"Donner Party" Spuren von US-Kannibalen gefunden

Sie sind die berühmtesten Kannibalen der USA: die Siedler der "Donner Party", die im Winter 1846/47 auf dem Weg nach Westen im Schnee stecken blieben und ihre Toten aßen, um nicht zu verhungern. Archäologen glauben nun, Reste des grausigen Geschehens gefunden zu haben.

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Essensreste: Ein Knochenstück, das an der Kochstelle am Alder Creek gefunden wurde
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Essensreste: Ein Knochenstück, das an der Kochstelle am Alder Creek gefunden wurde

Die Mythen um die Eroberung des amerikanischen Westens enthalten auch Geschichten dramatischen Scheiterns. Eine der berühmtesten und zugleich grausamsten ist die Reise der Donner Party, einer Gruppe von 87 Siedlern, die im Jahr 1846 nach Kalifornien aufbrachen - wie Tausende andere Amerikaner, die seinerzeit ihr Glück im Westen suchten.

Der Trip in den Wohlstand endete für die Familien von George Donner und James Reed sowie 31 bezahlte Begleiter in einer Katastrophe. Die fatale Fehlentscheidung fiel am 19. Juli 1846: Die Gruppe wählte den so genannten "Hastings-Cutoff", eine angeblich geheime Abkürzung, von der niemand wusste, ob sie für die sperrigen Gespanne der Siedler überhaupt passierbar war. Die Kolonne verlor wertvolle Wochen in den unwegsamen Wasatch Mountains und wurde schließlich im Oktober 1846 vom frühen Wintereinbruch in der Sierra Nevada überrascht.

Die Siedler saßen in der Falle - und begannen langsam zu verhungern. 40 der ursprünglich 87 Mitglieder der Donner Party starben, jeder Zweite der Überlebenden konnte nur durch Kannibalismus dem Hungertod entgehen.

Haustiere und Felle im Kochtopf

Aus den Tagebüchern der Geretteten wurden später dramatische Berichte veröffentlicht - von Menschen, die zuerst ihre Zugtiere, dann ihre Hunde und Katzen aßen, anschließend Tierfelle, Knochen und Leder kochten und am Ende mit zunehmender Gleichgültigkeit ihre eigenen Toten verspeisten. Die später aufkommenden Gerüchte, die Verhungernden hätten dem Ableben einiger Sterbender nachgeholfen, wurden dagegen nie bewiesen. Dennoch waren die Berichte ein Schock für das tief religiöse Amerika, das heftig darüber diskutierte, ob Kannibalismus unter extremen Bedingungen erlaubt sei.

Grabung in die Vergangenheit: Forscher der University of Oregon an der mutmaßlichen Lagerstätte der Donner Party
AP

Grabung in die Vergangenheit: Forscher der University of Oregon an der mutmaßlichen Lagerstätte der Donner Party

Archäologen entdeckten bereits 2003 am Alder Creek, einem der beiden mutmaßlichen Lagerplätze der Donner Party, mit Hilfe von Metalldetektoren und Bodenradar Spuren menschlicher Aktivitäten. Unter anderem handelte es sich um eine Feuerstelle und einen Knochen mit Schnittspuren. Ob es sich um den Überrest eines Menschen handelte, blieb jedoch unklar: Der Knochen war zu klein für eine Erbgut-Analyse.

Jetzt aber glaubt ein Forscherteam von der University of Oregon, den vielleicht schlagenden Beweis zu haben, dass es sich bei der Fundstelle am Alder Creek tatsächlich um das Lager der Donner Party handelt. "Wir haben Tausende von Knochenstücken gefunden, manche so groß wie Cornflakes, andere wie Weintrauben", sagt Archäologin Julie Schablitzky im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Auch Arzneibehälter, Soßenflaschen und zahlreiche andere Gebrauchsgegenstände seien am Alder Creek gefunden worden.

DNS-Analyse soll Gewissheit bringen

Die "große Entdeckung" aber sei eine gut ausgebaute Feuerstelle, die 30 Zentimeter tief in der Erde lag und von Blumen dicht bewachsen war. Sie deutet laut Schablitzky eindeutig auf einen längeren Aufenthalt von Menschen hin. "Wir haben ein großes Stück Holzkohle und ein etwa drei Zentimeter langes Knochenstück gefunden", erklärt die Archäologin. Der Knochen - und das ist die vielleicht wichtigste Erkenntnis bisher - könne groß genug sein für eine DNS-Analyse. "Das würde den unumstößlichen Beweis ermöglichen, dass es sich um menschliche Überreste handelt."

Archäologin Schablitzky: "Wir wollen die Überlebensstrategie der Siedler rekonstruieren"
University of Oregon

Archäologin Schablitzky: "Wir wollen die Überlebensstrategie der Siedler rekonstruieren"

Viele der jetzt gefundenen Knochen wiesen Merkmale einer Schlachtung auf, wie etwa Kerben von Werkzeugen, und seien vom Rühren im Kochtopf blank gescheuert. "Einige der Knochen könnten menschlich sein", meint Schablitzky. Endgültige Gewissheit könnten aber nur die Ergebnisse der Erbgut-Analyse bringen, mit der frühestens in einem Jahr zu rechnen sei. Sollten die Knochen noch immer nicht groß genug sein, eröffneten neue Techniken auch andere Chancen. "Menschliches Erbgut kann auch von unbelebten Fundstücken gewonnen werden", sagt Schablitzky. Speichel, der vielleicht an einem der gefundenen Schleifsteine klebe, könne noch nach 150 Jahren DNS-Stücke enthalten.

An der Aufklärung von Schauergeschichten über Leichen essende Menschen sind die Wissenschaftler allerdings nur am Rande interessiert. "Die Gruppe saß vier Monate lang in der Falle, doch erst gegen Ende des Winters kam es zu Kannibalismus", sagt Schablitzky. "Über die ersten drei Monate ist so gut wie nichts bekannt." Zudem seien die Tagebücher, aus denen die späteren Berichte stammten, allesamt im oberen der beiden Camps der Donner Party verfasst worden. Aus dem Lager am Alder Creek aber gebe es keine Aufzeichnungen. "Wir wollen die Überlebensstrategie der Siedler rekonstruieren."

Die Forschung könne auch den Nachfahren der Siedler zugute kommen. "Ich sehe keinen Grund, warum wir Anzeichen für Mordfälle finden sollten", sagt Schablitzky. "Aber unsere Entdeckungen könnten es den Nachfahren ermöglichen, mit der Vergangenheit abzuschließen."

Denn die Abkömmlinge der Überlebenden werden noch heute mit dem berühmtesten Kannibalismus-Fall der USA in Verbindung gebracht. "Kannibalismus ist ein Teil ihrer Geschichte, aber nicht der wichtigste Teil", sagt Lochie Paige, eine Ururenkelin von George Donner, dem "Reno Gazette-Journal". "Für mich besteht die wahre Geschichte darin, wie sie von Tag zu Tag lebten und im tiefen Schnee verhungerten." Noch lange nach dem Donner-Desaster seien Passanten am Haus einer Überlebenden vorbeigegangen und hätten gesagt: "Da drinnen wohnte die Kannibalenfrau."



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