Durchbruch 60 Prozent des Neandertaler-Genoms rekonstruiert

Leipziger Forscher haben die erste Version des Neandertaler-Erbguts vorgelegt: Sie extrahierten DNA aus den fossilen Knochen und konnten so das Neandertaler-Genom zu 60 Prozent rekonstruieren. Nun wollen sie das Erbgut mit dem des Menschen vergleichen.


Was macht den Menschen zum Menschen? Neue Antworten auf diese Frage erhoffen sich Leipziger Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Evolutionäre Anthropologie vom Genom des Neandertalers. Svante Pääbo und seinen Kollegen ist es gelungen, mehr als eine Milliarde DNA-Fragmente aus drei Neandertaler-Fossilien zu sequenzieren. Damit sei die erste Version des gesamten Neandertaler-Genoms rekonstruiert worden, sagte Pääbo in Leipzig. Insgesamt deckten die Fragmente mehr als 60 Prozent des gesamten Neandertaler-Genoms ab.

Die Neandertaler-Genomsequenz wird nach Angaben der Wissenschaftler dazu beitragen, die evolutionäre Beziehung von Menschen und Neandertalern zu klären. So wird erwartet, dass die Forschungsergebnisse die genetischen Veränderungen erklären helfen, die den heutigen Menschen in die Lage versetzten, sich vor etwa 100.000 Jahren von Afrika ausgehend über die gesamte Welt zu verbreiten. "Besonders interessant beim Genomvergleich von Mensch, Neandertaler und Schimpanse sind die genetischen Anlagen für das Sprachvermögen und die Gehirnentwicklung", sagte Pääbo.

Die Wissenschaftler untersuchten Knochenproben von drei etwa 38.000 Jahre alten Neandertaler-Fossilien aus der Vindija-Höhle in Kroatien. Dabei mussten sie einerseits penibel sicherstellen, dass die Proben nicht mit menschlichem Erbgut, etwa mit Hautschuppen, verunreinigt wurden. Andererseits gelang es ihnen, die Neandertaler-DNA vom Erbgut von Bakterien, die über die Jahrtausende in die Knochen vorgedrungen waren, zu trennen. Ein halbes Gramm Knochenmaterial reichte den Forschern für die Komplettanalyse.

Vor rund 30.000 Jahren starben die Neandertaler als Seitenlinie in der Entwicklung des Menschen aus. Die Ursachen liegen noch weitgehend im Dunkeln. Die modernen Menschen hingegen konnten sich nach ihrem Auszug aus Afrika über die ganze Erde verbreiten. Die Forscher wollen im Genom von Neandertaler und Menschen eine Antwort auf die Frage finden, was die Ursachen dieser unterschiedlichen Entwicklung waren. Sie fangen nicht bei Null an. Erste Ergebnisse von Erbgutanalysen liegen bereits vor, auch wenn die Ergebnisse nicht immer eindeutig sind. So haben die Forscher bereits Genorte für die Sprachfähigkeit und für die Gehirnentwicklung untersucht.

Pääbo erklärte, mit dem Vorliegen des Neandertaler-Genoms könne man sich nun auch der Frage näher widmen, ob es zwischen den Vorfahren des heutigen Menschen und den Neandertalern einen Austausch von Erbgut gegeben hat - und ob es noch heute im Menschen genetische Spuren der Neandertaler gebe. Es wurden zwar bereits Hinweise dafür gefunden, diese sind jedoch umstritten.

Pääbo vermutet, dass Neandertaler-Gene - wenn überhaupt - nur in äußerst geringem Umfang beim Menschen zu finden sind. Vielmehr gelte es zu erforschen, ob im Neandertaler genetische Hinterlassenschaften der frühen Menschen zu finden sind. Man werde jedoch vermutlich niemals erfahren, inwiefern es tatsächlich soziale Kontakte zwischen den Neandertalern und den Vorfahren der Menschen gegeben habe, sagte Pääbo. Ob es zum Beispiel zu so etwas wie Zusammenarbeit gekommen sei, werde man mit dem jetzt gefundenen Neandertaler-Genom nicht beantworten können. Dies müssten andere Zweige der Wissenschaft erforschen, etwa die Archäologie.

hda/ddp/AP



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