Düsterer Alpenort Reflektoren sollen Rattenberg aufhellen

Winter für Winter liegt die österreichische Alpengemeinde Rattenberg vier Monate lang im Schatten eines Berges. Den Bewohnern fehlt die Sonne. Mit Hilfe riesiger Spiegel will der Ort nun mehr Licht in seine dunklen Gassen leiten.


Kommt die kalte Jahreszeit, machte sich in Rattenberg der Missmut breit. Jeder fünfte Bewohner des österreichischen Alpenortes leidet unter winterlichen Depressionen, da der nahe gelegene Stadtberg von November bis Februar jeglichen Sonneneinfall verhindert. Das zumindest ergab eine Befragung der 467 Einwohner Rattenbergs vor zwei Jahren. "Da haben wir dieses etwas verrückte Projekt in Angriff genommen", erzählt Bürgermeister Franz Wurzenrainer. Jetzt plant das "Bartenbach Lichtlabor" in Aldrans ein zwei Millionen Euro teures Spiegelsystem, das dem Dorf Wintersonnenstrahlen bescheren soll.

Rattenberg: Vier Monate im Schatten
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Rattenberg: Vier Monate im Schatten

Diese Spiegel, in der Fachsprache Heliostaten genannt, werden auf zwei Achsen montiert und mittels eines Rechners so gesteuert, dass sie im Laufe eines Tages die Sonnenstrahlen zwar aus verschiedenen Winkeln empfangen, sie aber stets auf dieselbe Stelle reflektieren.

Die Heliostaten sollen Anfang 2007 in einer Entfernung von 500 Metern Luftlinie im sonnenverwöhnten Dorf Kramsach aufgestellt werden. Von dort soll das Licht auf eine zweite Reihe von Spiegeln gelenkt werden, die ihrerseits die Sonne an zehn ausgewählte Punkte im Dorf weiterleiten, erklärt Markus Peskoller, der das Projekt beim Lichtlabor leitet.

Dabei ist keinesfalls gesichert, dass das System auch funktioniert. "Die technischen Zwänge sind gewaltig", sagt Peskoller, "es gibt weltweit kein vergleichbares Projekt. Die Spiegel müssen äußerst präzise sein und absolut flach, damit es funktioniert." Eine Machbarkeitsstudie soll erst noch bestätigen, dass das Sonnenlicht auch wirklich in Rattenberg ankommt.

Dort werden hellere Winter ungeduldig herbeigesehnt. "Ich habe im Winter an nichts mehr Freude", sagt der Holzschnitzer Johann Arzberger, dessen Werkstatt in der Südtirolerstraße, der Hauptstraße des Ortes, liegt. "Die Dunkelheit verschreckt auch die Touristen", meint Reinhard Lotz, Wirt des Gasthofes "Schlosskeller".

Spiegel als Touristenattraktion

Einige Rattenberger schritten sogar zum Äußersten und verließen ihren Heimatort: In den vergangenen fünf Jahren sei die Bevölkerung um zehn Prozent geschrumpft, sagt der Bürgermeister, an die fünfzig Wohnungen stünden nun leer.

"Jahreszeitbedingte Stimmungsschwankungen" durch Lichtmangel sind dabei keine Erfindung der Rattenberger, sondern in medizinischen Studien gründlich belegt. "Sie zeichnen sich durch extreme Traurigkeit aus, dazu kommen Müdigkeit, Schlafstörungen und das Gefühl, zu nichts nutze zu sein", erläutert der Innsbrucker Psychologe Franz Schwanitz.

Für Bürgermeister Wurzenrainer war das Grund genug, das Zwei-Millionen-Euro-Projekt anzustoßen - auch wenn diese Summe dem Jahreshaushalt der kleinen Gemeinde entspricht. "Wir müssen doch unsere Bevölkerung hier behalten", findet der Bürgermeister. Das ist im Übrigen nicht die einzige Hoffnung, die sich mit den Sonnenreflektoren verbindet. "Die Touristen werden massenweise herkommen, allein um die Spiegel zu sehen", hofft Leopold Kisslinger, der in einer der sechs Kristallwerkstätten des Dorfes arbeitet. Das älteste der Kristallwerke wurde schon vor 400 Jahren gegründet, und so ist Kisslinger zuversichtlich: "Glas hat Rattenberg schon oft gerettet."

Robert Koch, AFP



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