Drogenbericht: Neue Rauschmittel überfluten Europa
Der Handel mit synthetischen Drogen boomt: Während der Konsum von Kokain und Cannabis zurückgeht, steigt der Absatz neuartiger Substanzen. Der Jahresbericht der EU-Drogenexperten zeigt: 2011 könnte ein Rekordjahr werden.
Lissabon/Hamburg - Der Konsum bekannter Rauschgifte wie Kokain oder Cannabis geht in vielen europäischen Ländern zurück - doch neue synthetische Drogen überfluten den Kontinent. Die Verkäufer der sogenannten "Legal Highs" seien den Behörden immer einen Schritt voraus, weil sie in der Lage seien, schnell neue Alternativen zu verbotenen Produkten anzubieten, heißt es im Jahresbericht der EU-Drogenbeobachtungsstelle (EBDD), der am Dienstag am Behördensitz in Lissabon vorgestellt wurde.
EBDD-Direktor Wolfgang Götz forderte die Politik auf, daraus Konsequenzen zu ziehen: "Die politischen Drogenstrategien und -Interventionen der EU müssen jetzt darauf abgestimmt werden, die Herausforderung des nächsten Jahrzehnts zu bewältigen." Irland und Polen hätten bereits Rechtsvorschriften verabschiedet, die den freien Verkauf psychoaktiver Substanzen eingrenzen, welche nicht im Rahmen der Drogengesetzgebung überwacht werden.
Nachdem EBDD und Europol 2010 den historischen Höchstwert von 41 neuen psychoaktiven Substanzen (im Vergleich zu 24 im Jahr 2009) registriert hatten, droht 2011 zum neuen Rekordjahr zu werden. Bisher seien dieses Jahr über das Europäische Frühwarnsystem 39 neue Substanzen gemeldet worden. "Wir fanden das sensationell hoch", sagte Götz. Ein großer Teil der Stoffe wird über Online-Shops vertrieben.
"Das größte Problem bei synthetischen Drogen besteht darin, dass die Leute nicht wirklich wissen, was sie nehmen", erklärte Götz. "Bei einem Joghurt steht auf der Packung, was drin ist, bei einer Pille nicht. Wenn die Leute diese Substanzen dann auch noch mit anderen legalen oder illegalen Drogen mischen, kann es zu großen gesundheitlichen Problemen und auch zum Tod führen", so der EBDD-Direktor.
Die Europäische Kommission prüft derzeit, wie Europa neue Substanzen überwacht und darauf reagiert. Die EU-Beobachtungsstelle liefert lediglich Daten und Statistiken. Prävention und Bekämpfung liegen in den Händen der Mitgliedstaaten.
Cannabis, Kokain, Opioide: Konsum stabil bis rückläufig
Die am häufigsten konsumierte illegale Droge in Europa bleibt laut dem EBDD-Bericht Cannabis: Jeder Fünfte im Alter von 15 bis 64 Jahren hat es schon einmal ausprobiert, etwa 22,5 Millionen Menschen haben in den vergangenen zwölf Monaten Cannabis konsumiert, neun Millionen im vergangenen Monat. Männer nehmen es deutlich häufiger als Frauen. Laut Drogenbericht werden jährlich rund 600 Tonnen Cannabisharz und 100 Tonnen Cannabiskraut in Europa sichergestellt. Insgesamt gebe es einen Trend, dass der Cannabiskonsum sich stabilisiere oder gar rückläufig sei, so der Bericht.
In Deutschland ist die Zahl der Cannabiskonsumenten vergleichsweise niedrig. Weniger als 1,5 Prozent der jungen Männer zwischen 14 und 34 Jahren berauschen sich täglich oder fast täglich daran. Bei den Frauen sind es weniger als 0,5 Prozent.
14,5 Millionen Europäer im Alter zwischen 15 und 64 Jahren haben schon einmal Kokain genommen, vier Millionen innerhalb der vergangenen zwölf Monate. Die neuen Daten legen nahe, dass die Zahl der Konsumenten sinkt - doch etwa 17 Prozent derer, die sich wegen einer Sucht medizinische Hilfe suchen, geben Kokain als Primärdroge an. Mehr als die Hälfte von ihnen ist zusätzlich alkoholabhängig. In Deutschland haben knapp zwei Prozent der jungen Erwachsenen zwischen 14 und 34 Jahren innerhalb der vergangenen zwölf Monate Kokain konsumiert.
Etwa die Hälfte der Drogenabhängigen, die medizinische Hilfe suchen, konsumieren Opioide, zu denen Heroin zählt. Der Konsum bewegt sich laut Bericht jedoch auf einem stabilen Niveau, allerdings sind die Patienten, die behandelt werden, im Durchschnitt älter. Erstmals hat die Beobachtungsstelle geschätzt, wie viele Menschen in Europa an den Folgen einer Opioidsucht sterben - es sind demnach 10.000 bis 20.000, die meisten von ihnen Männer Mitte Dreißig.
Mehr als 7600 Menschen starben in der EU und Norwegen im Jahr 2009 an einer Überdosis - viele dieser Todesfälle hätten vermieden werden können, so die EBDD.
wbr/dpa
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