Digitaler Widerstand Unfollow Trump

Wie kommt man einem Mächtigen bei, der grenzenlos eitel scheint? Der Satiriker Ephraim Kishon empfahl simulierte Zuneigung - und anschließenden Liebesentzug. Wäre das nicht etwas für Donald Trump?

Donald Trump
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In einer Geschichte des etwas außer Mode gekommenen, 2005 verstorbenen Satirikers Ephraim Kishon geht es um die Frage, wie man einen eitlen Menschen subtil zugrunde richtet. Der eitle Mensch ist in diesem Fall ein Theaterschauspieler, den der Protagonist der Geschichte aus irgendeinem Grund nicht leiden kann. Trotzdem sendet er dem Mann zunächst nach jeder Premiere anonym hymnische Bewunderungsbriefe.

Darin preist er die Schauspielkunst und das Talent des Darstellers. So charmant, dass der Schauspieler, der gar nicht weiß, wer ihm all das Lob schickt, sich schließlich daran gewöhnt. Ja er beginnt sogar augenscheinlich, sich auf dieses bisschen zusätzliche Bestätigung zu verlassen. Der mit einem langen Atem und großer Bosheit ausgestattete Protagonist beobachtet sein Opfer, natürlich unerkannt, auf der Straße. Der Schauspieler stolziert mit der Selbstzufriedenheit eines Gockels herum.

Dann beginnt sich der Tonfall der Briefe zu verändern. Erst sind sie nur ein bisschen weniger begeistert, dann offen kritisch - und schließlich bitter enttäuscht. Das wirkt augenscheinlich: Der Schauspieler stolziert nicht mehr, er schleppt sich die Straße hinunter. Ein gebrochener Mann.

Follower, die ziemlich stark nach Bot aussehen

Ich habe vergessen, wie die Geschichte heißt und wie sie eigentlich ausgeht (Hinweise in den Kommentaren werden dankbar entgegengenommen), Kishon hat sehr viele Geschichten geschrieben. Aber ich habe in letzter Zeit oft an diese denken müssen. Jedes Mal zum Beispiel, wenn ich beim Öffnen meines Twitter-Accounts wieder neue Eierköpfe entdecke, also Follower ohne Profilbild, die bei einer kursorischen Überprüfung ziemlich stark nach Bot aussehen.

Ich habe nie überprüft, wie viele Bots, also automatisierte Accounts, hinter denen kein Mensch steckt, mir folgen, aber vermutlich ist der Anteil substanziell. Das ist eine weniger elaborierte Form der simulierten Aufmerksamkeit als die mit der falschen Fanpost. Aber, frage ich mich manchmal: Ist das Grundprinzip womöglich das gleiche? Wird eines Tages ein Botmaster mit massenhaftem Followerentzug versuchen, unliebsamen Twitterern emotional zuzusetzen?

"Wir wissen ja, wie dünnhäutig er ist"

Mich persönlich würde das nicht schmerzen, im Gegenteil. Was will ich mit Software, die so tut, als läse sie meine Tweets? Aber ich bin ja auch nicht Donald Trump.

"Wir wissen ja, wie dünnhäutig er ist, und dass er auf alles reagiert", hat ein anonymer Anti-Trump-Aktivist dem US-Medium Mic.com gesagt. Deshalb hat eine Gruppe, die sich "The Resistance" nennt und nach eigenem Bekunden aus Leuten aus der Tech- und der Unterhaltungsbranche besteht, eine Aktion namens "Block the Bully" erfunden.

Wer auf den Kampagnenbutton klickt und selbst einen Twitter-Account betreibt, für den entfolgt und blockiert "Block the Bully" automatisch den Account des US-Präsidenten. Und wer Trump bislang nicht folgt, für den folgt, entfolgt und blockt das System dann auf einen Rutsch. Wie gewonnen, so zerronnen.

Die erste Regel der Internetkommunikation

Man sei sich sicher, dass der Präsident seine Followerzahlen im Auge habe, teilt die Gruppe mit, und dass es ihn gewaltig ärgern werde, wenn die schrumpfen sollte. Das ist sehr plausibel, man erinnere sich nur an das groteske Tamtam, das Trump um den vergleichsweise schwachen Besuch seiner Amtseinführung gemacht hat.

Natürlich ist diese Aktion ähnlich kindisch und kleingeistig wie die des schauspielervernichtenden Briefeschreibers aus der Kishon-Geschichte. Trotzdem habe ich vollstes Verständnis für die Organisatoren und wünsche mir, dass möglichst viele Menschen mitmachen.

Sorgfältig gewartete Filterblase

Ich selbst folge dem @potus-Account, den der US-Präsident gewissermaßen in offizieller Funktion benutzen darf, schon seit Barack Obamas erster Amtszeit, aber dem Wutanfall-Account @RealDonaldTrump, über den der neue Präsident gewissermaßen privat Journalisten, Richter und alle anderen beschimpft, die ihm nicht passen, folge ich aus prinzipiellen Erwägungen nicht.

Ich habe ihn allerdings auch nicht geblockt. Wenn ich einen Tweet lesen will - etwa um ihn in einer Kolumne zu zitieren - dann suche ich den Account direkt auf. Die größten Unsinnigkeiten werden mir ohnehin über Retweets in die Timeline gespült.

Warum, habe ich mich gefragt, würde ich mich über sinkende Followerzahlen für Trump freuen? Aus niederen Motiven, in Wahrheit: Ich glaube auch, dass es den Egomanen Trump schmerzhaft treffen würde, wenn man ihm messbar Aufmerksamkeit entzöge.

Die erste Regel der Internetkommunikation lautet bekanntlich, dass man Trolle nicht füttern darf, indem man auf sie reagiert. Ich selbst blockiere bei Twitter ohne Vorwarnung jeden, den ich auf einen Blick als aggressiv oder als Verschwörungstheoretiker identifizieren kann. Ohne sorgfältig gewartete Filterblase machen mir die sozialen Medien keinen Spaß.

Dem Troll-in-Chief Donald Trump, der mit dem nicht enden wollenden Strom des politischen Irr- und Unsinns, den sein Team und er produzieren, Ohnmachtsgefühle auslöst, auf diesem Weg eins auszuwischen, ist ein - winziger - Akt der Selbstermächtigung.

Falls Sie also Twitter nutzen - entfolgen Sie Trump oder machen Sie bei "Block the Bully" mit. Wenn er wieder mal einen Richter beschimpft oder Lügengeschichten verbreitet, die er bei "Fox News" aufgeschnappt hat, werden Sie es auch so erfahren.

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insgesamt 93 Beiträge
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@POTUS 19.03.2017
1. Irgend wann wird es fad. Und ein wenig uninformativ.
Der Spiegel versteht sich wohl als Sprachrohr und Speerspitze der deutschen Anti-Trump-Intifada. Nun gut, Trump wird davon wohl nie erfahren und dem Spiegel bringt es wohl Quote (sonst sehe ich eigentlich kaum einen Grund immer die selbe Leier täglicher herunterzubeten). Aber der regelmäßige Leser, der nicht stumpf genug ist, um immer nur die inhaltlich immer gleichen Stories zu lesen, die seinem Weltbild voll entsprechen müssen - dem fehlen langsam die anderen, wichtigeren Punkte aus Amerika. Wie schaut es mit der Gesundheitsreform wirklich aus? Wer ist warum dafür / dagegen? Wie geht es mit dem Einreisebann weiter? Wie viele Gerichte braucht es noch bis zum Höchstgericht? Und, und, und. Ihr könnt ja eure Klientel in deren Blase bedienen. Vergesst dabei aber nicht auf die realen Stories aus den USA. Nicht jeder will nur in seiner Blase leben.
tomrobert 19.03.2017
2. Einfach mit Fakten kontern, und fordern!
Jeder haftet auch für das was er anrichtet und sagt. Das wird manchen nicht so bewußt. Also muss man es bewußt machen. Trump steht für Deals. Das ist aber nicht nur ein Nehmen. Genau das unterstellt er nicht nur Deutschland . Er sieht die USA in der selbstlosen Opferrolle. Ich glaube es erzürnt mittlerweile die Menschen in ganz Europa.
conny1969 19.03.2017
3. seriously?
Ist das alles was wir zu bieten haben? Händeschütteln, irgendwelche Gesten, Kaffeesatzleserei, Twitteraccounts, Psychologen, Körpersprache-Analytiker und anderes aus der Welt Fabeln und Sagen. Bekommen wir jetzt 4 Jahre diesen substanzlosen Mist vorgesetzt? Braucht man das um sich selbst belügen zu können? Holt man sich so seine kleinen Siege? Langsam muss man sich fragen wer hier abgehängt ist und völlig den Faden verloren hat.
arrache-coeur 19.03.2017
4.
"Natürlich ist diese Aktion ähnlich kindisch und kleingeistig wie die des schauspielervernichtenden Briefeschreibers aus der Kishon-Geschichte. Trotzdem habe ich vollstes Verständnis für die Organisatoren und wünsche mir, dass möglichst viele Menschen mitmachen." - Sie wünschen also kindische und kleingeistige Aktionen gegen Trump. Gab es davon nicht schon genug? "Mich persönlich würde das nicht schmerzen, im Gegenteil. Was will ich mit Software, die so tut, als läse sie meine Tweets?" - Nun ja, Sie verwenden laut eigener Aussage auch einen Bot zum regelmäßigen verschicken derselben Nachricht. Sie tun also so, als ob Sie eine Nachricht verschicken, und andere tun möglicherweise so, als ob sie die Nachricht lesen.
hannesR 19.03.2017
5. Trump der typische New Yorker (Schutzgel Erpresser)
Wie seine Mitbürger bei der Mafia ist seine erste Aktion das Erpressen von Schutzgeldern. Er behauptet einfach es ist für die Verteidigungsleistung die er für uns erbringt. Verträge interessieren Ihn nicht, übrigens sein Verhalten ist dem des anderen Despoten Erdogan sehr ähnlich, der zur Zeit die NATO in Ihren Gremien blockiert, neben der ständigen Beleidigungen gegen Frau Merkel.
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