Trump im Paralleluniversum Verschwörungstheoretiker-in-Chief

Die Lösung aller Probleme ist für Verschwörungstheoretiker ganz einfach, denn verursacht haben diese böse, mächtige Strippenzieher. Denen muss man nur das Handwerk legen. Was aber tun, wenn man selbst der mächtigste Mann der Welt ist?

Donald Trump
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Vor einigen Jahren habe ich einen Mann kennengelernt, der sich ziemlich sicher ist, dass die Zerstörung des World Trade Center am 11. September 2001 von der CIA organisiert worden ist. Der Mann ist weder verrückt noch dumm, er war 25 Jahre lang Bundestagsabgeordneter und sogar einmal Bundesminister. Aber er glaubt trotzdem, dass die USA als Anlass für Kriege in Afghanistan und im Irak mehr als 3000 Menschen im eigenen Land getötet haben.

In der Welt derer, die an diese Theorie glauben, zieht immer jemand im Hintergrund die Fäden, nichts bleibt dem Zufall überlassen. Statt typisch menschlicher Inkompetenz herrscht nahezu unmenschliche, heimlich ausgeübte Kompetenz: ferngesteuerte Flugzeuge, versteckt verbaute Sprengladungen, gefälschte Beweise, erfundene Terroristen, eisernes Schweigen bei den Eingeweihten.

Tatsächlich haben die Snowden-Enthüllungen ja Belege dafür geliefert, dass globale, gewaltige Geheimdienstverschwörungen viele Jahre lang unentdeckt bleiben können. Dafür, dass die "Five Eyes"-Geheimdienste im Auftrag einer geheimen Weltregierung handeln, die auch Gift in der Atmosphäre versprühen lässt und den Klimawandel erfunden hat, gibt es allerdings weiterhin keine Anhaltspunkte.

Die Welt ist ein erschreckend multikausaler Ort

Das aber ist das Wesen der Verschwörungstheorie: Die tatsächlichen Mechanismen, mit denen die geheime Weltregierung, die jüdische Weltverschwörung und/oder die "New World Order" im Hintergrund alles kontrollieren und verschleiern, sind angeblich hochkomplex. Die Erklärungen für reale Ereignisse werden dadurch aber ganz einfach: Die Geheimdienste waren's. Die Juden waren's. Das globale Kapital war's. Und so weiter.

Tatsächlich ist die Welt ein erschreckend multikausaler Ort, alles hängt mit allem zusammen. Menschen machen Fehler, kommen auf verrückte, kranke, bösartige Ideen, Dinge werden übersehen, zu lange ignoriert, aus wirtschaftlichem Interesse verheimlicht. Komplexe Vorgänge haben in der Regel nicht eine einzige Ursache oder gar einen einzelnen Urheber, sondern viele. Der Klimawandel zum Beispiel. Die Finanzkrise. Syrische Flüchtlinge in Europa.

In der Welt von Verschwörungstheoretikern dagegen gibt es konkrete, sinistre Täter. Zum Beispiel die heimlichen Herrscher der USA, die mit der "Migrationswaffe" Europa destabilisieren wollen, warum auch immer.

Einfache Erklärungen, einfache Lösungen

Das passt zu Denkmustern, die in der Sozialpsychologie "fundamentaler Attributionsfehler" oder "Korrespondenzverzerrung" genannt werden: Es scheint oft einfacher, ein Ereignis auf eine handelnde Person, ihre Absichten und Eigenschaften zurückzuführen als auf äußere Faktoren und Bedingungen. Die Verschwörungstheorie ist gewissermaßen der auf globales Format aufgeblasene fundamentale Attributionsfehler: Läuft etwas schief, muss es namenlose Strippenzieher im Hintergrund geben.

Neben einfachen Erklärungen bevorzugen Verschwörungstheoretiker auch einfache Lösungen, wie zum Beispiel eine Studie zeigt, die niederländische Wissenschaftler 2015 veröffentlicht haben. Versuchspersonen, die diversen Verschwörungstheorien zuneigen, glauben demnach oft auch daran, dass die Probleme der Welt eigentlich ganz leicht lösbar wären.

Extremisten lieben Verschwörungstheorien

Nicht nur in diesem Punkt überschneiden sich die Denkmuster von Verschwörungstheoretikern mit denen von Populisten und Extremisten: Die gleiche Studie zeigt auch - sie ist nicht die einzige mit diesem Befund -, dass sowohl Menschen mit rechts- wie solche mit linksradikalen Einstellungen besonders häufig an geheime Verschwörungen glauben.

Womit wir, so leid mir das tut, doch wieder bei Donald Trump wären. Auch der Präsident und seine Vertrauten versuchen ununterbrochen, komplexe Probleme mit vermeintlich einfachen Lösungen aus der Welt zu schaffen. Illegale Einwanderer? Mauer bauen. Jobs wandern ins Ausland ab? Strafzölle. Terrorismus? Muslime aussperren. Klimawandel? Einfach nicht mehr darüber reden.

Für ein dem Extremismus und der Verschwörungstheorie zuneigendes Publikum sind das dankbare, angenehm komplexitätsreduzierende Ansätze. Es gibt klar zu benennende Schuldige - Mexiko, ausländische Unternehmen, Muslime, Klimaforscher - die man einfach mal in ihre Schranken weisen muss, dann wird alles wieder gut.

Verschwörungstheoretiker im Briefing Room

Ins Bild passt da, dass im "Briefing Room" des Weißen Hauses jetzt Verschwörungstheorie-Publikationen wie "Gateway Pundit" und "Lifezette" einen Platz bei den Pressekonferenzen und viel Aufmerksamkeit bekommen. "Gateway Pundit" zufolge herrscht in Frankreich gerade Bürgerkrieg. "Lifezette" sammelt unermüdlich angebliche Indizien für die Behauptung, dass der menschengemachte Klimawandel eine Erfindung von geldgierigen Wissenschaftlern ist.

Die Welt der Verschwörungstheoretiker ist eine Parallelwelt, in der die alternativen Fakten regieren. Systeme, die objektivierbare Erkenntnisse zu produzieren versuchen, gelten in dieser Welt als natürlicher Feind. Wissenschaft und ordentlicher Journalismus zum Beispiel.

Der Präsident selbst lebt augenscheinlich in einer solchen Parallelwelt, wie er diese Woche wieder einmal eindrucksvoll unter Beweis gestellt hat. Die Presse hat sich gegen ihn verschworen, dabei läuft doch eigentlich alles blendend. Hillary Clinton hat Russland Berge von Uran verkauft. Und zum Rauswurf seines Sicherheitsberaters haben Informationen geführt, die gleichzeitig Lügen und Durchstechereien von Fakten sind, eine Art Schrödingers Katze der politischen Argumentation gewissermaßen, falsch und wahr zugleich.

Es muss erstaunliche kognitive Dissonanz erzeugen, der mächtigste Mann der Welt zu sein und sich gleichzeitig fortgesetzt als das Opfer mächtiger Verschwörer zu betrachten. Den Extremisten und Verschwörungstheoretikern unter Trumps Anhängern aber gefällt all das vermutlich sogar.

Schon vor der Pressekonferenz lag die Zustimmung für Trumps Arbeit in den USA mit 39 Prozent niedriger als bei irgendeinem seiner Vorgänger seit Ronald Reagan zum vergleichbaren Zeitpunkt. Unter den Anhängern der Republikaner aber lag sie noch immer bei 84 Prozent.

Die Frage bleibt, ob und wann auch diese Wähler sich von ihrem Verschwörungstheoretiker-in-Chief abwenden werden.

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marthaimschnee 19.02.2017
1. und was ist mit den tatsächlichen Verschwörungen?
Oder glaubt ernsthaft jemand, es gäbe keine? Daß alle die - mit Verlaub - Sch... die gerade überall auf der Welt passiert, ganz einfach so zufällig geschieht? Daß niemand, der sich einen Vorteil ausmalt, irgendwo eingreift, nicht mit Lobbyarbeit, nicht mit Bestechung, nicht mit Mord? Daß jemand, der Millionen an eine Partei spendet, keine Gegenleistung erwartet? Na klar gibt es bei Verschwörungstheorien viel Unsinn. Nur sind deswegen alle Theorien Unsinn? Die Behauptung wäre ja selber eine Verschwörungstheorie, die irgendwann in "niemand ist schuld" mündet.
erespondek 19.02.2017
2.
Dass jemand der Verschwörungstheorien in Serie baut auch an Verschwörungstheorien glaubt, wer hätts gedacht? Das kann ja nur gut werden! Ganz, ganz sicher wird er die Wahrheit über Rosswell offenlegen, die Aliens die man in Area 51 dressiert der staunenden Öffentlichkeit vorführen, die Wahrheit über 9/11 veröffentlichen, Fortknox inventarisieren und die leeren Schatzkammern zeigen und persönlich den Eagle von Mond holen um zu zeigen: da war keiner drin. Ihr müßt Ihn nur bitten, drängen, betteln! Schliesslich gehört er ja nicht dazu, zum Establishment, schliesslich gibt er den Verschwörungsvollpfosten ja ihr Land zurück. Wenn es ihr Land ist, haben die auch das Recht und die Pflicht nachzusehen.
Migräne 19.02.2017
3. Die übelste Verschwörung von allen
ist ja, dass sich die Demokraten so dämlich angestellt haben (mit Absicht) und nun der arme Donald sich tatsächlich mit dem Präsidentenamt und dessen Unbequemlichkeiten rumschlagen muss. Da kommt er nicht drüber weg und deshalb tritt er gegen Hillary - immer noch.
K:F 19.02.2017
4. Hat Trump bei der CSU gelernt?
Trump scheint bei der CSU eine Art "apprenticeship" durchlaufen zu haben. Alles was gegen die CSU Wahrheit ist, ist" fake news". Ob Maut, ob gesteuerte Zuwanderung, Bauernregeln, EU, Staatsbürgerschsft etc. alles CSU Wahrheiten. Und die CSU quält dann regelmäßig Deutschland mit Schwachsinn.
Sokrates1939 19.02.2017
5. mächtig(st)?
Ich verstehe nicht, was das ständige Gerede vom "mächtigsten Mann der Welt" soll. Mächtig ist, wer nach seinem Willen über andere Menschen und Verhältnisse bestimmen kann. Dem US-Präsidenten ist es jedoch bisher noch nicht einmal gelungen, seine Einreiseverbote durchzusetzen. Auch die Ernennung von Neil Gorsuch zum Richter am supreme court steht noch aus. Mächtig erscheint Putin, der in diktatorischer Gewalt Menschen befördern, einsperren, hinrichten lassen und militärische Maßnahmen gegen andere Staaten treffen kann. Ähnliches dürfte für den starken Mann in China gelten. Für Merkel als oft beschworene "mächtigste Frau der Welt" gilt das gleiche wie für Trump, nur, daß sie noch nicht einmal über Atomwaffen verfügt.
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