Doping Wenn Kinder zur Muskel-Spritze greifen

Doping sorgt im Spitzensport für Skandale - und wird im Breitensport totgeschwiegen, weil es keine Kontrollen gibt. Experten schlagen jetzt Alarm: Immer mehr Jugendliche pumpen ihre Muskeln mit Anabolika auf. Schon Zwölfjährige setzen sich Spritzen, um ihren Traumkörper zu bekommen.


Harte Muskeln: Immer mehr Jugendliche helfen dem Körper mit Doping auf die Sprünge
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Harte Muskeln: Immer mehr Jugendliche helfen dem Körper mit Doping auf die Sprünge

"Es gibt immer mehr Jugendliche, die schon mit 14, manchmal sogar mit zwölf Jahren Pillen schlucken und sich Spritzen setzen, um dickere Arme zu bekommen", sagt der Ex-Bodybuilder und Gründer einer Anti-Doping-Initiative, Jörg Börjesson. Genaue Zahlen über die jungen Anabolika-Konsumenten gibt es nicht. Doch Fachleute schätzen, dass jeder zehnte jugendliche Kraftsportler zu Pillen und Spritzen greift - und sich kaum um die Risiken schert.

Über den auffallend schnell wachsenden Bizeps ihrer Söhne machen sich offenbar auch viele Eltern keine Gedanken, sagt der Kölner Psychologe und Psychotherapeut Werner Hübner. "Die sind froh, dass ihr Junge nicht auf der Straße herumhängt und auch noch etwas für seine Gesundheit tut."

Der Mediziner Carsten Boos von der Universität Lübeck hat in Deutschland die bislang einzige wissenschaftliche Studie über Doping im Freizeitsport durchgeführt. Sein Fazit: "Bei vorsichtiger Schätzung gibt es bundesweit rund 200.000 Breitensportler, die mit Anabolika oder anderen Substanzen Missbrauch betreiben. Boos beklagt ein "mangelndes öffentliches Interesse", das Thema anzugehen. "Die Empfindlichkeiten sind immens." Suchtverhalten und Körperbildstörungen würden als Probleme unterschätzt.

Hormonhaushalt wird durcheinander gewirbelt

"Die Jugendlichen suchen den Kick über ihren eigenen Körper und erleben dabei buchstäblich Entwicklungen, die sie ansonsten im Leben vermissen", erläutert Psychologe Hübner. Ihre Motive seien die gleichen wie bei anderen Jungen: den Mädchen und der eigenen Clique imponieren. Allein in Köln mit knapp einer Million Einwohnern, so schätzt der Psychologe, gibt es "einige Hundert dopende Jugendliche - mit steigender Tendenz seit etwa drei Jahren".

Der Toxikologe Hans Sachs vom rechtsmedizinischen Institut der Universität München warnt vor den möglichen Folgen: "Gerade in der Wachstumsphase ist die Einnahme von Substanzen wie Clenbuterol, Nandrolon oder Wachstumshormonen besonders gefährlich." Ebenso könnten Testosteron-Präparate den Hormonhaushalt durcheinander bringen, weil sie im Körper zum weiblichen Östrogenen abgebaut würden. "Auch Gemütsschwankungen mit depressiven und aggressiven Phasen treten häufig auf", so Sachs.

Beschaffung kein Problem

Die Beschaffung der Substanzen ist ein Kinderspiel. "Vom Internet über einschlägige Bodybuilding-Studios bis hin zum Dealen auf dem Schulhof reicht das", sagt Börjesson. Die Preise schwanken: eine aufputschende Amphetamintablette ist für einen Euro zu bekommen, Wachstumshormonpillen kosten bis zu 30 Euro. Der illegale Handel ist ein Riesengeschäft: "100 Millionen Euro werden auf dem Schwarzmarkt in Deutschland damit jährlich umgesetzt", schätzt Börjesson.

"Es gibt Händler, die einfach in die Türkei oder nach Griechenland fliegen, sich dort in Apotheken billig eindecken und wieder zurückfliegen", ergänzt der Toxikologe Sachs. Aber auch aus Spanien, der Schweiz, Osteuropa oder Thailand würden die verbotenen Substanzen eingeschmuggelt. Mitunter stellen auch hierzulande Ärzte die erforderlichen Rezepte aus oder es werden gefälschte Bescheinigungen vorgelegt.

Bei der Nationalen Anti-Doping-Agentur (Nada) sieht man vor allem gesellschaftliche Ursachen: "Der Körperkult ist aus den Medien in den Breitensport hinübergeschwappt", sagt Geschäftsführer Roland Augustin. Es werde "ein Körperbild transportiert, das realitätsfern ist und dem einzelnen nahe legt, das man an sich etwas ändern muss - ähnlich wie bei Schönheitsoperationen". Zudem hätten Breitensportler keine ausgebildeten Trainer: "So erkennen viele ihre Leistungsgrenze nicht oder sie ignorieren sie."

Peter Leveringhaus, ddp



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