten. Dann erfand der Konzern eine Ausweichlösung und muss jetzt nicht mehr selbst zensieren.

Orbán, Putin, Erdogan - und Alexa

Autokraten und totalitäre Regimes haben das Machtpotenzial digitaler Ökosysteme längst erkannt. Die Orbáns, Erdogans und Putins dieser Welt werden in ihren Bemühungen, die eigenen Vorstellungen durchzusetzen, stetig mehr Druck auf die Betreiber ausüben. Die Großen der Branche werden vor der Wahl stehen, in bestimmten Märkten entweder keine Geschäfte mehr zu machen - oder sich den Gestaltungswünschen der lokalen Machthaber zu beugen.

Und damit wären wir bei der Mozilla Foundation, der Non-Profit-Organisation hinter dem Firefox-Browser. Die hat diese Woche ein Programm namens "Project Common Voice" enthüllt. Darin geht es um die Frage, wer die Herrschaft über die digitalen Assistenten bekommt, die künftig unseren Alltag für uns organisieren werden.

Noch sind sprachverständige Helferlein wie Amazons Alexa, Google Home, Microsofts Cortana oder Apples Siri relativ dämlich - wenn Sie das selbst einmal ausprobieren wollen, bitten sie Alexa mal "Lieder" von Adel Tawil zu spielen. Doch das wird sich ändern.

Künstliche Intelligenz von Putins Gnaden?

Weil die riesigen Plattformen für künstliche Intelligenz, die gerade entstehen, durch Lernen permanent besser, effizienter werden, werden sie schon bald einen Raum in unserem Alltag einnehmen, den wir uns heute kaum vorstellen können. Sie werden Tickets für uns kaufen, Termine für uns vereinbaren, einkaufen, Nachrichten übermitteln, uns ermahnen, einen Regenschirm einzupacken. Sie werden viel über uns wissen - und unser Geld in bestimmte Richtungen lenken, unsere Fragen auf eine bestimmte Art und Weise beantworten. Auch sie sind, wie Gillettes Rasierer, ziemlich billig für das, was sie bereits leisten. Doch jeder frühe Nutzer hilft mit, die Maschine zu trainieren.

Im Moment sind die Giganten der Branche die einzigen, die über die Mittel verfügen, solche Alleskönner zu bauen und zu betreiben. Mozilla will das ändern, mit einem, als erster Schritt, Open-Source-System zur Spracherkennung. Die Basis also für einen verständigen digitalen Assistenten, der weder Google noch Apple noch Amazon gehört, sondern uns allen. Es geht um die zentrale Frage, ob künstliche Intelligenz künftig nur als Produkt eines Konzerns zu haben sein wird.

Das Tolle ist: Jeder, der - im Moment beschränkt sich das Projekt auf diese eine Sprache - des Englischen mächtig ist, kann mithelfen.Indem er hier klickt und dann einige Sätze laut vorliest, als Lernmaterial für die Spracherkennungssoftware. Machen Sie das mal schnell.

Tragen Sie dazu bei, dass die Roboter, mit denen wir künftig sprechen, uns selbst gehören.

URL:


© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH