Trump ohne Science Advisor Präsident ratlos

Mehr als ein Jahr ist Donald Trump im Amt, noch immer hat er keinen wissenschaftlichen Berater ernannt. John Holdren war der letzte Mann auf dem Posten. Er hat noch einen Präsidenten erlebt, der alles wissen wollte.

Trump bei Verkündung des Ausstiegs aus Pariser Klimavertrag (Juni 2017)
AFP

Trump bei Verkündung des Ausstiegs aus Pariser Klimavertrag (Juni 2017)

Aus Austin berichtet


In den Blicken, die John Holdren an diesem frühen Morgen aus dem Publikum zugeworfen werden, war so manchem die Sehnsucht anzumerken. Eine Sehnsucht nach einer anderen, besseren Zeit vielleicht, in der die Meinung der Wissenschaft wieder eine größere Rolle spielt.

Der riesige Saal des Austin Convention Center ist rappelvoll. Und das am Morgen um acht Uhr, am vierten Tag der AAAS, der größten Wissenschaftskonferenz der Welt, wo sich bei dem ein oder anderen der knapp 10.000 Teilnehmer vielleicht schon etwas Müdigkeit bemerkbar macht. Doch für John Holdren sind sie alle gekommen. Denn der hagere Mann mit Vollbart berichtet von früher, als die Präsidenten der Vereinigten Staaten regelmäßig seinen Rat gesucht hatten.

Vordenker für Obama

Der 73-Jährige hat eine beeindruckende Wissenschafts-Vita vorzuweisen. Studium am MIT in Boston, Promotion in Stanford, er unterrichtete lange in Berkeley, war Professor in Harvard, ehe ihn Bill Clinton 1994 als wissenschaftlichen Berater in seine Regierung holte. Der Physiker beschäftigt sich mit Umweltveränderungen, Energietechnologien oder Bevölkerungswachstum - also so ziemlich allen Problemen, die von globaler Bedeutung für die Menschheit sind.

John Holdren (Archivbild)
NASA/ Bill Ingalls

John Holdren (Archivbild)

2009 setzte das Magazin "Foreign Policy" ihn auf eine Liste der globalen Vordenker, denen es gelungen war, der Wissenschaft wieder politischen Einfluss zu verschaffen. Das lag sicher auch am neuen Job Holdrens unter Präsident Barack Obama. Der hatte ihn im Dezember 2008 einen knappen Monat nach der Wahl zu seinem Science Advisor ernannt, zum Berater für Wissenschaft und Technologie, und setzte ihn an die Spitze des Office of Science and Technology Policy (OSTP).

Doch dann kam Trump.

Über ein Jahr ist er nun als Präsident im Amt. Seitdem klafft bei Wikipedia eine Lücke in der Liste der Science Advisor der US-Regierungen, die Aufzählung geht zurück bis zu Präsident Roosevelt in den Vierzigerjahren. Aber noch immer hat Trump keinen Nachfolger für Holdren parat. Seitdem ist das OSTP offiziell ohne Führung, derzeit arbeiten dort etwa 50 Angestellte, unter Obama waren es mehr als 130.

Der Job, der früher mit Top-Wissenschaftlern besetzt wurde, ist derzeit praktisch in der Hand von Michael Kratsios. Er ist 31 Jahre alt und studierte an der Princeton University Politik mit Schwerpunkt Volkswirtschaftslehre. Er hat nach seinem Bachelor als Investmentbanker gearbeitet - unter anderem für den Silicon-Valley-Milliardär und PayPal-Mitgründer Peter Thiel, der Trump im Wahlkampf unterstützte.

Warum der Posten immer noch nicht besetzt ist, darüber kann nur spekuliert werden. Und auch darüber, wann und ob er überhaupt besetzt wird, gibt es keine offiziellen Informationen. Das Wissenschaftsmagazin "Scientific American" berichtete vergangene Woche, die Anfrage der Redaktion beim OSTP und im Weißen Haus sei unbeantwortet geblieben.

"Wir hatten damals einen Präsidenten, der das alle wissen wollte"

Dass Trump nicht gerade ein Förderer der Wissenschaft sein würde, war schon vor der Wahl klar. Er hatte den Klimawandel infrage gestellt und später auch Argumente beiseite gewischt, dass sein Einreiseverbot für einige Länder verheerende personelle Folgen für die US-Wissenschaft und Technologiebranche haben würde.

Vermutlich wäre Trump ein wissenschaftlicher Berater, etwa bei dem von ihm angekündigten Ausstieg aus dem Pariser Klimaabkommen, nur hinderlich gewesen. Und auch bei den jüngst geplanten massiven Budgetkürzungen bei der Umweltschutzbehörde EPA und anderen wissenschaftlichen Instituten hätte es möglicherweise Gegenwind gegeben.

Wenig überraschend bedauert Holdren solche Entscheidungen. In Austin erinnert er sich an andere Zeiten, als Obama ihm vertraut habe. "Während der Fukushima-Katastrophe habe ich den Präsidenten regelmäßig gebrieft. Denn wenn Sie mit einem Problem umgehen müssen, bei dem wissenschaftlich-technische Aspekte eine Rolle spielen, sollten sie darüber auch informiert sein", sagt er. In seiner Stimme klingt ein wenig Wehmut mit. "Wir hatten damals einen Präsidenten, der das alles wissen wollte."

Viele wissenschaftliche Berater unter den vergangenen US-Regierungen waren Physiker. Ihr Rat war nicht nur bei AKW-Havarien wie der in Japan gefragt, sondern auch bei Fragen zu Atomwaffen. Wer erklärt Trump nun, wie gefährlich das Atomprogramm von Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un ist? Wer erläutert ihm, ob Iran trotz des gültigen Atomabkommens Uran anreichern oder Plutonium herstellen kann?

"March for Science" wieder geplant

Holdren macht noch auf einen anderen Aspekt aufmerksam, der bei der Debatte bisher häufig übersehen worden sei. Nicht nur die Politik brauche Input aus der Wissenschaft, das gelte auch andersherum. Denn für Forscher sei es gefährlich, in Entscheidungen nicht mit einbezogen zu werden. "Wenn sie nicht mit am Tisch sitzen, stehen sie bald auf der Speisekarte", sagt er. Bei der Finanzierung wichtiger Grundlagenforschung gehe es nicht ohne staatliche Fördergelder. Denn alles, was nicht von Interesse für Wirtschaft oder Industrie ist, hat es schwer, Geldgeber zu finden.

Auf der AAAS gab es deshalb erneut verschiedene Diskussionen zur Krise der Wissenschaft. "Die Forschergemeinschaft und viele andere, denen wissenschaftsbasierte Politik wichtig ist, sind so alarmiert wie nie zuvor", sagt Konferenzorganisator Andrew Rosenberg. Man sei sich einig, dass es vor allem eine laute Stimme brauche, um sie zu überwinden. Deshalb soll es schon bald wieder einen Protestzug geben, den "March for Science", bei dem im vorigen Jahr die Forschergemeinschaft durch Washington gezogen war.

Am Ende gab es stürmischen Applaus für John Holdren. Die sonst eher nüchternen Forscher feierten ihn. Auf Twitter berichtete eine Zuschauerin später, dass sie feuchte Augen bekommen habe.

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