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Durst weltweit: Wasserflaschen-Wahn belastet die Umwelt

Müllhalden schwellen weltweit an - auch weil die Menschen jährlich mehr Wasser aus Flaschen trinken. Viele davon werden nicht recycelt, warnen Umweltschützer. In der Dritten Welt ist oft nur Flaschenwasser sauber. Doch auch Westler ziehen der Leitung die Flasche vor.

Es ist bis zu 10.000 Mal teurer als Leitungswasser, oft nicht einmal besser - und dennoch sind die Menschen ganz verrückt nach Mineralwasser aus der Flasche. Weltweit. Dieser Flaschenwasserdurst komme die Menschheit aber teuer zu stehen, "ökologisch wie ökonomisch", warnt das Worldwatch Institute in Washington, eine unabhängige Forschungseinrichtung, die nach eigenen Angaben den Gedanken der Nachhaltigkeit und der sozialen Gerechtigkeit verpflichtet ist.

Abfüllung: Durst nach Wasser aus PET-Flaschen weltweit
DPA

Abfüllung: Durst nach Wasser aus PET-Flaschen weltweit

"Wasser in Flaschen mag zwar industriell ein Gewinner sein, aus Umweltschutzsicht ist es aber ein Verlierer", sagte Ling Li, die Autorin der Studie. Es handele sich dabei um das Getränk mit den weltweit stärksten Zuwachsraten.

Zwischen den Jahren 1997 und 2005 habe sich der weltweite Konsum mehr als verdoppelt. In China habe er sich alleine zwischen 2000 und 2005 verdoppelt, in Indien gar verdreifacht. Weltweit würden so über 160 Milliarden Liter Flaschenwasser verkauft. Der Gesamt- und Pro-Kopf-Verbrauch variiert selbst innerhalb der Top-10 (siehe Tabelle) gewaltig.

Top-10 der Flaschenwasser-Trinker
Land Gesamtvolumen (Millionen Liter) Anteil am weltweiten Verbrauch (Prozent) Verbrauch pro Person (Liter)
USA 28.651 17,4 99,2
Mexiko 18.861 11,5 179,7
China 12.901 7,8 9,9*
Brasilien 12.252 7,4 65,8*
Italien 11.145 6,8 191,9
Deutschland 10.581 6,4 128,4
Frankreich 8.424 5,1 139,1
Indonesien 7.633 4,6 33,3*
Spanien 5.923 3,6 147,1
Indien 6.177 3,8 5,6*
Alle Anderen 41.982 25,5
Insgesamt 164.530
Globaler Durchschnitt 25,5
(Angaben für das Jahr 2005, * = Diese Angaben wurden auf Basis von Zahlen des US Bureau of the Census hochgerechnet, Quelle: Worldwatch Institute, 2007)

Diese Entwicklung sehen die Washingtoner Umweltschützer höchst skeptisch. Li kritisiert vor allem:

  • Die Energiekosten für die Produktion, das Abfüllen, das Verpacken, Lagern und Ausliefern lägen bei in Flaschen abgefülltem Wasser viel zu hoch. Außerdem verschlinge die Herstellung von Plastikflaschen Unmengen an Öl.
  • Da in den meisten Ländern der Welt praktisch nur Einwegplastik- und keine Mehrwegflaschen benutzt würden, sei der Flaschenwasserdurst für anschwellende Müllkippen mitverantwortlich.
  • Zwar könnte der Kunststoff Polyethylen-Terephthalat (PET) wiederverwertet werden. Doch gingen die Recycling-Raten in einigen Ländern zurück. In den USA seien 2005 beispielsweise nur noch 23 Prozent der Flaschen wiederverwertet worden. 1995 seien es noch fast 40 Prozent gewesen.
  • In vielen Entwicklungsländern müsse kritisch hinterfragt werden, ob bei der Abfüllung nicht geringere Standards gelten würden als bei der Aufbereitung normalen Leitungswassers. Auf einen entsprechenden Qualitätsunterschied - wenngleich auf deutlich höherem Niveau - hatten Experten in Deutschland schon mehrfach hingewiesen: Leitungswasser sei oft besser als Flaschenwasser.
  • Vor allem aber ist es viel billiger. Zwischen 240 und 10.000 Mal teurer als Wasser aus der Leitung sei in Flaschen abgefülltes.

Und selbst das stellt sich, je nach Perspektive, noch als Luxusproblem heraus. Mehr als eine Milliarde der ärmsten Erdenbürger, schreibt Li, hätten überhaupt keinen Zugang zu sauberem Wasser - ob nun aus der Flasche oder nicht. Wer es sich leisten kann, kauft plastikflaschenweise Wasser. In vielen Gegenden der Dritten Welt ersetzen die Menschen damit auch die unzuverlässige oder qualitativ minderwerte öffentliche Leitungswasserversorgung. "Die Getränkeindustrie profitiert noch am meisten von dieser Flaschenwasser-Besessenheit", sagte Li - auch weil die Bewohner der Industriestaaten ebenfalls immer häufiger zur Wasserflasche greifen.

Der Durchschnittsdeutsche trank 1970 noch gut 12 Liter, 2005 ganze waren es 128 Liter. Obwohl das Leitungswasser hierzulande ebenfalls Trinkwasserqualität hat. Nach Schätzungen wird knapp ein Drittel der Pfandflaschen nicht zurückgebracht - diese belasten dann als Müll die Umwelt.

stx/rtr

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