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Diskussion um Langlebigkeit: Das Großmutter-Rätsel

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Warum werden Menschen so alt? Aus rein biologischer Sicht ist das vor allem bei Frauen sonderbar, weil sie im Alter keine Kinder mehr bekommen. Zwar erfüllen Großmütter eine wichtige Funktion im Leben ihrer Enkel - aber ist das der Grund für die Langlebigkeit? Eine Studie weckt Zweifel.

Seniorin mit Kind: Ohne Unterstützung wären viele Mütter wohl aufgeschmissen. Zur Großansicht
DDP

Seniorin mit Kind: Ohne Unterstützung wären viele Mütter wohl aufgeschmissen.

Schimpansen-Weibchen sterben in einem Alter von etwa 50 Jahren, nachdem sie ihre Menopause erreicht haben. Ähnlich sieht es auch bei anderen Tierarten aus. Nur beim Menschen stehen Frauen mit 50 Jahren noch mitten im Leben. Das bringt Forscher zum Grübeln: Welchen biologischen Vorteil hat die Langlebigkeit? Wie konnte sie sich überhaupt entwickeln? Lange glaubte man, das Rätsel gelöst zu haben - doch jetzt haben Wissenschaftler mit einer neuen Studie die Diskussion wieder entfacht.

Als Grund für die Langlebigkeit galt bisher die Großmutter-Hypothese, die der Evolutionsbiologe William Hamilton 1966 veröffentlichte. Demnach brachten Omas ihren Familien schon immer enorme Vorteile: Indem sie sich um ihre Enkel kümmerten, sie beschützten, Nahrung für sie sammelten und sie verhätschelten, sicherten sie eine gute Entwicklung der Kinder. Gleichzeitig entlasteten sie die Mütter, so dass diese sich schneller um den nächsten Nachwuchs kümmern konnten - und bald wieder schwanger wurden. So sorgten die Großmütter dafür, dass sich ihre Enkel besser entwickeln konnten als Kinder ohne eine Oma - und steigerten auch die Chance für eine Vererbung ihrer genetischen Anlage für hohes Alter. Der Weg zur Langlebigkeit war geebnet.

Zumindest in der Theorie.

Um die Hypothese zu untermauern, gab es in den achtziger und neunziger Jahren mehrere Feldstudien, die den positiven Einfluss der Großmütter in der Praxis bestätigten sollten. So beobachteten US-Forscher etwa beim Jäger- und Sammlervolk der Hadza in Tansania, wie Omas jungen Müttern das Leben erleichtern: Indem sie ihnen die Nahrungssuche abnahmen, entlasteten die alten Frauen ihre Kinder. Belohnt wurden sie mit gesunden und schweren Enkeln, die schon jung nicht mehr an die Brust ihrer Mütter mussten. Dass Großmütter den Familiennachwuchs fördern, gilt seitdem als sicher. Welchen Einfluss das auf die Evolution hat, blieb jedoch bis heute ungeklärt.

Computermodelle wecken Zweifel

"Viele Leute glauben, dass sich durch den positiven Einfluss der Großmütter auch die Langlebigkeit der Menschen insgesamt entwickelt hat", sagt Friederike Kachel vom Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Bisher gibt es dafür jedoch noch keine quantitativen Beweise." Mithilfe mathematischer Tests überprüfte ein Team um die Forscherin nun die Plausibiltät der Großmutter-Hypothese - und stieß auf einige Lücken.

"Wir konnten zwar den positiven Einfluss der Großmütter auf das Überleben der Enkel und die Geburtenrate der Mütter nachweisen", sagt Kachel. "Einen Einfluss auf die Langlebigkeit hatte das allerdings nicht." Für ihre Studie beobachteten die Wissenschaftler in einem Computermodell, wie sich 1000 Menschen über 500 Generationen entwickeln.

In einem Szenario kümmerten sich die Frauen rührend um ihre Enkel, sobald sie keinen eigenen Nachwuchs mehr bekommen konnten. Im anderen Modell konnten die Kinder dagegen nicht auf die Hilfe ihrer Großmütter hoffen. In der aktuellen Ausgabe des Fachblatts "Proceedings of the Royal Society B" berichten die Forscher, dass sich die Kinder mit der Großmutterhilfe besser entwickelten - und ihre Mütter schneller wieder Nachwuchs bekamen. Auf die Langlebigkeit der Menschheit hatte dies allerdings keinen Einfluss.

In dem Computermodell wurde nachgespielt, was bei der Entwicklung des Menschen auch in der Natur passiert: In den ersten Generationen erreichten alle Teilnehmer ein Alter von etwa 50 Jahren - manche würden älter, andere etwas jünger. Diese Eigenschaften vererbten die virtuellen Menschen an die nächste Generationen weiter: Wer älter geworden war, bekam auch Nachwuchs mit einer höheren Lebenserwartung. Die Kurzlebigen dagegen hatten auch Kinder, die früher starben.

Würde die Großmutter-Hypothese zutreffen, hätten sich nach einiger Zeit die Teilnehmer mit einer langlebigen Veranlagung durchsetzen müssen: Nur langlebige Frauen, die über 50 Jahre alt wurden und ihre Menopause überlebten, hatten Zeit, sich als Großmutter um ihre Enkel zu kümmern. Hätten die Kinder dadurch größere Überlebenschance gehabt als Kinder ohne Großeltern, hätten sie nach einiger Zeit dominieren müssen - und die Lebenserwartung wäre insgesamt gestiegen.

Das war allerdings nicht der Fall: "Wahrscheinlich ist der Einfluss der Großmutter dafür einfach nicht groß genug", sagt Kachel. Was dem Menschen stattdessen zu seiner Langlebigkeit verholfen hat, ist nicht abschließend geklärt. Eine Möglichkeit ist unser kulturelles Umfeld. "Die Umwelt ist lange nicht mehr so gefährlich wie im Laufe unserer frühen Evolutionsgeschichte", sagt Kachel. Die mangelnde Gefahr könne die hohe Lebenserwartung erklären. Ähnliche Reaktionen wurden bei Tieren beobachtet. Während Lebewesen in der Wildnis oft nicht lange überleben, werden manche im Schutz der Gefangenschaft steinalt.

Die Schwiegermutter schadet

Schon frühere Untersuchungen hatten Zweifel an der Großmutter-Hypothese geweckt. So hatten Evolutionsbiologen 2003 das Kirchenregister der ostfriesischen Küstenmarsch nordwestlich von Emden durchforstet, in dem die Geburten aus dem 18. und 19. Jahrhundert dokumentiert sind. Dabei stießen sie auf zwei erstaunliche Ergebnisse.

Erstens bekamen Familien mit lebenden Großeltern nicht mehr Kinder als andere. Viele Paare hatten offensichtlich durch Verhütung ihren Nachwuchs kontrolliert. Zweitens waren positive Auswirkungen ausschließlich auf die Mutter der Mutter zurückzuführen. Lebte hingegen nur noch die Mutter des Vaters - die berüchtigte Schwiegermutter -, konnten die Frauen keine Unterstützung erwarten. Dann erreichten die Enkel sogar seltener das Alter von fünf Jahren als Kinder, die gar keine Großmutter hatten.

Was nun wirklich hinter der Langlebigkeit des Menschen steckt, müssen wohl weitere Untersuchungen klären. Falls es nicht die Großmütter sind, so ist immerhin ihr positiver Einfluss auf den Nachwuchs belegt - zumindest, so lange es sich um die Oma mütterlicherseits handelt.

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