Duell der Erfinder Gleichstrom gegen Wechselstrom

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2. Teil: Edisons perfider Plan: Er befürwortet Westinghouses Wechselstrom für Hinrichtungen



Westinghouse errichtet wenige Kraftwerke außerhalb der Ballungszentren. Die Kosten seiner Leitungsnetze sind dennoch geringer als die des Konkurrenten. Denn bei hoher Spannung genügen dünnere Kupferkabel. So kann er den Strom günstiger verkaufen. Die "Westinghouse Electric and Manufacturing Company" hat bald mehr Kunden als ihr Konkurrent.

Soll sich Thomas Alva Edison, der Inhaber Hunderter Patente, das gefeierte Jahrhundertgenie, von einem Bremsenfabrikanten und einem serbischen Motorenbauer zermürben lassen? Edison schreibt Pamphlete und initiiert ab 1887 Versuche, in denen Hunde, Katzen, Kälber und schließlich ein Pferd mit Wechselstrom getötet werden.

Er lässt Informationen über Unfälle mit Wechselstrom zusammentragen und bedrängt Politiker. Sie sollen ein Gesetz erlassen, das die zulässige Spannung in Stromleitungen auf 300 Volt beschränkt. Das wäre das Ende für Westinghouse, dessen System nur mit Hochspannung wirtschaftlich ist.

Westinghouse sieht die Attacken seines Gegners zunächst als Werbung, die Zeitungen sind voll mit Artikeln über Wechselstrom. Er wehrt sich selten öffentlich, schätzt mehr das klare Wort unter Gentlemen.

Im Sommer 1888 lädt er Edison in sein Haus nach Pittsburgh – ein Friedensangebot. Doch Edison lehnt ab: Er sei zu beschäftigt.

Der Unternehmer verfolgt bereits einen neuen Plan, um Westinghouse zu diffamieren. Im Januar 1889 tritt in New York ein neues Gesetz zur Todesstrafe in Kraft: Zum Tode verurteilte Mörder sollen durch Stromschlag sterben. Edison plädiert dafür, Wechselstrom zu verwenden. Es ist sein perfidester Schachzug: Wechselstrom soll in den Köpfen fortan als Strom der Henker haften bleiben. Er betreibt Lobby-Arbeit für den elektrischen Stuhl, dessen tödliche Kraft von Westinghouse-Generatoren stammen müsse. Edison schlägt auch gleich ein neues Wort für die Exekution durch Stromschlag vor: "to westinghouse".

Sein Konkurrent tobt. Edison bediene sich Methoden, "die unmännlicher, beleidigender und lügnerischer sind als in jedem Wettkampf, den ich kenne", schreibt er an New Yorker Politiker. Zu spät.

Die Schmähkampagne scheitert

Am 6. August 1890 stirbt zum ersten Mal ein Mensch auf dem elektrischen Stuhl – durch Wechselstrom. Der Henker muss den Stromhebel zweimal umlegen, bis der Verurteilte nicht mehr spastisch zuckt und weißen Schaum erbricht.

Doch die Schmähkampagne geht trotzdem nicht auf. Binnen zweier Jahre hat Westinghouse mehr als 30 Kraftwerke fertiggestellt und versorgt 1890 bereits 130 amerikanische Städte mit Wechselstrom.

Als der Auftrag für die Beleuchtung der Weltausstellung 1893 in Chicago ausgeschrieben wird, unterbietet er das Angebot Edisons um fast eine Million Dollar. Seine Ingenieure entwerfen das größte Wechselstromkraftwerk der USA. 1893 erstrahlt die Weltmesse in weißem Licht, erzeugt von 180.000 Glühlampen.

Ein Test steht aber noch bevor: ein Kraftwerk, das angetrieben wird von den Wassermassen der Niagara-Fälle. Wieder verliert Edisons Unternehmen die Ausschreibung gegen Westinghouse. Im November 1896 jagen Generatoren hochgespannten Strom von den Niagara-Fällen durch 40 Kilometer Kupferdraht in die Stadt Buffalo.

Es ist Westinghouses größter Erfolg. Von nun an installieren Städte auf der ganzen Welt fast nur noch Wechselstromanlagen. Den Stromkrieg hat er gewonnen. Der Ruhm jedoch gehört dem anderen. Denn 1907, als eine Panik die New Yorker Börse erfasst, muss Westinghouse die Kontrolle über seine "Electric & Manufacturing Company" abgeben. Der Mann, der mit Wechselstrom die USA erleuchtet hat, wird von Investoren aus seinem eigenen Unternehmen gedrängt und fast vergessen.

Thomas Edison hingegen, der Verlierer des Kriegs um den besseren Strom (sein Unternehmen stoppt 1928 den Ausbau des Gleichstromnetzes), bleibt bis zu seinem Tod 1931 eine legendäre Gestalt. Noch heute gilt er vielen als größter Erfinder aller Zeiten.



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