Epidemie WHO warnt vor internationaler Ausbreitung von Ebola

Die Symptome gleichen anfangs denen einer Grippe, doch in den meisten Fällen verläuft die Krankheit tödlich: In Westafrika steigt die Zahl der Ebola-Infizierten, bislang starben 467 Menschen. Die WHO warnt vor einer Ausbreitung.

AFP

Von und


Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat wegen der außer Kontrolle geratenen Ebola-Epidemie in Westafrika ein Krisentreffen einberufen. Am Mittwoch und Donnerstag beraten die Gesundheitsminister aus elf afrikanischen Staaten mit internationalen Gesundheitsexperten und Hilfsorganisationen darüber, wie der weltweit schwerste Ausbruch, den es je gab, bekämpft werden kann.

Titelbild
Mehr dazu im SPIEGEL
Heft 27/2014
Strapazieren statt schonen: Wie Gelenke gesund bleiben

"Es handelt sich nicht mehr um einen landesspezifischen Ausbruch", erklärte der für Afrika zuständige WHO-Direktor Luis Sambo. Seine Behörde sei tief besorgt wegen der Verbreitung über Ländergrenzen hinweg und der "Möglichkeit einer weiteren internationalen Ausbreitung". Bereits in der vergangenen Woche hatte die Organisation Ärzte ohne Grenzen Alarm geschlagen, der Ebola-Ausbruch in Westafrika sei "völlig außer Kontrolle".

Die aktuelle Ebola-Epidemie fordert mehr Opfer als jede andere zuvor in der Geschichte. In Guinea, Sierra Leone und Liberia starben den jüngsten Zahlen der Weltgesundheitsorganisation zufolge 467 Menschen an Ebola, seit Jahresbeginn wurden 759 Infektionen verzeichnet, darunter 544 bestätigte Fälle. Als bisher schwerster Ausbruch galt die Epidemie 1976 im Kongo. Damals starben 280 Menschen.

Eine der tödlichsten Krankheiten weltweit

Krankheitsfälle in Guinea, Sierra Leone und Liberia, Stand 2.7.2014: Ausbreitung über die Grenzen hinweg
SPIEGEL ONLINE

Krankheitsfälle in Guinea, Sierra Leone und Liberia, Stand 2.7.2014: Ausbreitung über die Grenzen hinweg

Ebola ist eine der tödlichsten Krankheiten weltweit. Woher das Virus bei diesem Ausbruch stammt, ist noch unklar. Nach Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) in Berlin gelten Flughunde als wahrscheinlichste Quelle. Der Erreger wird durch Blut und andere Körperflüssigkeiten übertragen und ist hoch ansteckend. Es gibt weder eine wirksame Schutzimpfung noch Medikamente. Die Infizierten haben zunächst grippeähnliche Symptome, dann kommen hohes Fieber, Durchfall und innere Blutungen hinzu. Bis zu neun von zehn Erkrankten sterben, viele von ihnen durch Herz-Kreislauf-Versagen.

In der Theorie ließe sich die Epidemie durch einfache Maßnahmen eindämmen: Die Kranken müssen isoliert und die Toten so begraben werden, dass niemand mehr mit ihren Körpern in Kontakt kommt.

In der Praxis scheitern diese Vorkehrungen aber an mehreren Punkten. Die Infizierten suchen nicht unbedingt medizinische Hilfe, weil sie die Symptome entweder nicht zuordnen können und von Ebola noch nichts gehört haben. "Manche Menschen bezweifeln, dass es Ebola überhaupt gibt", sagt Halimatou Amadou, Kommunikationsbeauftragte der Organisation Ärzte ohne Grenzen, "andere verdächtigen die Helfer, die Krankheit eingeschleppt zu haben." Im Süden Guineas hat das Rote Kreuz jetzt eine Hilfsaktion abgebrochen, nachdem Mitarbeiter von Einheimischen mit Messern bedroht worden waren.

Die Helfer kommen mit Schutzanzügen und Atemmasken

An mehreren Orten wurden spezielle Behandlungszentren eingerichtet. Es gibt darin Betten für die Infizierten, Bereiche, in denen Verdachtsfälle untersucht werden und einen Behandlungstrakt für die sicher Erkrankten. Wenn die Helfer eine der Ebola-Kliniken betreten, müssen sie sich in Schutzanzüge kleiden und einen Atemschutz anlegen, sie tragen Gummistiefel und Handschuhe.

Viele Hilfsteams versuchen, in den Dörfern Überzeugungsarbeit zu leisten, aufzuklären und gleichzeitig Menschen zu untersuchen, die sich möglicherweise mit dem Ebola-Virus infiziert haben. Verdachtsfälle nehmen sie, wenn möglich, gleich mit in die Behandlungszentren, um sie zu testen und zu behandeln. Das gelingt allerdings nicht immer, denn mitunter verstecken sich Erkrankte aus Furcht, aus den Isolierzelten nicht mehr lebend herauszukommen.

"Die Menschen haben große Angst vor der Krankheit, die in der Region noch völlig unbekannt ist", sagt Amadou. "Es gibt großes Misstrauen gegenüber Gesundheitseinrichtungen." Außerdem fehle in der Bevölkerung das Wissen, wie sich die Krankheit ausbreitet. Weil sich die Menschen viel auch über ihre Landesgrenzen hinaus bewegten, gelange auch das Virus in neue Regionen.

Die liberianische Präsidentin Ellen Johnson Sirleaf warnte ihre Landsleute davor, die Epidemie zu unterschätzen. "Ich möchte alle Mitbürger öffentlich darüber informieren, dass die Epidemie real ist und in unserem Land Menschen tötet", sagte Johnson Sirleaf. Sie forderte die Bevölkerung auf, mögliche infizierte Familienmitglieder nicht in Häusern zu verstecken.

"Wir sind am Limit"

Auch der Umgang mit den Toten ist nicht so einfach, wie es die vorgeschriebenen Maßnahmen vorsehen. Die Verstorbenen müssen in Leichensäcke verpackt und vergraben werden. Allerdings gehört an vielen Orten zum Beerdigungsritual, den Leichnam zu waschen und zu umarmen - ein hohes Infektionsrisiko. Außerdem reisen Menschen von verschiedenen Orten zur Beerdigung an und kehren - möglicherweise mit Ebola infiziert - in ihre Heimat zurück.

"Wir erhoffen uns von dem Krisentreffen in Ghana, dass die Regierungen der drei betroffenen Länder die Epidemie anerkennen und reagieren", so Amadou von Ärzte ohne Grenzen. "Wir sind am Limit und können nicht mehr auf alle Verdachtsfälle reagieren."

Deutschland hat aufgrund der Epidemie bislang keine weiteren Maßnahmen ergriffen. Es sei äußerst unwahrscheinlich, dass Touristen sich anstecken, sagt Lars Schaade, Vizepräsident des Robert Koch-Instituts (RKI). In den rund 40 Jahren, in denen der Ebola-Erreger in Afrika bekannt ist, wurde er kein einziges Mal nach Europa eingeschleppt. Nur ein Importfall des verwandten Marburg-Virus ist bekannt. "Selbst für den unwahrscheinlichen Fall, dass jemand die Erkrankung einschleppt, ist Deutschland bereits bestens ausgerüstet", so Schaade.

Bundesweit gibt es neun spezielle Behandlungszentren. "Die sind jederzeit einsatzbereit", sagt Schaade. Die Sonderisolierstationen sind auf den Umgang mit gefährlichen Infektionskrankheiten spezialisiert. Dort geht es darum, die Weiterverbreitung zu stoppen und die Patienten zu stabilisieren. Auch am Frankfurter Flughafen gibt es nach Aussage des Hamburger Bernhard-Nocht-Instituts für Tropenmedizin Vorsichtsmaßnahmen. Mittels Wärmekameras können beispielsweise fiebernde Reisende ausfindig gemacht werden.

Die Chronologie der Ebola-Epidemie in Westafrika
21. März: Ausbruch in Guinea
Guinea informiert die Weltgesundheitsorganisation (WHO) am 21. März 2014 über einen Ausbruch im Süden des Landes. Es habe bis zu diesem Zeitpunkt 49 Krankheitsfälle und 29 Tote gegeben. Woher das Virus ursprünglich kam, ist laut dem Berliner Robert-Koch-Institut nicht abschließend geklärt. Am wahrscheinlichsten stammt es von Flughunden.
27. März
Am 27. März werden vier Erkrankungsfälle in der Hauptstadt Conakry an der Küste bestätigt. Die WHO warnt vor Reisen in die Region.
30. März: Erste Infizierte in Liberia
Es gibt die ersten Ebola-Infizierten im benachbarten Liberia. Das Land richtet eine nationale Taskforce ein in Zusammenarbeit mit der WHO, dem Internationalen Roten Kreuz und anderen Hilfsorganisationen. In Guinea ist die Zahl der Erkrankten auf 112 gestiegen, 70 Menschen sind gestorben.
April
Im April gibt es mehrere Verdachtsfälle in Sierra Leone und Mali, die aber nicht bestätigt werden. Die Zahl der Erkrankten in Guinea beträgt Ende April 224, 143 sind an der Infektion gestorben.
28. Mai: Ebola in Sierra Leone
In Sierra Leone gibt es die ersten bestätigten Ebola-Infektionen. Mehrere internationale und lokale Aktivitäten sollen die Situation unter Kontrolle bringen. Die WHO setzt ein Notfallteam vor Ort ein.
4. Juni
79 Krankheitsfälle in Sierra Leone, 328 in Guinea.
23. Juni: Die Situation ist "außer Kontrolle"
Ärzte ohne Grenzen warnt, die Situation sei außer Kontrolle. Seit Beginn der Epidemie gab es laut WHO 528 Infektionen und 337 Tote.
26. Juni
Die WHO fordert drastischere Maßnahmen und veröffentlicht aktuelle Zahlen: Seit Jahresbeginn gab es 635 Infektionen und 399 Tote.
1. Juli
759 Ebola-Kranke, 467 Tote.
2./3. Juli: WHO-Gipfel mit afrikanischen Gesundheitsministern
Sondergipfel im ghanaischen Accra mit den Gesundheitsministern aus elf Staaten.

Mit Material von dpa/AFP/Reuters

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 57 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
odapiel 02.07.2014
1. Warum
...nicht bereits der Reiseverkehr in und zu diesen Gebieten unterbunden wurde, ist ein echtes Rätsel.
aramcoy 02.07.2014
2. Isolieren, nicht nur die bereits Erkrankten
Sorry, ich denke, dass die Epidemie absolut verharmlost wird. Bei irgendwelchen Grippen wird wesentlich panischer reagiert. Es mag hart klingen, aber ich empfehle dringend alle Reisenden aus diesen Ländern mehrere tage zu isolieren, bevor man sie nach Deutschland bzw. Europa lässt. Wenn wir das nicht tun, und da wette ich, haben wir die ersten Fälle in Europa, bevor der Sommer rum ist.
frank1980 02.07.2014
3. Verdachtsfälle
Die Gefahr sich anzustecken ist sicher erheblich erhöht wenn viele Verdachtsfälle in einem Zelt isoliert sind und nur einer wirklich infiziert ist.
jurimeiyer 02.07.2014
4. Gute Besserung für die Menschen in der Region!
Leider sind Laien, übrigens nicht nur in bildungsfernen Ländern(!!!), viel zu schlecht über einfachste hygienische Grundregeln aufgeklärt. Das Thema Hygiene wird uns in der Zukunft noch ausreichend beschäftigen! Ein guter Anfang wäre es, egal ob in Afrika, Europa oder Asien, dass in Schulen und auch schon Kindergärten einfachste Hygienegrundsätze vermittelt werden. Abgesehen davon werden in den aktuell betroffenen Gebieten Afrikas Flughunde als Delikatesse verspeist- ein Teufelskreis...
f14-tomcat 02.07.2014
5. Aufklärung
Aufklärung ist das größte Problem in diesen Ländern. Die Menschen nehmen die ausgehende Gefahr als real wahr wie bei uns die Pest damals die tausende hingerafft hat.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.