Streit über Kleiderfarbe Forscher erklärt Farbverwirrung mit Schlafvorlieben

Frühaufsteher oder Nachteule? Wann wir ins Bett gehen, beeinflusst offenbar, in welchen Farben man das Kleid sieht, über das vor zwei Jahren die halbe Welt stritt.

Ist das Kleid blau-schwarz oder weiß-golden?
swiked/Tumblr

Ist das Kleid blau-schwarz oder weiß-golden?

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Die einen sahen ein blau-schwarzes Muster, die anderen ein gold-weißes, manche sogar blau-goldene Streifen. Im Februar 2015 sorgte ein schlecht fotografiertes Kleid für einigen Streit unter Freunden, Bekannten und Kollegen. Unter dem Hashtag #dressgate wurden verrückte Theorien verbreitet. Menschen mit negativer Lebenseinstellung würden das Kleid in Blau sehen, hieß es beispielsweise.

Inzwischen sind sich Psychologen weitgehend einig, warum Menschen die Farben ein und desselben Bildes ganz unterschiedlich wahrnehmen. Unser visuelles System macht permanent Farbkorrekturen und berücksichtigt dabei auch die konkrete Beleuchtungssituation.

Blauer Schnee?

Im Falle des Kleides bedeutet das: Wer glaubt, das Kleid befinde sich bei Tageslicht im Schatten, zieht gedanklich das dort dominierende blaue Licht ab. Wir wissen, dass weiße Dinge im Schatten bläulich aussehen - zum Beispiel Schnee. Und deshalb nehmen wir die tatsächlich hellblauen Streifen des Kleides als weiß war. Und die anderen Streifen als golden. Wer hingegen annimmt, das Kleid werde von eher gelblichem Kunstlicht angestrahlt, nimmt das Muster als schwarz-blau wahr.

Eine nun im Fachblatt "Journal of Vision" publizierte Studie bestätigt diese Erklärung der weltumspannenden Farbverwirrung - und liefert noch eine interessante Hypothese, welche Menschen zu welcher Fraktion neigen.

"Das Originalfoto war überbelichtet, was die Einschätzung der Lichtsituation schwierig machte", sagt der Neuroforscher Pascal Wallisch von der New York University. "Wir müssen deshalb Annahmen zur Beleuchtung des Kleides machen und das beeinflusst, welche Farben wir letztlich sehen."

60 Prozent sehen weiß-goldenes Kleid

Wallisch hat für seine Studie insgesamt 13.417 Menschen online befragt. 8084 im März 2015 wenige Wochen nach dem Hype um das Dressgate, und dann noch einmal 5333 im März 2016.

Die Befragten sollten angeben, in welchen Farben sie das Kleid sehen. Für knapp 60 Prozent war es weiß-golden, für etwa 30 Prozent blau-schwarz. Der Rest gab andere Farbkombinationen an.

Wallisch wollte aber auch wissen, wie die Betrachter die Lichtsituation einschätzen, ob sie derzeit auf dem Land oder in der Stadt leben und für welchen Chronotypen sie sich selbst halten. Menschen unterteilen sich dabei in Frühaufsteher, auch Lerchen genannt, und in sogenannten Eulen, die nachts länger aufbleiben und dafür morgens länger schlafen.

Nachteulen gegen Frühaufsteher

Die Frage nach dem Chronotypen brachte ein spannendes Ergebnis: Langschläfer nahmen das Kleid mit deutlich geringerer Wahrscheinlichkeit in den Farben weiß-golden wahr als Frühaufsteher.

Bei der zweiten Umfrage im März 2016 war dieses Phänomen besonders stark ausgeprägt. Typische Eulen kamen auf eine Weiß-Gold-Quote von nur 47 Prozent, starke Lerchen hingegen auf 66 Prozent.

Offenbar hänge die Farbwahrnehmung eines Menschen auch davon ab, wie viele Stunden er bei Tageslicht und bei künstlicher Beleuchtung verbringe, erklärt Wallisch. Wer viel Sonnenlicht abbekomme, für den sei das Kleid eher weiß-golden. Nachteulen, die deutlich mehr Kunstlicht sehen, tendierten weniger stark dazu.

Sind die Erdbeeren rot?

"Das bestätigt, dass das Licht, dem ein Mensch typischerweise ausgesetzt ist, Einfluss darauf hat, wie er Farben wahrnimmt", sagt Wallisch. Andere in der Studie ebenfalls abgefragte Faktoren wie Geschlecht oder Alter spielten Vergleich dazu nur eine untergeordnete Rolle.

Wie schnell uns die permanente Farbkorrektur im Kopf einen Streich spielen kann, zeigte erst kürzlich der Forscher Akiyoshi Kitaoka mit einem Foto von Erdbeeren. Der Japaner hatte die Farben des Bildes so bearbeitet, dass es keinen einzigen Pixel in der Farbe Rot mehr enthielt.

Aber trotzdem sehen die meisten Betrachter die Erdbeeren in der Farbe Rot.

Der Mensch sieht einfach das, was er sehen will. So einfach ist das.



insgesamt 36 Beiträge
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Seite 1
DJ Doena 08.04.2017
1.
Was ich eher faszinierender finde, ist, das man bei den meisten optischen Täuschungen mit etwas Übung das Gehirn umschalten kann - und auch wieder zurück. Z.B. die Täuschung mit der Ballerina und die Frage, in welche Richtung sie dreht. Oder ob man eine Vase oder zwei Gesichter sieht. https://www.youtube.com/watch?v=Vd84AZfftT0 http://www.swr.de/-/id=10339492/property=gallery/pubVersion=6/15e8kzf/index.jpg Ich kann mir aber dieses Kleid partout nicht in Schwarz/Blau vorstellen, und das obwohl ich eine Eule bin.
Profdoc1 08.04.2017
2. Nun denn....
Dann oute ich mich auch mal. Das Kleid selbst perzeptiere ich als 'Blau'. Die Borden nehme ich als 'Bräunlich-grün' wahr. Bin Eule.
ttvtt 08.04.2017
3. Früh aufstehen war noch nie gut...
Die Studie zeigt also, dass wir alle lieber etwas länger schlafen sollten, damit wir die Farben so sehen wie sie sind....
ttvtt 08.04.2017
4. Früh aufstehen war noch nie gut...
Die Studie zeigt also, dass wir alle lieber etwas länger schlafen sollten, damit wir die Farben so sehen wie sie sind....
oschn 08.04.2017
5.
Zitat von DJ DoenaWas ich eher faszinierender finde, ist, das man bei den meisten optischen Täuschungen mit etwas Übung das Gehirn umschalten kann - und auch wieder zurück. Z.B. die Täuschung mit der Ballerina und die Frage, in welche Richtung sie dreht. Oder ob man eine Vase oder zwei Gesichter sieht. https://www.youtube.com/watch?v=Vd84AZfftT0 http://www.swr.de/-/id=10339492/property=gallery/pubVersion=6/15e8kzf/index.jpg Ich kann mir aber dieses Kleid partout nicht in Schwarz/Blau vorstellen, und das obwohl ich eine Eule bin.
Bei mir exakt das Gleiche. Eule, sehe nur weiß-gold. Kann optische Täuschungen auch normal gut umschalten. Bei dem Kleid aber keine Chance.
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