EU-Bericht: Flut synthetischer Drogen kaum kontrollierbar
Praktisch jede Woche haben Ermittler 2011 eine neue synthetische Droge entdeckt, das sind mehr als in jedem anderen Jahr zuvor. Experten warnen: Auch wenn die Stoffe noch nicht verboten sind, kann die Einnahme tödlich sein.
Lissabon/Hamburg - Neue synthetische Drogen überfluten Europa. 49 neue psychoaktive Substanzen entdeckten Ermittler der EU-Drogenbeobachtungsstelle (EBDD) im Jahr 2011. Am häufigsten stießen sie auf synthetische Cannabinoide (23 Substanzen) und künstliche Cathinone (acht Substanzen).
Bei den synthetischen Cannabinoiden handelt es sich um Substanzen, die zum Beispiel in Kräutermischungen als Joints geraucht werden, ähnlich wie Cannabis wirken und unter Namen wie "Spice" bekannt sind. Die zweite große Gruppe, die synthetischen Cathinone, können laut EBDD geschluckt, geschnupft und gespritzt werden und haben zum Beispiel eine dem Kokain oder Ecstasy vergleichbare Wirkung.
"Diese neuen Drogen sind ein internationales Problem und ihre rasante Entwicklung ist besorgniserregend", sagte EBDD-Direktor Wolfgang Götz in Lissabon. Die Zahl der entdeckten Internet-Shops, bei denen mindestens eine der neuen Drogen angeboten wurde, stieg innerhalb von zwölf Monaten von 314 im Januar 2011 auf 690 zu Beginn dieses Jahres.
Solche neu aufgetauchten Drogen werden auch "Legal Highs" bezeichnet, da nicht sämtliche von ihnen verboten sind. Das liegt unter anderem daran, dass sie zunächst einmal registriert werden müssen, bevor neue Verbote erlassen werden können. Seit Einrichtung eines Frühwarnsystems im Jahr 1997 wurden EBDD und Europol mehr als 200 neue Drogen gemeldet.
Fünf Prozent der Jugendliche nahmen "Legal Highs"
Dank verbesserter Prüfmethoden seien zwar mehr der neuen Rauschmittel identifiziert worden, doch die Drogendealer seien den Behörden immer noch einen Schritt voraus, sagte EBDD-Direktor Götz. Die Möglichkeiten der Kontrollen innerhalb der EU, die Zusammenarbeit zwischen den Behörden und auch die Chance der Ermittler, schnell zu reagieren, müssten weiter verbessert werden.
Es sei ein neuer Markt entstanden, erklärte Götz. Es sei zu attraktiv, Päckchen der neuen Drogen über das Internet oder auch in Nightclubs zu verkaufen. "Woher auch immer eine der neuen Pillen auch stammt, es ist ein tödliches Roulette-Spiel für den Konsumenten." Dieser stehe einer immer größer werdenden Vielfalt von Pulvern und Mixturen gegenüber - ohne genau zu wissen, was sie wirklich enthalten.
Wenn die Leute diese Substanzen dann auch noch mit anderen legalen oder illegalen Drogen mischen, kann es zu großen gesundheitlichen Problemen und auch zum Tod führen", erklärt der EBDD-Direktor.
Während die Europäische Kommission prüft, wie Europa neue Substanzen überwacht und darauf reagiert, liefert die EU-Beobachtungsstelle Daten und Statistiken. Prävention und Bekämpfung liegen in den Händen der Mitgliedstaaten.
Jeder 20. Jugendliche im Alter von 15 bis 25 Jahren hat laut dem EU-Drogenbericht 2011 schon einmal "Legal Highs" konsumiert. 54 Prozent gaben an, Freunde hätten diese mitgebracht, 33 Prozent hatten in illegalen Shops eingekauft. Nur sieben Prozent gaben an, sie wären im Internet fündig geworden.
nik/AFP
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