Dreißigjähriger Krieg: Gut erhaltenes Massengrab fasziniert Archäologen

Von Christoph Seidler, Lützen und Halle

Es war eine der blutigsten Schlachten im Dreißigjährigen Krieg - doch bisher fehlte von den Opfern der Schlacht von Lützen jede Spur. Nun verspricht ein Massengrab neue Erkenntnisse: Kämpften damals hungrige Jungspunde oder wohlgenährte Veteranen? Und woher kamen sie?

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Der Morgen des 16. November 1632 war neblig, deswegen begann das große Sterben mit einiger Verspätung. Erst um die Mittagszeit wich der Dunst und das Protestanten-Heer unter Gustav II. Adolf von Schweden konnte losstürmen. Auf einem Feld beim kursächsischen Städtchen Lützen ging es gegen die Kaiserlichen unter Wallenstein. Es war ein stundenlanges Gemetzel.

"In der Schlacht galt nur: 'Er oder ich'", sagt Maik Reichel. "Da hat man lieber einmal zusätzlich zugestochen, damit der andere ganz bestimmt nicht mehr aufsteht". Der Historiker und ehemalige SPD-Bundestagsabgeordnete steht am Rand eines Feldes am Ortsrand von Lützen. Nach den Kämpfen war der Boden hier einst blutgetränkt. "Etwa 20.000 Mann kämpften auf jeder Seite. Und 6000 bis 9000 kamen ums Leben", bilanziert Reichel, der auch das Museum im Schloss der Stadt leitet.

Als einst die Glaubenskrieger an Lützens Stadtrand kämpften, hieß die Straße nach Leipzig noch nicht "B 87", sondern "Via Regia". Und naturgemäß gab es auch weder das Rotkreuz-Seniorenheim, das jetzt dort steht, noch den nahen Supermarkt. Doch die Vergangenheit ist hier präsent, wenn man nur danach sucht. Archäologen haben bisher ein Drittel des Schlachtfeldes unter die Lupe genommen - insgesamt 1,1 Millionen Quadratmeter. Noch einmal so viel könnte theoretisch überprüft werden. Der Rest ist überbaut: Seniorenheim und Supermarkt, wie gesagt. Und eine Kleingartenanlage.

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Schlachtfeldarchäologie: Ein Grab im Rapsfeld

Tausende Objekte aus der Schlacht konnten Archäologen in den vergangenen Jahren trotzdem bergen. Der Top-Fund gelang freilich erst vor kurzem: ein Massengrab, in dem Opfer des brutalen Kampfes bestattet wurden. Es dürfte eines von Dutzenden, vielleicht Hunderten sein. Systematische Suchgrabungen hatten Forscher auf die Spur der toten Soldaten gebracht. Zwischen der Straße und den gelb blühenden Raps-Pflanzen ist der Boden wegen der Bergung noch immer kahl.

Bis zu 175 glücklose Kämpfer im Massengrab

Die blutige Schlacht von Lützen ist vor allem durch den Tod des Schwedenkönigs Gustav II. Adolf bekannt geworden, nicht wegen ihrer militärischen Bedeutung - einen Sieger gab es nicht. Gestorben wurde trotzdem. Für bis zu 175 glücklose Kämpfer interessieren sich die Archäologen derzeit ganz besonders. Sie liegen in dem Massengrab, das mit Hilfe von Kränen und Tiefladern als kompletter Erdblock geborgen wurde - weil die Arbeit im Labor besser zu erledigen ist als auf dem Feld.

Ein 55 Tonnen schwerer Erdblock, aus logistischen Gründen zersägt in zwei Teile, umschließt die Gebeine. In den Labors des Landesamts für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt in Halle wird er gerade analysiert. Eine Holzverschalung sorgt dafür, dass der Fund dabei nicht zerbröselt.

Viel weiß man bisher nicht über die Toten von Lützen. Neben Deutschen, Österreichern und Schweden kämpften hier auch Söldner, etwa aus Schottland, England und Kroatien. Sie starben durch Hellebarden, Musketen, Pistolen, Säbel, Messer. Doch wer waren die Kämpfer? Waren sie Jungspunde oder alte Haudegen? Waren sie wohlgenährt oder ausgezehrt? Und woher kamen sie?

Das sollen Analysen im Landesamt in Halle klären. Von Lützen bis dorthin ist man eine Dreiviertelstunde mit dem Auto unterwegs. Und wer sich in dem hellen, hohen Labor umsieht, der kann schon jetzt eine Idee bekommen von der menschlichen Dimension der Schlacht. Man muss nur über eine Leiter auf das Gestell klettern, das die beiden Erdblöcke umschließt.

Heiko Heilmann ist hier oben gerade dabei, mit einem Holzspatel das Erdreich von einem Knochen abzuschaben. Unter seiner Hand gibt der Boden die erstaunlich gut erhaltenen Skelette der einstigen Kämpfer preis. Der Grabungstechniker hat bereits 20 Leichen aus dem rechten der beiden Blöcke freigelegt.

Er muss das Erdreich erst mit einer Sprühflasche anfeuchten. Dann lassen sich die Knochen vorsichtig ausbuddeln. Die Arme, Beine, Schultern, Becken, Köpfe sind kein einfach zu ertragender Anblick. Lose Knöchelchen werden in Alu-Schalen gesammelt. Kleine Schilder geben den Toten provisorische Namen: "I1", "I2", "I3" und so weiter. "I" steht für Individuum.

Mit den Beinen zueinander liegend bestattet

Ein paar Dinge sind bereits klar, so zum Beispiel, dass die Leichen fast nackt zur letzten Ruhe gebettet wurden - weil man sie vorher plünderte. Immerhin wurden aber fast alle Körper mit Sorgfalt bestattet. Sie wurden auf dem Schlachtfeld eingesammelt und dann neben der Straße in die Grube gelegt, von zwei Seiten mit den Beinen zueinander zeigend.

Es gibt in den beiden Blöcken wohl auch mehrere Lagen von Toten - auch wenn die Forscher erst die oberste freigelegt haben. Um die Bestattung kümmerten sich übrigens nicht etwa die überlebenden Kameraden. Die waren längst auf dem Weg ins nächste Gefecht. Stattdessen mussten die braven Bürger von Lützen den unangenehmen Job erledigen. Zur Unterstützung hatten sie sich 200 Soldaten aus der nahen Garnison Weißenfels heranzitiert.

Im Prinzip ist der Fund von Lützen, den Heilmann auch mit Zahnarztbesteck und Pinsel präpariert, nicht einzigartig. Forscher kennen einige Massengräber aus dem Dreißigjährigen Krieg auf deutschem Boden. Sie wurden bei einem Hausbau zu Tage gefördert (im mittelfränkischen Höchstadt, 1985), von einem Kiesbagger ausgehoben (im brandenburgischen Wittstock, 2007) und von Pipeline-Konstrukteuren freigelegt (im schwäbischen Alerheim, 2008). Das Grab von Wittstock ist sogar seit wenigen Tagen im Archäologischen Landesmuseum in Brandenburg an der Havel zu sehen.

Doch am Grab von Lützen ist erstens die systematische - und erfolgreiche - Suche besonders. Und zweitens seine umfassende wissenschaftliche Auswertung. Die Arbeiten stehen freilich noch ganz am Anfang. Einiges ist augenfällig: So weist der Schädel von "I9" klare Hiebspuren auf. Und im Beckenknochen von "I2" steckt eine Bleikugel. Ein Schuss ins Gesäß. Doch ob da ein Sachse, Schwede oder Schotte leiden musste, das müssen erst noch Strontiumisotopenanalysen klären.

Die wollen die Forscher aus Halle an der Universität im britischen Bristol durchführen lassen. Mit den Fachleuten dort hatte man bereits bei der Öffnung des Sarges der mittelalterlichen Königin Editha zusammengearbeitet. Das Verfahren funktioniert so: Die Isotope des Metalls Strontium kommen in unterschiedlichen Regionen der Welt in verschiedenen Verhältnissen vor. Weil sie in den menschlichen Körper eingebaut werden, ergibt sich daraus eine verräterische Signatur: Aus den Knochen lässt sich mit etwas Glück der Aufenthaltsort in den Jahren vor dem Tod rekonstruieren. Die Zähne wiederum geben Informationen über die Kindheit.

Anthropologen, Chemiker, Historiker, Boden- und Waffenkundler sollen das Massengrab in den kommenden Monaten gemeinsam analysieren. "Wir arbeiten immer interdisziplinär, Archäologie der alten Schule ist out", sagt Alfred Reichenberger, Pressesprecher des Landesamts. Die Arbeiten werden sich ziehen, so viel ist klar. Doch geht es nach dem Lützener Museumschef Reichel, dann würde an ihrem Ende - irgendwann - ein Besucherzentrum am Rand des ehemaligen Schlachtfeldes stehen.

Das soll dann über die Gräuel des Krieges berichten - auch als Warnung an die heutigen Generationen. Denn: "Geschichte wiederholt sich nicht. Sie hat aber ihre Gewohnheiten."

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insgesamt 35 Beiträge
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1.
Grafsteiner 26.04.2012
Alle Fragen sind doch längst durch Dokumente aus dem Dreissigjährigen Krieg beantwortet. Die Menschen damals kannten schon die Schrift und Papier. Dafür braucht man keine Leichen zum Sprechen zu bringen. Weil auch Archäologen an Stellensicherung interessiert sind. Diese 175 Leichen geben wieder 10 Leuten für 2 Jahre ausreichend Brot. Ohne jeden weiterführenden Erkenntniswert als den, dass sie tot sind.
2.
Stelzi 26.04.2012
Eigentlich sind wir ja eine fürchterliche Spezies.
3. Zerbrich dir nicht dein Köpfchen
Stelzi 26.04.2012
Zitat von GrafsteinerAlle Fragen sind doch längst durch Dokumente aus dem Dreissigjährigen Krieg beantwortet. Die Menschen damals kannten schon die Schrift und Papier. Dafür braucht man keine Leichen zum Sprechen zu bringen. Weil auch Archäologen an Stellensicherung interessiert sind. Diese 175 Leichen geben wieder 10 Leuten für 2 Jahre ausreichend Brot. Ohne jeden weiterführenden Erkenntniswert als den, dass sie tot sind.
Nur weil du es nicht verstehst, oder überhaupt eine Ahnung davon hast, was wir über diesen Krieg wissen, heisst das noch lange nicht, dass es sich so verhält wie du es dir ausmalst.
4.
dunnhaupt 26.04.2012
Offensichtlich waren es "die braven Bürger von Lützen", denen die Plünderung der Leichen zu verdanken ist.
5.
spon-facebook-516475135 26.04.2012
Es ist jetzt anachronistischen Soldaten aus Schottland und England im Dreißigjährigen Krieg als Söldner zu diskutieren. Es gab einige, aber die Komplexität der Motivation und der Dienst können nicht einfach so entlassen werden
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