Drogen-Ranking Alkohol gefährdet Gesellschaft mehr als Heroin

Britische Forscher haben eine neue Drogen-Rangliste vorgestellt - Alkohol liegt auf Platz eins, was die Zerstörungskraft für Mensch und Gesellschaft angeht, noch vor Heroin und Crack. Die Wissenschaftler fordern ein radikales Umdenken im Umgang mit Drogen.

Von Cinthia Briseño

Alkoholkonsum: Exzessives Trinken schädigt fast das gesamte Organsystem
dapd

Alkoholkonsum: Exzessives Trinken schädigt fast das gesamte Organsystem


Geht es um Alkohol und Tabak, greift David Nutt gern zur verbalen Keule. "Das Drogenbewertungssystem ist durchweg krank und willkürlich", ist einer der Sätze, die von dem Pharmakologen der University of Bristol überliefert sind. Schon 2007 machte er mit einer Untersuchung über das Schadenspotential von psychoaktiven Substanzen auf sich aufmerksam: Nicht illegale Drogen wie Cannabis, LSD und Ecstasy, sondern Alkohol und Tabak seien die wirklichen Gefahren für Mensch und Gesellschaft.

In einer neuen Studie legt Nutt jetzt nach: Demnach ist Alkohol sogar weitaus gefährlicher als Heroin oder Crack. Die Experten um Nutt untersuchten verschiedene Drogen auf ihre Zerstörungskraft für den Körper und die Gesellschaft. Zwar stellten sich Heroin, Crack und Methamphetamine als die für den Einzelnen tödlichsten Rauschgifte heraus. Doch sobald die Wissenschaftler die sozialen Auswirkungen miteinbezogen, führte Alkohol die Rangliste der gefährlichsten Drogen an. So habe Alkohol ein besonders großes Potential, Familien zu zerstören oder andere Menschen im Umfeld des Abhängigen zu beeinflussen. Zudem verursache er weitaus höhere Folgekosten für das Gesundheits- und Sozialwesen.

Heroin und Crack folgen in der neuen Rangliste auf den Plätzen zwei und drei. Marihuana, Ecstasy und LSD schätzen die Forscher dagegen als deutlich weniger zerstörerisch ein. Das Zerstörungspotential von Ecstasy ist demnach nur ein Achtel mal so hoch wie das von Alkohol. Nutt und seine Kollegen machen dafür vor allem eine Ursache aus: Alkohol ist weit verbreitet und wirkt sich daher nicht nur auf die Konsumenten selbst, sondern auch auf ihr Umfeld aus. Die Studie ist jetzt im Fachblatt "The Lancet" erschienen und wurde vom britischen Zentrum für Kriminalitäts- und Justizstudien CCJS in Auftrag gegeben.

Andere Forscher pflichten Nutt bei. "Denken Sie nur daran, was (durch Alkohol) bei jedem Fußballspiel passiert", schreibt Wim van den Brink, Professor für Psychiatrie und Sucht an der Freien Universität Amsterdam, in einen Kommentar zur "Lancet"-Studie. Exzessives Trinken schädige fast das gesamte Organsystem. Außerdem stünde Alkoholmissbrauch nicht nur in Zusammenhang mit höheren Todesraten, sondern spiele auch bei Gesetzesverstößen häufiger eine Rolle als die meisten anderen Drogen - einschließlich Heroin.

"Alkohol ist zu tief in unserer Kultur verwurzelt"

Gleichwohl sehen die Experten keine Lösung darin, Alkohol einfach zu verbieten. Leslie King, einer der Autoren der Studie und Berater der europäischen Drogenbehörde EBDD, warnt sogar davor: Ein Verbot, wie es einst in den USA galt, sei kein Ausweg: "Alkohol ist zu sehr in unserer Kultur verwurzelt, er kann nicht einfach entfernt werden." King rät dazu, gezielt die Vieltrinker ins Visier zu nehmen - und nicht die Mehrheit der Leute, die es bei einem oder zwei Bier bewenden lassen. Vielmehr sollten Regierungen die Preise für Alkohol anheben und mehr Aufklärung betreiben.

Die Fachleute sprechen auch eine brisante Frage an: die rechtliche Einordnung der verschiedenen Drogen und deren Klassifizierung nach "legal" und "illegal". Großbritannien verschärfte zum Beispiel 2009 die Strafen für den Besitz von Marihuana.

Nutt, seinerzeit Drogenbeauftragter der Regierung von Premierminister Gordon Brown, hatte die staatliche Drogenpolitik aufs Schärfste kritisiert: Sie widerspreche den Erkenntnissen der Forschung. Als Nutt in Vorlesungen weiterhin predigte, dass LSD, Ecstasy und Cannabis ungefährlicher seien als Alkohol und Tabak, wurde er von der Regierung kurzerhand seines Amtes enthoben.

Jetzt hat sich der Pharmakologe als Hauptautor der aktuellen Drogenstudie wieder in die Debatte eingeschaltet - und unterstreicht seinen früheren Vorwurf, dass die Wissenschaft oft aus politischem Kalkül missachtet wird. Nutts Kollege van den Brink äußert sich ähnlich: "Was Regierungen für illegal erklären, wird nicht immer von den Erkenntnissen der Wissenschaft gestützt", schreibt der Niederländer in seinem Kommentar. Einnahmen aus Steuern - etwa auf Tabak und Alkohol - könnten die Überlegungen der Regierung beeinflussen, wie die verschiedenen Substanzen gesetzlich behandelt würden. Eines stehe aber fest, sagt Nutt: "Legale Drogen verursachen mindestens so viel Schaden wie illegale."

Alkohol: Weltweit 2,5 Millionen Todesopfer jährlich

Aktuelle Statistiken sprechen die gleiche Sprache. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) etwa schätzt, dass jährlich 2,5 Millionen Menschen an den Folgen von Alkoholkonsum - wie etwa durch Herz- und Lebererkrankungen oder Autounfälle - sterben. In Deutschland sieht es ähnlich aus. Laut einem Bericht der Bundesregierung zum Thema Suchtforschung sind Alkohol und Tabak die beiden zerstörerischsten Suchtmittel, gefolgt von Medikamenten. Erst dann folgen die illegalen Drogen.

Die Antwort auf die Frage nach der gefährlichsten Droge wird in dem Bericht der Bundesregierung ebenfalls differenziert beantwortet - je nachdem, wie man Gefährlichkeit definiert: "Gemessen an der Zahl der Betroffenen belegen Alkohol und Nikotin mit weitem Abstand zu allen anderen Drogen die Spitzenpositionen", heißt es. Heroin wiederum gehöre zu den Drogen, die am stärksten und am schnellsten süchtig machten, mitunter schon nach wenigen Einzeldosen. Betrachte man dagegen den Anteil der Menschen, die nach einem Probierkonsum später abhängig würden, seien neben Heroin auch Schmerzmittel wie etwa Kodein zu nennen. Das Fazit des Berichts: "Jede Droge birgt ihre eigene Gefahr."

Mit Material von dapd



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insgesamt 227 Beiträge
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Seite 1
mea_maxima_culpa, 01.11.2010
1. ...
Zitat von sysopBritische Forscher haben eine neue Drogen-Rangliste vorgestellt - Alkohol liegt auf Platz eins, was die Zerstörungskraft für Mensch und Gesellschaft angeht, noch vor Heroin und Crack. Die Wissenschaftler fordern ein radikales Umdenken im Umgang mit Drogen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,726432,00.html
Einem jeden, der sich etwas tiefer mit der Drogenmaterie beschäftigt, ist diese Tatsache schon lange klar. Es ist kein Umdenken im Umgang mit Drogen erforderlich, sondern ein Umdenken im Umgang mit Alkohol! Bei den Rauchern funktioniert dies doch auch!
S.T. Joker, 01.11.2010
2. Titelverweigerer
Zitat von sysopBritische Forscher haben eine neue Drogen-Rangliste vorgestellt - Alkohol liegt auf Platz eins, was die Zerstörungskraft für Mensch und Gesellschaft angeht, noch vor Heroin und Crack. Die Wissenschaftler fordern ein radikales Umdenken im Umgang mit Drogen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,726432,00.html
Ich steck mir den Finger in den Mund. Was ist denn das schon wieder? Das nächste Betätigungsfeld für unsere Weltverbesserer? Eine Studie die Thesen aufsetzt ohne zu differenzieren welche Menge an Alkohol zu sich genommen wird, sondern nur Pauschalurteile fällt. Genauso gut könnte ich sagen, dass Leben muss verboten werden, denn es endet zwangsläufig mit dem Tod.
atomkraftwerk, 01.11.2010
3. .
Und das verkaufen die als neue Erkenntnis? Das ist doch alt wie Methusalem.
Ingmar E. 01.11.2010
4. Die folgenden Fehler traten bei der Verarbeitung auf:
Diamorphin(Heroin) müsste nicht tödlich sein. Zwei Probleme: 1.die Leute betreiben Mischkonsum 2. die Dosierungen schwanken. Der goldene Schuss von reinem Diamorphin ist eher eine Lüge, und kommt extrem selten vor. Durch die Gewöhnung verträgt der Körper enorm hohe Dosen, bevor die Atmung aufhört. Man kann einem chronischen Schmerzpatienten mit Gewöhnung eine dutzendfache Dosis eines ungewöhnten geben. Problematisch wird das dann aber in Kombination mit dem Schwarzmarkt: du bist hohe Dosen gewöhnt, aber nur 40%iges Diamorphin, plötzlich bekommste 60%iges und gibst dir die gleiche Menge. Diese Gefahr der unabsichtlichen Überdosierung, ist mit einer staatlichen Vergabe komplett gebannt. Wenn man die Dosierung kennt, wird sich ein Diamorphin-Nutzer keinen unabsichtlichen goldenen Schuss setzen, selbst wenn er durch die Gewöhnung riesige Dosen für den Effekt braucht. Und das PRoblem des Mischkonsums ist mMn ein Problem fehlender Aufklärung. Eins zeigt doch die staatliche Vergabe von Diamorphin: die Leute haben keine Abzesse mehr und keine gesundheitlichen Nebenwirkungen durch Streckmittel. Reine Morphine sind Medikamente/Stoffe mit extrem wenig Nebenwirkungen, es gibt keine Organschäden (wie bei Alkohol, Industriezucker, und Nikotin). Man sieht es den Leuten nicht mehr an, genauso wenig wie man einem chronischen Schmerzpatienten ansieht, wenn er Morphine nimmt. Weiterhin haben sie keinen Beschaffungsdruck mehr, sie können ihren Jobs nachgehen, und bezahlen wieder Steuern. Dadurch nimmt der Staat mehr Geld ein, als ihn die Verteilprogramme kosten. Die Leute brauchen keinen Kontakt mehr zur Szene um ans Diamorphin zu gelangen, und haben so weniger Gelegenheiten zu gefährlichem Mischkonsum. Wenn man Diamorphin staatlicherseits verteilt, oder nur staatlich kontrolliert wie die Alkoholwirtschaft, wie in den Pilotprojekten, würde die Sterblichkeit drastisch sinken. Und da diese Rangliste wohl die Tödlichkeit einer Substanz als ausschlaggebend sieht, würde Diamorphion damit drastisch an Ranglistenplätzen verlieren. Diamorphin wäre so mMn harmloser als THC (was gerade bei den Jointrauchern die Pflanzenfasern sehr tief einatmen langfristig zur Lungenfibrose führen kann, ähnlich Staublunge von Bergarbeitern) Diamorphin ist ein Prügelknabe, aber erst die Verbote sorgen dafür dass es so tödlich ist. Die Pilotprojekte der staatlichen Verteilung zeigen klar, wie es eigentlich ablaufen müsste. Alkohol wird nur ungiftig bei extrem niedrigen Dosen und Nikotin ist immer ein Gift, wenn man diese Stoffe mit Morphinen vergleicht, dann fehlt mir der Sinn dahinter. Das ist eine Traditions- und keine Drogenpolitik.
juxeii 01.11.2010
5. ...
Zitat von S.T. JokerIch steck mir den Finger in den Mund. Was ist denn das schon wieder? Das nächste Betätigungsfeld für unsere Weltverbesserer? Eine Studie die Thesen aufsetzt ohne zu differenzieren welche Menge an Alkohol zu sich genommen wird, sondern nur Pauschalurteile fällt. Genauso gut könnte ich sagen, dass Leben muss verboten werden, denn es endet zwangsläufig mit dem Tod.
es ist doch aber meist andersherum mit den illegalen drogen. wo haben sie schon mal einen bericht gesehen, der differenziert wieviel extasypillen nun wirklich schädlich sind über einen gewissen zeitraum? sobald doch nur das wort drogen fällt, fällt bei den meisten auch der geistige vorhang. und dann wird weiter fröhlich am stammtisch über die haschisch-spritzer geschumpfen. prost!
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