Drogenkonsum Berauschendes Flusswasser

Verblüffende Analyse italienischer Forscher: Im Po, dem größten Fluss des Landes, schwimmen täglich vier Kilogramm Kokain gen Adria, Wert rund 240.000 Euro. Das Ergebnis bringt die Drogenstatistik durcheinander - der Kokain-Konsum ist viel höher als angenommen.


Italienischer Fluss Po: Hohe Konzentration von Kokain entdeckt
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Italienischer Fluss Po: Hohe Konzentration von Kokain entdeckt

Mailand - Dem Team von Ettore Zuccato am Mario-Negri-Institut für Pharmakologie-Forschung in Mailand entging nichts, kein einziges Gramm: Mit einer neuen Untersuchungsmethode haben die italienischen Wissenschaftler das Flusswasser des Po genau analysiert. Schon ein Milliardstel Gramm eines Stoffes konnten die Forscher damit nachweisen.

Bei der Untersuchung konzentrierten sie sich auf das Stoffwechselprodukt Benzoylecgonin, das beim Konsum von Kokain im Körper entsteht und dann ausgeschieden wird. Über die Kanalisation kann es in den Fluss gelangen. Aber die italienischen Forscher fahndeten auch nach reinem Kokain.

Das Ergebnis überraschte die Wissenschaftler und die italienische Öffentlichkeit gleichermaßen: Demnach sind die offiziellen Statistiken über Drogenkonsum in der Po-Region viel zu niedrig kalkuliert. Bei bisherigen Befragungen hatten 1,1 Prozent der 15- bis 34-Jährigen Italiener angegeben, einmal pro Monat Kokain zu konsumieren. Bei 1,4 Millionen Menschen dieser Altersgruppe in der Po-Region entspreche das etwa 15.000 Kokain-Einnahmen, schreiben Zuccato und seine Kollegen. Die Wasseruntersuchung lasse aber auf 40.000 Portionen pro Tag schließen - was die Statistik extrem verändern würde.

Proben aus ganz Italien bestätigten Ergebnis

Der wirkliche Konsum könnte sogar noch höher liegen, meinte Zuccato. Denn einige Spuren des Kokains könnten im Fluss verloren gegangen sein oder sich am Boden abgesetzt haben. Im Übrigen könnten die Ergebnisse nicht damit erklärt werden, dass einige Dealer, die kalte Füße bekommen haben oder kurz vor der Entlarvung standen, plötzlich ihre gesamte Ware ins Klo gekippt hätten. Dann wäre viel mehr reines Kokain nachgewiesen worden, erklärte Zuccato.

Um ihre Ergebnisse zu bestätigen, nahm das Team auch Proben aus Kanalisationen mittelgroßer Städte in ganz Italien. Die Kokainspuren im puren Abwasser waren erwartungsgemäß höher als im verdünnenden Flusswasser. Doch bei der Umrechnung ergab sich ein ähnliches Bild wie in der Po-Region.

Die Analysetechnik hatten die Forscher zuvor bereits erfolgreich getestet: Sie wiesen die Stoffwechselprodukte weit verbreiteter rezeptpflichtiger Medikamente nach und bestätigten so die Zahl der Verschreibungen. Bevor die Methode jedoch routinemäßig eingesetzt werden könnte, müsste sie noch weiterentwickelt und ausgeweitet werden.

Dann aber könnte die Wasseruntersuchung ein viel genaueres Bild des Drogenkonsums liefern als die bisherigen Befragungen: "Es könnte eine schnelle und billige Methode werden, den lokalen Drogenkonsum einzuschätzen", schreiben die Forscher im Fachjournal "Environmental Health".



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