Ausgegraben

Blog "Ausgegraben" Steinaxt aus Doggerland

Aufgetaucht: Scheibenbeil aus der Nordsee Zur Großansicht
Rijksmuseum van Oudheden Leiden

Aufgetaucht: Scheibenbeil aus der Nordsee

Immer wieder tauchen Artefakte aus dem versunkenen Doggerland am Nordseeboden in den Netzen von Fischern auf. Jüngstes Beispiel ist ein Scheibenbeil aus der Mittleren Steinzeit.

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Fische mögen nicht frieren. Also bleiben sie, wenn das Wetter im Winter zu ungemütlich ist, der Küste fern und tummeln sich lieber in den wärmeren Gefilden der tieferen Regionen. Die Fischer müssen ihnen dann hinterherziehen, wenn sie einen guten Fang mit nach Hause bringen wollen. So geschah es auch im Winter 1988, als Aart Wolters und seine Crew sich an Bord der "Op Hoop van Zegen" aufmachten Richtung Bruine Bank.

Diese Region der Nordsee kennen die Fischer vor allem aus zwei Gründen: die guten Fangquoten bei kaltem Wetter - und die Knochen, Mammutzähne oder sogar Artefakte, die sich dabei immer wieder in den Netzen verfangen und oft für ärgerliche Risse sorgen. So war es auch diesmal. Zwischen den sich windenden Fischen lag an Deck ein großer Stein. Ein bearbeiteter Stein. Wolters steckte ihn ein und nahm ihn mit nach Hause.

Die Knochen, Zähne und Artefakte stammen aus einer lange versunkenen Welt, dem Doggerland. Bis zum Ende der letzten Eiszeit, vor rund 8000 Jahren, war die Nordsee bis hinter die Britischen Inseln hinaus noch Teil des Kontinents. Und zwar ein besonders fruchtbarer. Wo heute der Ärmelkanal fließt, erstreckten sich Flussniederungen mit üppiger Vegetation. Im Schilf brüteten zahlreiche Vögel. Keiner musste hungern: Wolf, Bär, Elch und Pferd wurden ebenso satt wie die Menschen. Diese paradiesische Welt war schon lange bevölkert. Der älteste Fund ist das Fragment eines Neandertalerschädels, das mindestens 35 000 Jahre alt ist - wahrscheinlich aber noch sehr viel älter, bis zu 75 000 Jahre sind möglich. Auch 35 000 Jahre alte Steinwerkzeuge aus der Altsteinzeit haben die Fischer schon öfter mit Muschelsaugern versehentlich mit an die Oberfläche geholt.

Wolters war ein vielbeschäftigter Mann. Erst als er kein Fischer mehr war, fand er die Zeit, sich näher mit dem Fund von der Bruinen Bank zu beschäftigen. Im Januar dieses Jahres zeigte er ihn Luc Amkreutz, Kurator für niederländische Vorgeschichte im Nationalmuseum für Altertümer in Leiden. Zunächst vermutete Amkreutz, die Axt stamme aus der Jungsteinzeit. Doch nach einer näheren Untersuchung korrigierte er sich: Es handelt sich um ein Scheibenbeil aus der Mittleren Steinzeit und ist zwischen 12000 und 6000 Jahren alt.

"In unserem Haus haben wir zwar auch einen Geröllkeule aus Stein, aber ich glaube, dieser Fund ist das erste Scheibenbeil aus der Nordsee - und vielleicht das erste Werkzeug aus Feuerstein dieser Periode überhaupt", sagt Amkreutz. In der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift "British Archaeology" ist das schöne Stück nun veröffentlicht.

Schon Amkreutz' Vorgänger Louwe Kooijmans hatte sich intensiv mit den Doggerland-Funden befasst. Ihm war aufgefallen, dass besonders viele der bearbeiteten Knochen aus dem Mesolithikum aus der Region der Bruinen Bank stammen. Offenbar war dies ein Ort, an dem es sich besonders gut leben und jagen ließ. Mit dem Steinwerkzeug wird das Bild des mesolithischen Doggerlands nun noch ein Stück vollständiger.

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vhe 16.06.2013
stonecold 16.06.2013
kulinux 16.06.2013
exkeks 16.06.2013
Hornet63 16.06.2013
bbjohn 16.06.2013
earl grey 16.06.2013
reever_de 16.06.2013
Inuk 16.06.2013
waldikus 16.06.2013
rrjmaier 16.06.2013
JolietJakeblues 17.06.2013
Koda 17.06.2013
lizard_of_oz 17.06.2013
Fackel01 17.06.2013
Inuk 17.06.2013
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Zur Autorin
  • Sabine Bungert
    Angelika Franz ist Archäologin. Als freie Autorin schreibt sie meistens über Kriege, Seuchen und alles, was verwest, verrottet und verfallen ist. Trotzdem ist sie keineswegs morbide veranlagt, sondern findet vielmehr, dass Archäologie die praktischen Dinge des Lebens lehrt. Bei Bedarf kann sie ein Skalpell aus Flint schlagen, in einer Erdgrube Bier brauen oder Hühner fachgerecht mumifizieren.
  • Homepage von Angelika Franz

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