Dioxin-Attentat: Erste Studie über Giftanschlag auf Juschtschenko veröffentlicht

Viktor Juschtschenko hat den Giftanschlag von 2004 nur knapp überlebt - die Fotos seines entstellten Gesichts gingen um die Welt. Jetzt liegt die erste wissenschaftliche Studie über das Attentat auf den heutigen Präsidenten der Ukraine vor. Die Forscher sprechen von einem medizinischen Modellfall.

London - Viktor Juschtschenko galt in der Ukraine nicht nur als vielversprechender, sondern auch als charismatischer Reformpolitiker - nicht zuletzt wegen seines guten Aussehens. Damit war es 2004 vorbei: Im September - mitten im Wahlkampf - begann der prowestliche Politiker plötzlich, an einer zunächst unerklärlichen Krankheit zu leiden, die seine Organe angriff und sein Gesicht entstellte.

Erst im Dezember teilten die behandelnden Ärzte einer Wiener Klinik mit, dass Juschtschenko mit Dioxin vergiftet worden sei, genauer: mit TCDD, das als das gefährlichste aller Dioxine gilt und unter anderem im berüchtigten "Agent Orange" vorkommt - jener Chemikalie, die das US-Militär im Vietnamkrieg zur Entlaubung des Dschungels einsetzte. Die Folgen für die Gesundheit der Bevölkerung waren verheerend.

Jetzt haben Forscher die erste wissenschaftliche Studie über die Vergiftung Juschtschenkos vorgelegt. Sie bestätigt die bereits von den Wiener Medizinern getroffene Feststellung, dass eine natürliche Vergiftung angesichts der Reinheit und hohen Konzentration des TCDD in Juschtschenkos Körper ausgeschlossen werden kann.

Allerdings enthält die Studie, die in der aktuellen Ausgabe des renommierten Fachblatts "The Lancet" erschienen ist, weitere Details. Das Dioxin sei so rein gewesen, dass es definitiv in einem Labor produziert worden sei, heißt es. Anfangs habe die Dioxinkonzentration in Juschtschenkos Körper das 50.000-Fache des Normalwerts betragen - ursprünglich war von einem 1000- bis 6000-fach erhöhten Wert die Rede gewesen. Die Halbwertszeit des Gifts - die Zeit, die es braucht, bis die Hälfte der Menge ausgeschieden ist - habe 15 Monate betragen.

Dabei seien rund 60 Prozent des Dioxins, das Juschtschenkos Körper verlassen habe, nicht vom Stoffwechsel umgewandelt worden. Der größte Teil des Gifts sei über Fäkalien ausgeschieden worden, während sich im Urin und Blutserum nur Spuren des Dioxins gefunden hätten. Die Läsionen in Juschtschenkos Gesicht seien entstanden, als die Haut versucht habe, das Gift abzubauen.

Studienleiter Jean-Hilaire Saurat vom Genfer Zentrum für Angewandte Humantoxikologie berichtete zudem, dass Juschtschenkos "außergewöhnlicher Fall" medizinisches Neuland gewesen sei: "Für diese schwere und schmerzhafte Erkrankung gab es keine etablierte Therapie", so Saurat. Man habe die Wirkung des Gifts minutiös beobachtet, seine Natur studiert und seine Verteilung und Eliminierung im Körper analysiert. Dabei seien neue Wege bei der Behandlung der zahlreichen betroffenen Organe beschritten worden. Die Vergiftung Juschtschenkos sei inzwischen "von einem Nachrichten-Ereignis zu einem medizinischen Modell" avanciert.

Die Frage aber, wer den Politiker nun vergiftet hat und wo genau das TCDD hergestellt wurde, können auch die Wissenschaftler nicht beantworten. In der Ukraine wird vielfach Russland für den Anschlag verantwortlich gemacht, weil Juschtschenko damals als Oppositionskandidat gegen einen von Moskau unterstützten Bewerber antrat.

mbe/AP

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