Düstere Prognose: Diabetiker verursachen Kostenexplosion

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Die Zahl der Diabetiker in den USA könnte sich in den nächsten Jahrzehnten verdoppeln, US-Mediziner befürchten eine gewaltige Kostenexplosion. Aber auch in Deutschland ist die Lage nicht viel besser.

Insulinspritze: Mehr Diabetes-Kranke - explodierende Behandlungskosten Zur Großansicht
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Insulinspritze: Mehr Diabetes-Kranke - explodierende Behandlungskosten

Während die US-Regierung weiter um Milliarden für die Gesundheitsreform feilscht, könnte eine Studie neuen Zündstoff liefern: Selbst wenn der Prozentsatz übergewichtiger US-Amerikaner gleich bliebe, wird sich die Zahl der Diabetiker in den USA in den nächsten 25 Jahren verdoppeln - gar verdreifachen werden sich die Kosten zur Behandlung von Diabetes-Kranken.

Diese düstere Prognose haben Forscher von der University of Chicago jetzt abgegeben und im Medizinjournal " Diabetes Care" veröffentlicht. Demnach lebten 2009 knapp 24 Millionen Diabetiker in den USA. Sie zu behandeln, hat Kosten in Höhe von 113 Milliarden Dollar verursacht. Geht es nach den Berechnungen von Elbert Huang und seinem Team, wird die Zahl der Diabetiker im Jahr 2034 bei etwa 44 Millionen liegen. Die daraus resultierenden Behandlungskosten sollen den Wissenschaftlern zufolge auf 336 Milliarden Dollar steigen - die Inflation bereits eingerechnet.

"Wenn wir unsere Ernährung und unsere Gewohnheiten der körperlichen Aktivität nicht ändern, kommen wir bald in sehr große Schwierigkeiten", prophezeit Huang. Das Gesundheitswesen müsse sich verstärkt darauf konzentrieren, effektivere Maßnahmen zu ergreifen, um Diabetes zu vermeiden. Und es müsse neue sowie kostengünstigere Wege finden, um die Krankheit zu behandeln, sagt Huang.

Kostenexplosion auch in Deutschland befürchtet

Dabei seien seine Schätzungen, so Huang, noch vergleichsweise vorsichtig: In ihrer Berechnung gehen die Forscher von einem konstant bleibenden Anteil Übergewichtiger in der Bevölkerung aus. Tatsächlich ist die Zahl derer, die zu Übergewicht neigen, in den letzten Jahren jedoch stetig gestiegen.

Doch nicht nur in den USA ist die Lage alarmierend. Auch hierzulande hatte die Deutsche Diabetes-Stiftung (DDS) bereits im August vor einer gewaltigen Kostenexplosion im Gesundheitswesen gewarnt, wenn der Anstieg der Diabetes-Erkrankungen nicht gestoppt wird. Bei gleichbleibender Zunahme der Diabetikerzahl könnte diese Krankheit nach Berechnungen der DDS in 15 Jahren 240 Milliarden Euro kosten. Das sei bedeutend mehr, als derzeit der aktuelle Gesundheitsetat. Schon heute würden 30 Milliarden Euro im Jahr für die Behandlung der Zuckerkrankheit ausgegeben.

"Deutschland gehört mit mindestens vier Millionen Erkrankten, bei einer Dunkelziffer von etwa zwei Millionen Betroffenen, zu den europäischen Ländern mit der höchsten Diabeteshäufigkeit", sagte die damalige Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt schon vor drei Jahren anlässlich des Weltdiabetestages. "Experten erwarten, dass sich die Zahl der Diabetiker und Diabetikerinnen bis zum Jahr 2020 nahezu verdoppelt, wenn nicht gegengesteuert wird."

Eine neuere Studie des Kieler Instituts für Gesundheitssystem-Forschung (IGSF) vom August 2009 kommt allerdings zu etwas anderen Ergebnissen: Demnach werde die absolute Zahl der Diabetes-Erkrankten von 4,1 bis 6,4 Millionen im Jahr 2007 auf 4,9 bis 7,8 Millionen im Jahr 2030 steigen.

Thomas Danne, der Präsident der Deutschen Diabetes-Gesellschaft (DDG) und verantwortlich für das Informationsportal diabetesDE, ist der Auffassung, alle aktuellen Zahlen zeigten, dass in Deutschland die Anzahl der Erkrankten mit Diabetes Typ 1 und Typ 2 (siehe Kasten links) in den nächsten Jahren weiter ansteigen wird. "Wenn wir die gesicherten Daten mit der vermuteten Dunkelziffer nicht erkannter Typ-2-Diabetiker ergänzen, kommen wir schon heute auf mehr als acht Millionen Menschen mit Diabetes in Deutschland", sagt Danne im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Wir wissen außerdem, dass zurzeit jedes Jahr 300.000 Menschen an Diabetes mellitus neu erkranken. Um diesen hohen Zuwachs zukünftig zu verhindern, arbeiten wir intensiv an einer besseren Prävention von Diabetes Typ 2".

25.000 Fußamputationen im Jahr

Ist der Blutzuckerspiegel zu hoch, besteht prinzipiell für den gesamten Körper eine große Gefahr. Die Auswirkungen betreffen nicht nur das Herz, sondern unter anderem auch die Augen, die Leber, die Niere - und nicht zuletzt die Füße. Die schwerwiegendste Konsequenz für den Fuß ist die Amputation. In Deutschland ist die Zahl der Amputationen erschreckend hoch: Bei rund 25.000 Diabetikern pro Jahr kann der Fuß nicht mehr gerettet werden.

Anfang der fünfziger Jahre spielte die Krankheit noch so gut wie keine Rolle, doch bereits 1960 gab es schon eine Million Diabetiker. Der Grund, so die DDS: die erlahmende Freude an Bewegung sowie falsche Ernährung. Fettleibigkeit gilt in Ländern wie den USA mittlerweile als eines der größten Gesundheitsrisiken überhaupt, sie ist für Millionen Todesfälle weltweit verantwortlich. Und 2007 hatte eine Studie für Schlagzeilen dieser Art gesorgt: "Die Deutschen sind das dickste Volk Europas." Über Ursachen und Konsequenzen wird auch heute noch debattiert, wie erst neulich in einer Ernährungstalkrunde bei Plasberg. Gesichert bleibt, dass schwer übergewichtige Menschen ein stark erhöhtes Risiko für Bluthochdruck, Herzinfarkt, Schlaganfall - und Diabetes aufweisen.

Schwere Folgeerkrankungen

Unterdessen steigen die Kosten, die in Zusammenhang mit der Zuckerkrankheit stehen, weil sie immer mehr junge Menschen betrifft. Da sie länger leben als ältere Diabetes-Patienten steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sie irgendwann an schweren Folgeerkrankungen leiden - was wiederum die Behandlungskosten in die Höhe treibt.

Die Prognosen, die Huang und seine Kollegen jetzt für die USA abgeben, beruhen auf der Analyse von Daten der Gesundheitsbehörde Centers for Disease Control sowie zweier US-weiter Kohortenstudien, bei denen Personen um Alter zwischen 24 und 85 Jahren befragt wurden. Die Forscher entwickelten nach eigenen Angaben das neue Modell, um Vorhersagen für die Verbreitung der Zuckerkrankheit zu treffen, und damit die Konsequenzen für das Gesundheitswesen absehen zu können. "Unser Modell soll verbesserte Informationen liefern, die für die Budgetplanungen wichtig sind", schreiben die Forscher.

"Die Zahlen aus Huangs Studie sind realistische Prognosen für die USA. Für die Bundesrepublik wird kein so hoher Anstieg der Erkrankungszahlen bis 2030 berechnet, da weniger Menschen übergewichtig sind", sagt Thomas Danne zu SPIEGEL ONLINE.

Auch für die Debatte um die neue Gesundheitspolitik von US-Präsident Barack Obama dürften die Ergebnisse eine wichtige Rolle spielen. Bisher leben 50 Millionen Amerikaner ohne Gesundheitsversicherung. Die Reform soll über die kommenden zehn Jahre verteilt 829 Milliarden Dollar kosten und 94 Prozent der Amerikaner versichern.

Geht es nach Huang und seinen Kollegen, soll die Studie - die übrigens vom Insulin-Hersteller Novo Nordisk gefördert wurde - einen Einfluss auf die künftige Gesundheitspolitik der USA nehmen. "Die Implikationen für das Gesundheitswesen sind enorm", sagt Michael O'Grady einer der Co-Autoren. Die Ergebnisse der Studie seien eine ernsthafte Herausforderung für die staatlichen Krankenversicherungen sowie die gesundheitspolitischen Pläne der Regierung.

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Zuckerkrankheit
Diabetes mellitus
Der Diabetes mellitus (wörtlich aus dem Griechischen: "Honigsüßer Durchfluss"), auch Zuckerkrankheit genannt, ist eine chronische Stoffwechselerkrankung. Der Name bezieht sich auf die Ausscheidung von Zucker im Urin, an der die Krankheit in der Antike erkannt wurde. Heute gilt Diabetes als Überbegriff für verschiedene Stoffwechselstörungen, die jeweils durch eine Überzuckerung des Blutes, die sogenannte Hyperglykämie, gekennzeichnet sind. Der Grund dafür ist, dass Traubenzucker (Glukose) nicht mehr vom Körper verwertet werden kann. Er fehlt den Zellen als Energielieferant und reichert sich im Blut an. Seit 1998 ist der Diabetes in zwei Typen eingeteilt.
Typ 1
Beim Typ-1-Diabetes, von dem 5 bis 10 Prozent aller Zuckerkranken betroffen sind, kommt es zu einer Entzündungsreaktion: Das körpereigene Immunsystem zerstört die Insulin produzierenden Zellen in der Bauchspeicheldrüse. Die Symptome des fortschreitenden Insulinmangels beginnen meist in der Kindheit oder der Jugend: Die Blutzuckerkonzentration steigt extrem an, es kommt zu starkem Wasser- und Nährstoffverlust, was ständigen Durst und häufiges Erbrechen zur Folge hat. Auch eine schnelle Gewichtsabnahme gehört zu den Symptomen. Als Therapie wird die Zuführung von Insulin in Form von Medikamenten eingesetzt. Als Ursache von Typ-1-Diabetes gelten vor allem genetische Veränderungen.
Typ 2
Der Typ-2-Diabetes war früher auch als Altersdiabetes bekannt. Im Zuge der Fettsucht-Epidemie insbesondere in den Industrieländern erkranken aber immer öfter auch junge Menschen und inzwischen sogar Kinder am Typ-2-Diabetes. Falsche Ernährung und daraus folgendes Übergewicht gelten als Hauptursache der Krankheit: Die großen Mengen von Zucker, die dem Körper zugeführt werden, kann die Bauchspeicheldrüse in jungen Jahren noch durch eine verstärkte Insulinproduktion wettmachen. Im Laufe der Zeit werden die Zellen aber immer unempfindlicher für das Insulin, so dass die Glukose immer schlechter abgebaut wird und sich im Blut anreichert.

Im Unterschied zum Typ I gibt es beim Typ-2-Diabetes lange keine eindeutigen Symptome wie etwa verstärktes Wasserlassen oder Durstgefühl, sondern eher unspezifische Anzeichen wie ein ständiges Hungergefühl, Gewichtszunahme, Niedergeschlagenheit und Müdigkeit. Typ-2-Diabetes kann anfangs durch gesündere Ernährung, mehr Bewegung und Abnehmen bekämpft werden. Gelingt das nicht, sind später Medikamente zur Regulierung des Blutzuckers und auch eine Insulintherapie notwendig.
Verbreitung
Diabetes gehört schon heute zu den größten Volkskrankheiten und wird sich in den kommenden Jahren voraussichtlich dramatisch ausbreiten. Schätzungen zufolge gibt es weltweit mehr als 150 Millionen Zuckerkranke, Tendenz stark steigend.

In Deutschland lebten nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) im Jahr 2006 rund acht Millionen Diabetiker. Ihr Anteil an der Bevölkerung ist demnach von 0,6 Prozent im Jahr 1960 auf rund 10 Prozent gestiegen. Experten gehen allerdings von einer hohen Dunkelziffer aus, weshalb es sich hier nur um grobe Schätzungen handelt.

Übergewicht und Adipositas bei Kindern und Jugendlichen
Übergewicht
Zur Definition von Übergewicht wird der sogenannte Körpermassen-Index (BMI) herangezogen. Durch das Wachstum und die Pubertätsentwicklung sowie den damit verbundenen Änderungen der Körperzusammensetzung unterliegt der BMI alters- und geschlechtsspezifischen Veränderungen. Ein BMI von 25-29,9 gilt als Indiz für Übergewicht.
Adipositas
Das Krankheitsbild der Adipositas ist gekennzeichnet durch einen erhöhten Körperfettanteil, der krankhafte Auswirkungen haben kann. Menschen mit einem BMI von mehr als 30 gelten als adipös.
Body-mass-Index (BMI)
Der BMI ist definiert als Körpergewicht (kg) dividiert durch die Körpergröße in Metern zum Quadrat. Normalgewichtige haben einen BMI zwischen 18,5 und 24,9. Ab einem BMI von 25 gelten Personen als übergewichtig. Ab einem BMI von mehr als 30 oder weniger als 18,5 gilt der Betroffene als behandlungsbedürftig.
Häufigkeit
Die "Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland" (KiGGS) hat herausgefunden, dass 15 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland übergewichtig sind. Bei rund 6,3 Prozent der Kinder und Jugendlichen liegt eine Adipositas vor. Bei den Drei- bis Sechsjährigen liegt der Anteil der Übergewichtigen bei neun Prozent, mehr als 15 Prozent der Sieben- bis Zehnjährigen sowie 17 Prozent der 14- bis 17-Jährigen leiden unter Übergewicht. Eine Adipositas haben laut KiGGS 2,9 Prozent der Drei- bis Sechsjährigen, 6,4 Prozent der Sieben- bis Zehnjährigen sowie 8,5 Prozent der 14- bis 17-Jährigen. Der Anteil der übergewichtigen Kinder und Jugendlichen ist im Vergleich zu den Referenzdaten aus den Jahren 1985-1999 um 50 Prozent gestiegen. Die Häufigkeit der Adipositas hat sich demnach sogar verdoppelt. Eine deutliche Zunahme der Erkrankungen ist seit Beginn der achtziger Jahre zu verzeichnen.
Folgeerkrankungen
Unterschieden werden können medizinische und psychiatrische beziehungsweise psychologische Folgeerkrankungen. Etwa ein Drittel aller übergewichtigen Kinder leiden unter Bluthochdruck. Hinzu kommen Fettstoffwechselstörungen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen sowie ein erhöhtes Risiko einer Diabetes mellitus Typ 2 (Altersdiabetes) Erkrankung. Bei den seelischen Erkrankungen ist es schwierig, Ursachen und Folgen der Adipositas zu unterscheiden. Zu diesen Erkrankungen gehören Depressionen, Angststörungen sowie Essstörungen.
Risikofaktoren
Laut der Arbeitsgemeinschaft Adipositas im Kindes- und Jugendalter der Deutschen Gesellschaft für Kinderheilkunde und Jugendmedizin gibt es vor allem zwei Risikofaktoren einer Erkrankung im Kindes- und Jugendalter. Sowohl eine familiäre Belastung (Übergewicht der Eltern) als auch eine bestimmte ethnische Zugehörigkeit und ein niedriger sozialer Status (gemessen an Einkommen und Schulbildung der Eltern) gelten als Risikofaktoren.